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September 1847
streich radetzkys halte), übrigens sagte ich höfken ganz unverholen, daß ich
die italiener zu dem, was Pius ihnen geben will und theilweise gegeben hat,
nicht für reif halte, und daß Alles was sie verlangen und ertragen können,
eine gute Administration wie die unsrige (notabene in italien) sey. überhaupt
ärgert mich diese ganze sache und all das schale Zeug, was darüber gesagt
und geschrieben wird, eines theils die hohlen liberalen floskeln, andererseits
die lügen und invectiven gegen uns, namentlich in den englischen Blättern,
diesen fundgruben der ignoranz und dummheit, sowie es sich um das Aus-
land handelt. ich habe sogar dieser tage in diesem sinne einen Artikel für die
Allgemeine Zeitung entworfen, zweifle aber, ob ich ihn absenden werde.
um 2 fuhr ich nach mannheim, wo ich aß und dann einige commissionen
etc. besorgte, ich sammelte dort, wie ich es in stuttgart etc. (Ansbach diesen
Winter etc.) gethan habe, Alles, was auf gemeindeverfassung, gutsherrli-
che verhältnisse etc., wohl auch auf die staatsverfassung der verschiedenen
deutschen staaten Bezug hat, als material für uns, welches außer mir wohl
Wenige in oesterreich besitzen dürften.
um 1/2 7 fuhr ich mit dem dampfschiffe ab, war um 10 in mainz, wo ich
übernachtete und tags darauf, sonntag, um 10 weiter fuhr. nach 7 Abends
war ich in cöln im hôtel royal. Zu meiner großen verwunderung war weder
da noch auf der Post ein Brief von kuranda, und somit dürfte unsere Zusam-
menkunft aller Wahrscheinlichkeit nach nicht statthaben.
montags stieg ich mit einem dummen lohnbedienten den ganzen vormit-
tag in der stadt herum, sah die domkirche und die neubauten daran, das
haus des rubens und der maria von medicis, das rathhaus mit einer dem
vipsanius Agrippa (!!) vom rathe erst kürzlich gesetzten gedenktafel, meh-
rere kirchen, darunter die der h. ursula mit den gebeinen der 11.000 auf
dieser stätte von den hunnen (!) im Jahre 237 erschlagenen Jungfrauen!! o
katholizismus!
um 4 fuhr ich per eisenbahn ab und war nach 5 in düsseldorf, einer net-
ten freundlichen stadt, ganz das gegentheil des großen alterthümlichen
finstern schmutzigen coeln, welches eher einer italienischen als einer deut-
schen stadt ähnlich sieht. düsseldorf hat wie alle norddeutschen städte,
cöln wieder ausgenommen, sehr schöne Anlagen. in diesen, dann am hafen,
am rheinkai, in der stadt, etc. etc. stieg ich bis gegen 7 herum und ging
dann zum rittmeister Baron geyer, an den ich von carl Wickenburg in
Wien einen Brief mitgebracht hatte. ich hatte nämlich die Absicht gehabt,
dahlmann und einige der westphälischen und rheinischen Abgeordneten,
namentlich vincke, kennen zu lernen, indem diese in einem mit unsern ver-
hältnissen ziemlich homogenen medium aufgewachsen sind. dahlmann ist
aber schon seit Wochen von Bonn weg und auf reisen, zudem hat mir sein
Buch über Politik einen theil der lust benommen, ihn kennen zu lernen,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien