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November 1847
meine reise nach Presburg hatte 2 motive: die wochentlichen land-
tagsberichte, welche ich für mich, die österreichischen und die böhmischen
stände zu bestellen hatte, und die endliche realisirung meines lange vorbe-
reiteten Planes der Besprechung unserer politischen Zustände am ungari-
schen landtage. das erste geschäft brachte ich bald ins reine, und zwar mit
tóth lörinz, der mir schon deßhalb hierher geschrieben hatte. das zweyte,
weit wichtigere hoffe ich ebenfalls auf das Beste besorgt zu haben. ich hatte
nämlich am Abende des 18. vor dem Balle bey erzherzog stephan eine lange
entrevue mit kossuth, zu welchem l. teleki mich führte. tags darauf war
ein politisches diner bey louis Batthyány, wo ich wieder mit jenen Beyden,
dann mit szentkirályi und szémére, also den sommitäten der opposition
zusammen kam. Bey dieser gelegenheit so wie überhaupt bey den vielen,
ja fast unausgesetzten Besprechungen, welche ich über diesen gegenstand
hatte, verhielt ich mich immer sehr zurückhaltend, ließ die leute anfangen
davon zu sprechen, und vermied systematisch den schein, als käme ich um
ihre intercession zu bitten. ich sagte: ein resultat ihrer discussion, ein Pa-
ragraph in der Adresse etc. sey uns ziemlich gleichgültig, denn ein solcher
würde für uns doch keine praktische Wirkung haben, es sey mir mehr um
eine lange und lebhafte discussion zu thun, und zwar vornehmlich aus der
höhern politischen rücksicht der Annäherung zwischen den gleichgesinnten
beyder länder, welche beyde denselben gegner hätten, folglich schon von
natur darauf angewiesen seyen, sich einander zu nähern, ohne Bedingun-
gen und concessionen von irgend einer seite, welche bey der verschieden-
heit der fragen, interessen etc. hier und dort unnütz und unmöglich seyen.
übrigens würde der ungarische landtag erst durch die Behandlung solcher
fragen aufhören, ein bloßer Provinciallandtag zu seyn, eine europaeische
Bedeutung gewinnen und das gewicht einer nation von 14 millionen men-
schen in die Wagschale des liberalen europas werfen, welches auch erst jetzt
seit dem letzten Programm der opposition auf ungarn aufmerksam zu wer-
den beginne (hier liegt die ungarische Achillesferse). ich wüßte sehr wohl,
sagte ich, daß wir deutsche in ungarn unpopulär seyen, aber das sey die
folge der irrigen Auffassung der ungarn, welche uns für solidarisch für die
regierung verantwortlich ansähen, ohne zu bedenken, daß wir unter ihren
streichen hundertmal mehr als sie gelitten haben, etc. ich glaube, damit
keine geringe Wirkung gemacht zu haben, szentkirályi und kossuth erklär-
ten mir, dieser landtag müsse ein Wendepunkt in der Politik und den na-
tionalsympathieen ungarns werden etc. morgen fängt die Adreßdebatte an,
und da werden unsere Angelegenheiten vorkommen, zum großen schrecken
erzherzog stephans und der regierung.
übrigens fand ich die Partheyen noch ziemlich unklar und verworren, das
Zahlenverhältniß ist noch ziemlich ungewiß, und die instructionen ändern
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien