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Das Virus und die afrikanischen Vielflieger#

Covid-19 trifft in Afrika zuerst die Reichen, die sich sonst im Ausland behandeln lassen – und nun Corona importieren.#


Von der Wiener Zeitung (4. April 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

WZ-Korrespondentin Simone Schlindwein


In Ugandas Hauptstadt Kampala muss man sich nun vor dem Betreten des Marktes die Hände waschen.
In Ugandas Hauptstadt Kampala muss man sich nun vor dem Betreten des Marktes die Hände waschen.
Foto: afp

Bewaffnete Polizisten mit Mundschutzmasken stehen vor einem Einfamilienhaus. Sie warten, bis der Eigentümer seine Sachen gepackt hat und ins Auto steigt. Dann eskortieren sie ihn ab. Der Ruander war aus Dubai zurückgekehrt. In seinem Flugzeug saß eine Person, die positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Jetzt werden alle Passagiere eingesammelt, um sie in Quarantäne zu stecken.

Ruandas Hauptstadt Kigali gleicht einer Geisterstadt: kaum ein Auto, Motorradtaxi oder Fußgänger unterwegs, Bars und Bürogebäude geschlossen. Nur Supermärkte, Banken und Apotheken sind geöffnet. Polizisten patrouillieren, haben Straßensperren errichtet. Jeder, der keinen Grund hat, außer Haus zu sein, muss Strafe zahlen und wird nach Hause geschickt.

Das kleine Ruanda im Herzen Afrikas registrierte am 14. März die erste Corona-Infektion: ein Inder, der eingeflogen war. Seitdem schießen die Zahlen nach oben. Derzeit sind es 82 Fälle, fast alle importiert.

Ruanda hatte die erste Abriegelung in Afrika#

Bereits eine Woche nach dem ersten Fall kam der volle Lockdown, der erste in Afrika: Grenzen und Flughäfen geschlossen, Ausgangssperre verhängt, Überlandstraßen abgeriegelt. Nur noch „für die Öffentlichkeit wesentliche Berufe“ dürfen ausgeführt werden, so das Gesundheitsministerium.

Nicht nur beim Plastikverbot und bei der Korruptionsbekämpfung, sondern auch im Kampf gegen das Virus will sich Ruanda als Musterland präsentieren. Der Grund: Im Juni ist in Kigali das Treffen der Regierungschefs der Commonwealth-Staaten angesetzt, einer der größten internationalen Gipfel der Welt. Seit Jahren wurde dafür in den Bau von Hotels, Straßen und Konferenzzentren investiert. Die Prestigeveranstaltung steht nun auf der Kippe.

Deswegen fährt Präsident Paul Kagame alle Geschütze auf. Schon im Februar hatte er das Gesundheitsministerium angewiesen, Regierungsmitglieder testen zu lassen. Dann monierte er, Gesundheitsministerin Diane Gashumba habe geantwortet, es gebe keinen Grund zur Besorgnis, Gebete würden helfen. Das kostete sie den Job. Daraufhin hat Kagame Militärärzte mit dem Kampf gegen das Virus beauftragt.

Das Durchgreifen hat Folgen: Der Chef des Krebszentrums beschwert sich online, dass seine Patienten nicht zur lebenswichtigen Strahlentherapie durchgelassen werden. Zwei Männer wurden von der Polizei erschossen, weil sie, so die Behörden, „sich mit Offizieren anlegten“. Nicht das Virus, sondern die Maßnahmen dagegen fordern jetzt die ersten Todesopfer. Immerhin: Was sonst nach Überwachungsstaat aussieht, wird als Vorteil bewertet. Ruander vertrauen, dass es gelingt, die Ausbreitung einzudämmen.

Uganda nahm die Krankheit lange nicht ernst#

In den Nachbarländern Uganda und der Demokratischen Republik Kongo sieht dies anders aus. Dort reagierten die Regierungen spät auf die weltweite Pandemie. Besorgte Bürger hatten ihre Präsidenten aufgerufen, drastische Maßnahmen zu ergreifen.

Ugandas Gesundheitsministerin Ruth Aceng beharrte, sie habe die Lage im Griff. Lange Zeit wurde in Uganda kein einziger Fall registriert, denn es wurde nur wenig getestet. Anreisende am internationalen Flughafen mussten nur Formulare ausfüllen und versichern, sie würden sich in zweiwöchige Quarantäne begeben. Überprüft wurde das nicht. Obwohl Ugandas Präsident Yoweri Museveni Versammlungen verbot, hielt er einen Wirtschaftsgipfel ab.

Erst als die Todeszahlen in Europa in die Höhe schnellten, ordnete der Präsident am 17. März an, alle Einreisende in Quarantäne zu stecken – auf eigene Kosten, für 100 Dollar pro Tag, zwei Wochen lang. Dann landete am 21. März eine Ethiopian-Airlines Maschine. Mit an Bord: Ein ugandischer Geschäftsmann, der aus Dubai zurückkam. Da schlug die seit dem Ebola-Ausbruch im Nachbarland Kongo installierte Temperaturkamera in Uganda aus: 38,7 Grad Celsius. Er kam sofort ins Krankenhaus. Am nächsten Tag bestätigte das Gesundheitsministerium den ersten Fall.

Was dann geschah, zeigt, was in Uganda schiefläuft. Aus demselben Flieger waren 84 weitere Passagiere ausgestiegen. Doch kein einziger landete in Quarantäne. Gesundheitsministerin Aceng kam in Erklärungsnot. Sie rief dazu auf, dass sich alle, die aus Dubai angereist sind, zum Test melden sollen. Nur 60 kamen. Ende der Woche gab es in Uganda 44 bestätigte Fälle, alle importiert.

Mittlerweile hat auch Museveni reagiert: Er verhängte eine totale Ausgangssperre und verbot das Benützen von Transportmittel. Selbst zum Supermarkt oder zur Klinik müssen die Ugander nun laufen. Doch in der Hauptstadt Kampala etwa lebt die Mehrheit vom täglichen Einkommen, diese Bürger können keine Vorräte anlegen. So gingen die Leute dennoch ihren Geschäften nach. Die Polizei rückte aus, drei Menschen wurden erschossen.

Was in Ruanda und Uganda eine Herausforderung ist, ist im Nachbarland Kongo ohne funktionierenden Staat ungleich schwieriger. Dort wurde der erste Fall am 10.März gemeldet. Die finanziell gut gestellte Elite reist in der Regel ins Ausland, sobald sie krank wird. Jetzt schleppen sie das Virus von außen ein: Es gibt bereits 123 Fälle und elf Tote. Präsident Felix Tshisekedi verhängte den Ausnahmezustand und ließ die 10-Millionen Stadt Kinshasa abriegeln. Zu spät: Mittlerweile werden die ersten Covid-19 Fälle im krisengeplagten Osten gemeldet. Ausgerechnet dort, wo die Ebola-Epidemie offiziell für beendet erklärt wurde.

Wiener Zeitung, 4. April 2020