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vom 20.03.2017, aktuelle Version,

Leithakalk

Steinoberfläche des St.  Margarethener Kalksandstein, ein Leithakalk

Der Leithakalk ist ein Kalkstein, der nach dem Leithagebirge in Ostösterreich benannt ist.[1] Es handelt sich um Gesteinsvorkommen, die vor allem Wien von großer kulturhistorischer Bedeutung in der Renaissance- und Barockzeit bis in den Historismus waren.

Geologie

Die Leithakalke sind tertiäre marine Sedimente des Paratethys-Meeres im Alpenvorland in Osten und Südosten, die aus der Zeit des Badenium (der lokalen Zeitstufe, die dem Langhium des Miozän entspricht) stammen, und um die 16 bis 13 Millionen Jahre alt sind.[2] In dieser Zeit zog die Parthetys nach zwischenzeitlicher Transgression (Höchststand) nördlich der Alpen wieder zurück, und wandelte sich am Ende des Baden in einen Brackwassersee um. Damit sind sie weitaus jünger als die typischen triassischen (um die 250–200 Mio. Jahre alten) Alpenkalke, die sich lange vor der Auffaltung der Alpen im Tethys (Ozean) abgelagert haben. Die Leithakalke entstammen dem Ende der Hauptphase der alpidischen Orogenese, als die jungen Alpen und Dinariden die westliche Thetys schon in Mittelmeer und Parathetys geteilt hatten.

Teilweise werden auch die Kalke der Transgressionsphase, dem Eggenburgium, Ottnangium und Karpatium (entspricht dem Burdigalium), die bis zu 20 Millionen Jahre alt sind, zu den Leithakalken gezählt, andere Autoren lehnen das ab.[3]

Gesteinsbeschreibung

Der Begriff wird vergleichsweise unspezifisch in Bezug auf die zeitliche und räumliche Bildungsphase verwendet, und umfasst sowohl Riffkalke,[2] Algenkalke als auch Kalksandsteine.[3]

Leithakalk, der zum größten Teil aus Skelettfragmenten von kalkabscheidenen Rotalgen besteht,[4] ist ein heller, fester, zelliger Kalkstein.[5] Pelitische (feinstkörnig-schluffige) Lagen können zwischengeschaltet sein.[3] Der Leithakalk aus St. Margarethen ist schwach bräunlich, ein Kalksandstein und stark porös. Der helle ockerfarbene Loretto-Kalk kann an den punktförmigen dunklen Einsprenglingen unterschieden werden, Im Eggenburger Stein (Zogelsdorfer Formation), einem bis reinweißen Kalksandstein, befinden sich massenhaft Moostierchen und weitere Versteinerungen sowie Quarz, Muskovit und Feldspat. Die Retzneier Riffkalkbank ist reich an größeren Fossilien.[2]

Vorkommen und Steinbrüche

Leithakalk kommt an den Rändern des Wiener und Grazer Beckens vor.[1] Das Leithagebirge selbst besteht aus Gneis und Glimmerschiefer, mit dem darauf auflagernden Leithakalk.

Im Burgenland wurde Leithakalk als harter bis sehr harter Kaiserstein in Kaisersteinbruch, als gut formbarer Breitenbrunner Bildhauerstein in Breitenbrunn, Lorettokalk in Loretto, und wird heute noch als St. Margarethener Kalksandstein in St. Margarethen zur Herstellung von Werksteinen abgebaut. In Müllendorf wird aus Leithakalk Kreide produziert.

In Mannersdorf in Niederösterreich wird der Leithakalk ebenfalls zur Zementherstellung gebrochen.[1] Weitere Kalke finden sich im Raum Eggenburg im westlichen Weinviertel (Eggenburger/Zogelsdorfer Stein).

In der Steiermark[6][7] befinden sich Leithakalksteinbrüche in Aflenz bei Leibnitz, in Wildon, und früher auch in Totterfeld bei Hartberg. In Retznei wird Zement gebrannt (Lafarge Perlmoser).[2]

Historische Verwendung als Bau- und Bildhaustein

Der Leithakalk ist ein leicht zu bearbeitender Naturstein, er lässt sich unschwer profilieren und wird wegen seiner guten, teilweise Marmor-haften Formbarkeit von Steinmetzen und Steinbildhauern häufig verwendet.

Der Eggenburger Stein wurde nachweislich bereits in der Bronzezeit als Werkstein abgebaut. Der Kalk des Leithagebirges war bereits zur Römerzeit ein begehrter Baustein. Ein Beispiel der Verwendung ist die Römische Villa von Königshof-Ödes Kloster.

In der Renaissance und im Barock wurde dieser Stein im Kayserlichen Steinbruch am Leythaberg von italienisch-schweizerischen Meistern kunstreich bearbeitet.[8] Daraus entstand eine Konkurrenz zum österreichischen Steinmetz und Steinbildhauer, kein italienischer Steinmetz durfte daher am gotischen Stephansdom tärtig werden.

Bei vielen Bauten,[2] in Graz beispielsweise bei der Burg am Grazer Schloßberg, dem Alten Joanneum und dem Landhaus, in Wien beispielsweise beim Stephansdom[9] wurde dieser Stein verwendet. Im 19. Jahrhundert brachte der Bau der Wiener Ringstraße große Aufträge für sämtliche (bis zu 150) Steinbrüche des Leithagebirges.[10]

Da Leithakalk carbonatisch gebunden ist, ist er wegen der derzeit herrschenden sauren Umwelteinflüsse Verwitterungprozessen besonders ausgesetzt.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Eintrag zu Leithakalk im Austria-Forum (in AEIOU Österreich-Lexikon)
  2. 1 2 3 4 5 Universalmuseum Joanneum: Leithakalk. Folder (pdf, museum-joanneum.at) – zum Lafarge-Werk Retznei, mit einer Karte der Paratethys-Westküste vor 16. Mio. Jahren (Wende Kartpat–Baden).
  3. 1 2 3 Leithakalk. In mineralienatlas.de.
  4. Geologische Bundesanstalt: Molassezone & Neogenbecken. In: Rocky Austria (geologie.ac.at).
  5. Carl Friedrich Zincken: Die Physiographie der Braunkohle; Hannover 1867
  6. Julius Georg Friebe: Lithostratigraphische Neugliederung und Sedimentologie der Ablagerungen des Badenium (Miozän) um die Mittelsteirische Schwelle (Steirisches Becken, Österreich). In: Jahrbuch der geologischen Bundesanstalt Band 133/Heft 2, 1990, Kap. 6.3. Die Leithakalkvorkommen der mittelsteirischen Schwelle, S. 236 ff (ganzer Artikel S. 223–255, pdf, geologie.ac.at; dort S. 14 ff).
  7. Schichtbezeichnung: Leithakalk. Datenbank Dekorgesteine, Geologisch-mineralischer Landesdienst: Erdwissenschaftliches Archiv der Steiermark (gmld.at; pdf).
  8. Alois Kieslinger: Leithakalke aus dem Wiener Becken für Bauten bis 1600 in Wien. In: Restauratorenblätter 1979 (pdf, auf baufachinformation.de).
  9. Alois Kieslinger: Die Steine von St. Stephan. Verlag Herold, Wien 1949.
    Andreas Rohatsch: Die Gesteine in der Bausubstanz des Riesentores von St. Stephan, gesteinskundliche Charakterisierung und technische Eigenschaften. In: Friedrich Dahm (Hrsg.): Der Wiener Stephansdom, Forschungen und Materialien. Das Riesentor. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Bundesdenkmalamt. Wien 2008, S. 77–89.
  10. Alois Kieslinger: Die Steine der Wiener Ringstrasse. Wiesbaden 1972.