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Peter Hetzmannseder: Donaukanal#

Bild 'Hetzmannseder'

Peter Hetzmannseder: Donaukanal. Eine Hommage. Texte und Textauswahl von Andreas Belwe. Mit Texten von H. C. Artmann, Thomas Bernhard, Heimito von Doderer, Karl Kraus, Franz Kafka, Robert Musil, Arthur Schnitzler u. v. a. Leinen im Schuber, 160 S., ill., Folio-Verlag Wien. € 49,–

Der Bildautor beginnt mit einer Frage: "Wie kommt ein Münchner dazu, über den Wiener Donaukanal einen Bildband zu veröffentlichen ??" Antwort: "Familiäre Beziehungen haben meine Liebe zu Wien begründet" . Die Lektüre wird manchen Leser eher an eine Hassliebe denken lassen. Hetzmannseders starke Schwarz-Weiß-Bilder inspirierten den Philosophen Andreas Belwe "zu eigenen Texten, weckten aber auch viele Assoziationen zu Motiven und Themen der Literatur und Philosophie." Er wählte literarische Texte aus, die auf die Fotos verweisen, und umgekehrt. "Was zunächst einander unbekannt war, bezieht sich aufeinander - und wird wahr." So entstand ein aufwändiger, bibliophiler Band, der nicht aus schönen Motiven besteht, keine "Hommage" im herkömmlichen Sinn.

Die Geschichte des "Wiener Arms" der Donau führt ins 16. Jahrhundert, als nach einem Patent Ferdinand I. die ersten Wasserbauwerke den gefürchteten Überschwemmungen Einhalt gebieten sollten. Doch die vorangestellte Karte der Josephinischen Landesaufnahme von 1775 zeigt den Strom noch als unentwirrbares Netz von Donauarmen und Inseln. Erst 1870 begann die große Regulierung. Heute misst der Donaukanal 17 km, ist 50 m breit und 2,50 m tief. Zahlreiche Treppenabgänge führen vom Straßenniveau zu ihm hinunter.

"Unten" verbindet man seltener mit Positivem als "oben". Andreas Belwe bekräftigt dies variationenreich. "Die Geschichte des Donaukanals ist die Geschichte von oben und unten. Er ist der Unterfluss, am Adel vorbei, auch der Bürger geht nicht hinunter, nie. Ein Meidefluss, geschundene Lebensader, Randfluss, Abfluss. Keine Gegend, kein Ort. Ein Fleck." Der Textautor hegt Empathie für die Menschen am Kanal. Der Bildautor lichtet sie ab, ohne sie bloßzustellen: Pärchen, Pensionisten, Männer, die Musik machen, kreative ProjektionskünstlerInnen, Strandbar-Besucher, junge Leute, die Feste feiern, muslimische Mütter, Angler, Jogger, Punks, PassantInnen, Urban Gardener … Am einladendsten ist das Titelbild, mit der Urania auf dem einen und Anglern am anderen Ufer. Die Bemühungen der Stadt und verschiedener Freizeitbetriebe, wie auch die Jugendstilbauten, bleiben weitgehend unberücksichtigt, kein einziges Schiff befährt das Wasser.

Ein roter Faden, der sich durch die Bilderserie zieht, ist die "Liquide Kunst am Fluss". Die bunten Spuren der Sprayer finden sich unübersehbar auf Brückenpfeilern und Stützmauern. Nicht selten werden sie zu den Tapeten der Obdachlosen. Ein Gedicht Friedrich Nietzsche endet: "Die Krähen schrei'n / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt / Bald wird es schnei'n - / Weh dem, der keine Heimat hat!"

Der Bildautor, Absolvent der Bayrischen Staatslehranstalt, Assistent international namhafter Fotografen und seit 1993 selbstständig in München tätig, hat seine tristen Bilder künstlerisch komponiert. Sie erinnern an Motive der Stadtexplorer, die "Lost Places" in aller Welt aufspüren und Gefallen am Verfall finden. Der Donaukanal ist zwar nicht verloren, " nur kurz in Vergessenheit geraten", wie Peter Hetzmannseder schreibt. Depressive Stimmung breitet sich trotzdem aus. Sie verdichtet sich durch die Texte, die Andreas Belwe geschrieben oder als Zitate ausgewählt hat. "Die Subkultur duckt sich weg, sie flackert am Fluss, die Hochkultur flaniert am Ring. Subkultur lebt kurz auf, Hochkultur stirbt lang. Subkultur hält nirgends fest, kann und muss morgen schon zerbrechen,. Subkultur ist ein Statement, sperrig, nicht fügend, unkonjugierbar - Spontanlyrik. Die Hochkultur Prosa, sich strudelteigig hinziehende Prosa."

Die "Welt am Wasser", heißt es im Werbetext des Verlages,biete "ein Wechselspiel von Altem und Neuem, von Idylle und Abgeschiedenheit …," sie werde zu "einer vielstimmigen Parabel der heutigen Gesellschaft." Andreas Belwe zitiert Heimito von Doderer, der meinte: "Die Wahrnehmung ist eine doppelseitige Arbeit: die eine Hälfte müssen wir selbst leisten, und nur die andere leistet die Welt."