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Helmut Birkhan: Spielendes Mittelalter#

Bild 'Birkhan'

Helmut Birkhan: Spielendes Mittelalter . Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar. 350 S., ill., € 36.00.

Die besten Geburtstagsgeschenke sind die, die man sich selbst macht. Der Wiener Germanist, Mediävist und Keltologe em. Univ. Prof. Dr. Helmut Birkhan wurde kürzlich 80 Jahre. Beim Fest in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften präsentierte er sein jüngstes Buch:"Spielendes Mittelalter". Konventionell grenzt man das Mittelalter etwa zwischen Spätantike und Reformation ein, auf das Jahrtausend zwischen 500 und 1500. Dem Autor scheint es sinnvoll, "da und dort dem Zusammenhang zuliebe die Grenze auch einmal zu überschreiten".

Als Einstieg seiner umfassenden Darstellung wählt er das berühmte Bild "Die Kinderspiele" von Pieter Bruegel, das um 1560 entstand und zu den Schätzen des Wiener Kunsthistorischen Museums zählt. Es zeigt rund 90 Kindervergnügungen, von denen manche bis heute bekannt sind: Geschicklichkeits- und Kraftspiele, wie Stelzengehen, Hüpf- und Laufspiele, Fang- und Suchspiele wie "Blinde Kuh", Wurfspiele, Beschäftigung mit Spielzeug, Rollenspiele und andere. Die "Spiele der Kinder" füllen das zweite Kapitel. Zudem erfährt man viel über die Kindheit und ihre Abschnitte, Erziehung und Unterricht. Im Altertum und Mittelalter unterschieden Gelehrte die "Infantia" bis zum 7. Lebensjahr, die "Pueritia" bis zum 14. und die Adoleszenz bis zum 28. (oder 21.) Lebensjahr. Bei Bruegel sind Buben und Mädchen gleich gekleidet, wie es im Hochmittelalter auch bei den Erwachsenen der Fall war.

Literarische Quellen beschäftigen sich üblicherweise mit den höheren Ständen. Der Autor nennt als Beispiel den französischen König Ludwig XIII. (1601-1643): " Mit drei Jahren konnte er zwar noch nicht fehlerfrei sprechen, doch beherrschte er alle Tänze … Mit zehn spielt der Dauphin, der inzwischen französisch und lateinisch schreiben und lesen, Bogenschießen, Schach- und Kartenspielen gelernt hat, aber noch mit Puppen … obwohl er seit seinem siebenten Geburtstag keine Kinderleidung mehr trägt und durchaus als Herr behandelt wird."

Die "Spiele der Erwachsenen" sind gut dokumentiert. Der Autor zitiert aus zahlreichen Ritterromanen, Epen und Minnelyrik. Auch für Schelte des Spiels fand er viele Belege. Vor allem die Kirche formulierte viele Verbote - die wenig genützt haben dürften, aber heute wertvolle Quellen sind. Das Trierer Konzil untersagte den Mönchen und Nonnen Tanz, Würfel-, Bickel- und Ringspiele, als Strafe drohte der Verlust der Benefizien. Der Inquisitor Johannes Capistran, der um 1450 auch in Wien missionierte, beendete seine Predigten mit publikumswirksamen Verbrennungen von Spielkarten, Schachbrettern und Würfeln, einmal sollen es 40.000 gewesen sein. Der französische König Karl V. verpönte Ende des 14. Jahrhunderts unter anderem Kegeln, Fußballspiele und Hockey, was das hohe Alter dieser Sportarten beweist. Sogar in das Wiener Stadtrechtsbuch von 1350 fand die Spielsucht Eingang: Wenn man schon sein Gewand verspielt, soll man nicht auch noch Körperteile wie Augen, Hände oder Füße als Einsatz bieten. Schach, das königliche Spiel, wird kaum kritisiert. Im Gegenteil dient es als Abbild der geistlichen Weltordnung, die jedem Stand seinen Platz und seine Möglichkeiten zuweist.

Systematisch unterscheidet der Autor "Spiele, die im Sitzen gespielt werden", wie Brettspiele mit und ohne Würfel, sowie Spiele ohne Spielbrett und "Spiele, die nicht im Sitzen gespielt werden". Dazu zählt er Roll-, Schleuder- und Wurfspiele, Spiele mit Schlagstöcken und Hämmern, agonalbetonte Regelspiele (Geschicklichkeit und Kraft), Rollen- und Darstellungsspiele, Spiele um Minne und Aufführungen. Besonders den letzten beiden wird breiter Raum gegeben und dabei manches Missverständnis beseitigt. "Der Begriff Minne, wie er dem Minnedienst und Minnesang zugrunde liegt, ist uns heute eher fremd, weil wir Minne mit 'Liebe' verwechseln, die durch existentielle Anteilnahme bestimmt ist. Minne ist aber zunächst ein Spiel, das die Haltung 'als ob' kennzeichnet. Es ist sogar in einigen Fällen die Frage, ob es die 'verehrte Dame' überhaupt gegeben hat. " Auch Turniersiege sollten die adeligen Damen beeindrucken. "Eigentlich als Schulung für den ernsten Reiterkampf mit einem feststehenden Kanon von Übungen bestimmter Angriffs- und Abwehrfiguren gedacht, wird das sportlich-spielerische Moment des Kampfes zum Selbstzweck und zur Möglichkeit der Zurschaustellung der reiterischen Gewandtheit." Schaukämpfe dieser Art feiern nicht nur bei Mittelalterfesten Wiederkehr vor begeistertem Publikum. Sie sind auch die Ahnherren einer Praterattraktion und einiger Landbräuche. Der Knappe lernte Zielgenauigkeit, indem er im Vorbeireiten mit der Lanze einen aufgehängten Ring aufspießte. Dies konnte auch geschehen, wenn er auf einem großen Rad saß und die Ringe treffen musste, wenn sich dieses im Drehen vorbei bewegte. Die Pferdefiguren des "Ringelspiels" erinnern an das alte Ringelstechen.

Schließlich beschreibt der Autor die Mode der "Wilden Leute" - den berühmt-berüchtigten Bal des Ardents, bei dem die Kostüme 1392 Feuer fingen, zeigt das Titelbild -, die Entstehung des mittelalterlichen Theaters, die Formen höfischen und bäuerlichen Tanzens und die Spiele mit Tieren, vom Hahnenkampf bis zur Falknerei. Vor alledem darf man aber nicht versäumen, die ausführliche Einleitung zu lesen, die grundsätzliche Fragen klärt, etwa Definitionen, Spiel und Religion, Spielbücher des 18. Jahrhunderts, Kinderspiele im 16. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Über den renommierten Wissenschaftler Helmut Birkhan heißt es im Internet: " Darüber hinaus relativiert er sich und sein Fach durch Parodien und Satiren." In diesem Werk schlägt das Schalkhafte erst am Schluss durch. Der gelehrte Germanist behandelt das 1426 belegte erste, Karnöffel genannte, Kartenspiel, dessen Bezeichnung in "karniffeln" (sekkieren) weiterlebt. "Man kann getrost sagen, dass das Karnöffel 'das' Kartenspiel des 16. Jahrhunderts war", führt Birkhan aus, den dessen "experimenteller Belebungsversuch" reizt. Das Buch endet mit einem Lob des Spielens, das " eine so positive Kulturleistung ist, dass man sich nicht nur theoretisch mit ihm abgeben sollte, und überhaupt noch grundsätzlich zu bedenken…, aber ich … muss hier abbrechen, denn ungeduldig … schon scharrt … und knaunzt die knarpelnde Karnöffelrunde …"