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Helene Belndorfer: Wegwerfen ist eine Sünde#

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Helene Belndorfer: Wegwerfen ist eine Sünde. Österreichische Konsumgeschichten aus beinahe hundert Jahren. Sonderband der Reihe "Damit es nicht verlorengeht". Böhlau Verlag Wien Köln Weimar. 262 S., ill., € 29,-

Eine Editionsreihe feiert Geburtstag. Vor 35 Jahren, 1983, hat sie der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael Mitterauer begründet. Unter dem Motto "Damit es nicht verloren geht" wurden in bester Tradition der Alltagskultur- und Oral-History-Forschung persönliche Erinnerungen gesammelt. Die ersten AutorInnen waren Menschen, von denen die Historiker Einblicke in "Geschichte von unten" erwarten konnten: Mägde, Kleinhäusler, Knechte ... Dann kamen Sammelbände, in denen verschiedene AutorInnen erzählten, wie sie erlebten, "Als das Licht kam" oder das Radiohören üblich wurde, was Essen und Trinken oder Weihnachten bedeuteten. Der Blick reichte auch über die Grenzen, nach Slowenien, Böhmen, Mähren oder Russland. 69 dieser Bände liegen bisher vor. Hoffentlich werden noch viele folgen, denn Texte gibt es genug. Günter Müller sammelt in der Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien Autobiografien, Tagebücher, Familiengeschichten und Chroniken. Sie werden ediert, wissenschaftlich genutzt und für fachlich Interessierte bereit gestellt.

Das vorliegende Buch ist als Sonderband erschienen, es unterscheidet sich in der Ausstattung (Format, Layout, Bindung, Kunstdruckpapier, Farbillustrationen) von den bisher eher schlichten Bänden. Gleich ist das bewährte Konzept. Ein/e ExpertIn, in diesem Fall die auf Konsumgeschichte spezialisierte Zeithistorikerin Helene Belndorfer, sichtet das reichliche Archivmaterial, stellt die Texte schwerpunktmäßig zusammen und kommentiert sie. Die Texte stammen von mehr als 60 AutorInnen der Geburtsjahrgänge 1919 bis 1958 aus ganz Österreich.

Die Erinnerungen über Konsum und Sparen beginnen in der Zwischenkriegszeit, als die ältesten ErzählerInnen Kinder waren. Bei ihnen steht mehr das Sparen als das Konsumieren im Vordergrund. Viele waren arbeitslos, mussten zwischen Sonntag und Wochentag unterscheiden. "Fleisch gab es nur am Sonntag", ist ein häufiges Statement, ebenso Bohnenkaffee. Wie die Statistik zeigt, lag der jährliche Pro-Kopfverbrauch damals bei 24 Liter Bohnenkaffee, aber 90 Liter Ersatzkaffee. Bunte Werbebilder für Imperial-Feigenkaffee, Kathreiner-Malzkaffee, Titze oder Linde wecken Reminiszenzen an die Markenartikel von anno dazumal. Statt Butter strich man Margarine auf das Brot, von dem man den Kindern einprägte: "Ofenwarm macht den Bauern arm". Mit bescheidenem Taschengeld sollten sie den Umgang mit Geld üben. Man unterschied zwischen Sonntags- und Wochentagsgewand, es wurde geflickt, repariert und selbst geschneidert.

Das Reinigen der Wäsche in der Waschküche mit Trog, Kochkessel und Rumpel war extrem mühsam, daher nur einmal monatlich Waschtag. Zum Trocknen schleppte man die Wäsche auf den Dachboden. Dementsprechend glücklich waren die Hausfrauen, als in den 1950er-Jahren der Kauf von Waschmaschinen - häufig auf Raten - möglich war. Auch um die persönliche Hygiene stand es nicht zum Besten. Mangels Badezimmer gingen viele ins Tröpferlbad oder schrubbten die Kinder einmal in der Woche mit vorgewärmten Wasser und Kernseife in der Blechbadewanne in der Küche.

Hochbetrieb herrschte in der Küche zur Einkochzeit. Viele Familien hatten einen (Schreber-) Garten, bekamen Obst von Verwandten auf dem Land geschenkt oder kauften es billig auf dem Markt. Gut konservierte Vorräte waren wertvoll, umso mehr, als es keine elektrischen Kühlschränke gab. Bestenfalls hatte man im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts einen Eiskasten, einen mit Blech ausgeschlagenen Schrank, in dem Eisblöcke für Kühlung sorgten. Der "Eismann" brachte sie aus den "Vereinigten Eisfabriken und Kühlhallen in Wien" in Haushalte, Lebensmittelgeschäfte und Gasthäuser. Jedes Kapitel hat eine Zusammenfassung mit Daten und Fakten. Daraus geht hervor, dass es 1937 in Österreich 3.000 elektrische Kühlgeräte gab. 1961 verfügten 17 % der Haushalte darüber, 1971 zwei Drittel, 1981 so gut wie alle.

Das nächste Kapitel widmet sich "Weihnachten als Hochzeit des Konsums". Obwohl das Christkind meist nur ohnehin Notwendiges oder einfaches Spielzeug brachte, finden sich Erinnerungen an das Fest besonders häufig. Dazu zählt die Dekoration der Wiener Mariahilfer Straße ebenso wie der Christbaum, die Weihnachtsbäckerei, das Festmahl und der Wunschzettel. Dass das Christkind der kleinen Tochter eines Taxifahrers tatsächlich das ersehnte Grammophon brachte, wie man auf dem Foto sieht, wirkt fast schon wie ein Wunder.

Doch schon bald hieß es "eisern sparen". Private Sparkonten sollten der Kriegskasse nutzbar gemacht werden, doch blieben die Einzahlungen hinter den Erwartungen der NS-Politiker zurück. Die beiden Kapitel über die Kriegs- und Nachkriegsjahre beinhalten Geschichten vom Konsum und Nicht-Konsum, Lebensmittelkarten, Hunger, ausländische Hilfe und Tauschhandel. Die Hausfrauen mussten einfallsreich sein, um aus Milchpulver, Dörrgemüse und Salzfischen genießbare Speisen zu "zaubern".

"Die Wende zum materiellen Wohlstand erfolgte in Österreich in den Jahren 1953/54" , schreibt Helene Belndorfer. " Langlebige Konsumgüter und Nachwuchs bildeten integrale Bestandteile der Hierarchie der Anschaffungen, die dem Leben vieler Österreicher/innen in den nächsten Jahrzehnten Struktur und Halt gaben. … Tatsächlich verdoppelte sich das verfügbare persönliche Einkommen zwischen 1955 und 1968. Erstmals in der Geschichte des Landes gab es beides: die Kaufkraft einer Mehrheit der Bevölkerung und Konsumgüter en masse - eine solide Basis für die 'goldenen Jahre' . "

Die Konsumwelle der neuen Epoche überrollte viele kleine Geschäfte, die zusperren mussten. Ihnen widmet sich das letzte Kapitel, "Vom Greißler bis zum Supermarkt". Zu Wort kommen Mitglieder von Kaufmannsfamilien und ihre Kunden. Auch hier begegnet man bekannten Plakaten: Meinl, Bensdorp, Manner, Milka. Fotos von Geschäftsportalen und Bilder von Paul Holzapfel, die Einzelhandelsgeschäfte zeigen, wecken Reminiszenzen.

Für ältere LeserInnen ist das alles noch sehr präsent, manche jüngere werden sich über Prinzipien wie "Wegwerfen ist eine Sünde" wundern. Der abwechslungsreich und informativ gestaltete Sonderband sorgt dafür "damit es nicht verlorengeht". Für die Erfolgsserie ist er genau das richtige Geburtstagsgeschenk. Ad multos annos !