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geschäfte aber gehen jetzt per Post, nachdem sie früher den schnecken-
gang gingen, und heute, gestern und morgen geschieht mehr als bisher in
einem Jahre, die feilbiethung wird morgen bewilligt und in ein paar tagen
vom Bezirksgerichte cervignano ausgeschrieben.1 vielleicht dürfte sich so-
gar wegen der cession meiner forderungen etwas machen.
die gescheidtesten hier sind noch die Beamten aus stadions schule,2 so
hat mich z.B. sesto codelli überrascht, sogar mein Buch ist hier bekannt,
auch die grenzboten werden von ihnen gelesen. codelli hat mir das vielbe-
sprochene hiesige Zwangsarbeitshaus gezeigt, stadions bizzare schöpfung:
alles militairisch organisirt, exerzieren, gliederweise zur Arbeit marschiren
etc., welches aber gute resultate zu haben scheint. Auch stadions gemeinde-
ordnung hat er mir gegeben, die ich studiren will. ich hoffe samstag wieder
fortzukommen. sonntag habe ich frank ein rendezvous in grätz gegeben.
sonst nichts neues hier, überall die alten gesichter, die alte indolenz,
das alte klagen, die alte unwissenheit und die alten einfallenden häuser,
überall stillstand, stagnation und unbekümmertheit, in görz sollte unsere
regierung ihren sitz aufschlagen.
Wien 18. may
Zu meinem großen verdrusse mußte ich in görz um einige tage länger
bleiben als ich dachte, indem das landrecht, statt die lizitation gleich
zu bewilligen, vorerst noch auf den 10. eine tagsatzung zur festsetzung
der Licitationsbedingnisse bestimmte. Diese fiel jedoch ganz nach meinem
Wunsche aus, und ich konnte dabey mehrere formelle unrichtigkeiten (be-
sonders in den landtafelextrakten) berichtigen, welche mir sonst jahre-
lange mühe und schreiberey verursacht haben würden. in spangher habe
ich meinen generalbevollmächtigten aufgestellt, welcher meine geschäfte
sowohl bey der versteigerung als im falle einer cession so eifrig und un-
eigennützig betreiben wird, als ich selbst es thun könnte, der mann ist ein
wahrer diamant.
übrigens langweilte ich mich über die maßen, die hitze war mir an das
nördlichere clima gewöhnten unausstehlich, und dafür hatte ich gar keine
entschädigung, lauter menschen, deren sprache und ideen himmelweit
von den meinigen differiren.
Am 11. früh fuhr ich frohen muthes ab, frühstückte mit toni coronini
in schönpass und setzte mich da in den eilwagen, in Wippach besuchte ich
1 Andrian versuchte bereits seit längerem, zur Verbesserung seiner finanziellen Situation
das familiengut Papariano zu verkaufen.
2 graf franz stadion war von 1841 bis zu seiner versetzung nach lemberg 1847 gouverneur
in triest, dem auch die grafschaft görz unterstand.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien