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Die Nationalitätenfrage im alten Österreich #

Die Nationalitätenfrage war eines der Hauptprobleme des habsburgischen Vielvölkerstaates im 19. Jahrhundert, das besonders 1848 in verschiedenen Kronländern offenkundig wurde (Revolution 1848) und bis 1918 anhielt. Der Kremsierer Reichstag 1848/49 diskutierte die Möglichkeit von Nationalitäten-Bundesländern (Österreicher und andere deutschsprachige Volksgruppen - damals zusammenfassend "Deutsche" genannt - Ungarn, Tschechen, Slowenen, Kroaten, Polen, Rumänen, Slowaken, Serben, Ukrainer, Italiener). Die Beschlüsse des Reichstags wurden ebensowenig verwirklicht (Neoabsolutismus) wie spätere Lösungsversuche des Föderalismus und Trialismus. Nach dem Ausgleich 1867 mit Ungarn (Dualismus) forderten die slawischen Völker gleiche Sonderstellungen. Den größten Widerstand gegen ein "deutsch"-zentralistisches System leisteten die Tschechen, die ab 1868 die Wiederherstellung des böhmischen Staatsrechts und die Autonomie der tschechischen Länder forderten. Kaiser Franz Joseph lehnte 1871 einen "böhmischen Ausgleich" ab und verwarf einen polnischen Autonomie-Entwurf für Galizien, wenn auch faktisch ein Großteil der polnischen Wünsche später berücksichtigt wurde. Vergeblich forderten auch die südslawischen Völker ein eigenes Territorium. Ab den späten 70er Jahren trat der Wunsch nach weitreichender Autonomie zusehends in den Hintergrund; die grundlegende Verfassungsordnung wurde akzeptiert. Der "Kampf der Nationen um den Staat" löste den "Kampf der Nationen gegen den Staat" ab. Zuerst machte sich dies beim Sprachenrecht bemerkbar. Höhepunkt waren die Sprachenverordnungen von K. Badeni für Böhmen und Mähren, die schließlich zu dessen Sturz führten. Der Nationalitätenkampf eskalierte, da es nicht mehr um die Gleichberechtigung der Sprachen in Amt, Schule und Gericht, sondern in zunehmendem Maß um die Bedeutung und Stellung der Nationen zueinander sowie im Rahmen der habsburgischen Staatsordnung ging. Die Forderung nach nationaler Autonomie, 1900 verstärkt, und Teillösungsvorschläge (Mährischer Ausgleich 1905) förderten die Tendenz der Abkapselung der einzelnen Nationalitäten voneinander. Das Manifest Kaiser Karls I. vom Oktober 1918 kam zu spät, um die Umwandlung der Monarchie in einen Donau-Völkerbund einzuleiten und den Zerfall in einzelne Nationalstaaten aufzuhalten.

Literatur#

  • R. Springer (Pseudonym für Karl Renner), Der Kampf der österreichischen Nationen um den Staat, 1902
  • A. Popovici, Die Vereinigten Staaten von Groß-Österreich, 1906
  • O. Bauer, Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, 1907
  • P. Geist, Die Nationalitätenprobleme auf dem Reichstag zu Kremsier 1848/49, 1920
  • H. Hantsch, Die Nationalitätenfrage im alten Österreich, 1953
  • R. A. Kann, Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie, 2 Bände, 1964
  • A. Wandruszka und P. Urbanitsch (Hg.), Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Band III/1, 2: Die Völker des Reiches, 1980
  • G. Stourzh, Die Gleichberechtigung der Nationalitäten in der Verfassung und Verwaltung Österreichs 1848-1918, 1985