Wien und Niederösterreich (1), Band 1, Seite 182 - Austria-Forum : Web Books : Kronprinzenwerk

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Wien und Niederösterreich (1), Band 1

Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild, Wien und Niederösterreich 1. Abteilung#

Band 1#

Kronprinzenwerk
k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
1894
166 Erfolg hatte Rudolf Hirsch mit seiner leichtflüssigen Lyrik im ,,Jrrgarten der Liebe''. Von südlicher Glut erfüllt sind die ,,deutschen Lieder eines Jtalieners'', Cajetan Cerri. Einen neuen und kräftigen Ton schlugen erst Hermann Rollett und Johannes Nordmann an. Die spätere Zeit hat Lyriker von selbständiger Bedeutung und eigenthümlichem Gepräge unter den Männern wenige mehr hervorgebracht: fast jeder namhafte Dichter der Zeit hat auch lyrische Gedichte veröffentlicht, welche zum Theile hohen poetischen und großen individuellen Werth besitzen, aber die Dichter, welche sich blos aus lyrischem Gebiete versucht haben, sind selten. Auch die Entwicklung der lyrischen Formen stand nicht im Vordergrunde der poetischen Jnteressen: Carlopago strebte, nicht immer mit Glück, nach dem hohen Stil und den künstlichen Formen der Hölderlin’schen Lyrik; viel besser ist es neuerdings Stefan Milow gelungen, die erhabenen Gattungen der Lyrik wieder zu Ehren zu bringen. Während es aber die Männer größtentheils verschmähten, sich auf die Lyrik einzuschränken, war diese das eigentliche Lieblingsgebiet der Frauen. Besonders die adeligen Damen sind hier zahlreich vertreten: Wilhelmine Gräfin Wickenburg-Almasy, Marie von Najmajer, Josefine von Knorr, Luise von Rechenberg, Josefine von Remekhazy und viele Andere. Unter den bürgerlichen Damen stellen die Professorensrauen das bedeutendste Contingent: Eugenie Bolza, Bertha Arndts, Marie Arndts, Auguste Hyrtl. Die Namen Paoli und Christen seien an die Spitze gestellt: Betty Paoli steht durchaus innerhalb der Grenzen ihres Geschlechtes, sie hat die weiblichste aller Empfindungen, den Schmerz um betrogene Liebe, in so tiefempfundene und dabei sormvollendete Verse gebracht, wie sie noch selten oder nie einer Frau gelungen sind; Ada Christen kehrt die interessante Seite der weiblichen Natur heraus, welche im Conflicte mit den der Frau in der Gesellschaft gezogenen Grenzen zu Tage tritt, sie erscheint in ihren Liedern als die Verlorene und zeichnet sich durch eine kräftigere Phantasie und männliche Gestaltungsgabe aus. Jn den Balladen? und Romanzencyclen, welche seit Grün in ununterbrochener Folge bis auf unsere Tage entstanden, berührte sich die Lyrik mit dem Epos, welches als selbständige Gattung gleichfalls nicht im Vordergrunde stand. Doch haben sich Otto Prechtler, Alexander Patuzzi, Hieronymus Landesmann, Josef Haupt, Julius von der Traun und Andere mehr oder weniger erfolgreich an dieser Gattung betheiligt. Jn der Jdylle hat uns Friedrich Hebbel eine classische Dichtung geschenkt. Ein Talent der jüngsten Zeit, Siegfried Lipiner, hat an bedeutenden Stoffen starke schöpferische, aber wenig gestaltende Phantasie bewiesen. Den bedeutendsten Fortschritt hatdie niederösterreichische Dichtung in der jüngsten Zeit auf dem Gebiete der prosaischen Dichtungsgattungen gemacht. Unsere Roman- und Novellenschriststeller gehören zum größten Theile auch außerhalb ihres Vaterlandes zu den Lieblingen des Publicums und haben sich in den verschiedensten Gattungen bewährt. Auch

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