Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Barbara Schedl: St. Stephan in Wien#

Bild 'Schedl'

Barbara Schedl: St. Stephan in Wien. Der Bau der gotischen Kirche (1200-1500). Böhlau Verlag Wien Köln Weimar. 324 S., ill., € 29,-

Der Stephansdom bildet das Zentrum Wiens. "Der hohe Südturm, Jahrzehnte lang das höchste Bauwerk Österreichs, und das hoch aufragende Dach sind bis heute ein Blickfang; sie wurden zum Symbol der Stadt", betont der langjährige Domkustos Josef Weismayer im Vorwort. Er erinnert daran, "dass St. Stephan in einem gewissen Sinn immer eine Baustelle war". Durch drei Jahrhunderte machte der Dom als Großbaustelle einen wichtigen ökonomischen Faktor aus. Barbara Schedl, Dozentin für Kunstgeschichte an der Universität Wien, hat sich in Forschungsprojekten und Publikationen mit den vielfältigen Aspekten des Gotteshauses beschäftigt. Ihre jüngste Zusammenschau basiert erstmals in der langen Forschungsgeschichte zur Wiener Stephanskirche auf einer systematisch erfassten Dokumentation der Schriftquellen aus der Entstehungszeit des Gotteshauses. Dazu hat die Autorin, deren Forschungsschwerpunkt Architektur und Liturgie im Mittelalter sind, Texte zu Rechtsgeschäften, Verwaltungsschriftgut, erzählende Quellen und Beschreibungen ausgewertet und ist zu überraschenden Ergebnissen gekommen.

Der Babenberger Herzog Heinrich II. ("Jasomirgott", 1107-1177), verlegte 1145 seine Residenz von Regensburg nach Wien. Die Fläche der Stadt beschränkte sich damals auf das Areal des ehemaligen Legionslagers Vindobona. Innerhalb der Mauern baute der Herzog seine Pfalz "Am Hof", außerhalb siedelte er iroschottische Mönche an und stattete seine Stiftung großzügig aus. Die 1200 geweihte Schottenkirche war das mächtigste Bauwerk der aufstrebenden Stadt. In Wien bestanden damals nur die Kirchen Maria am Gestade, St. Ruprecht und St. Peter.

Inzwischen hatte der Passauer Bischof in der ehemaligen römischen Lagervorstadt eine, dem Passauer Patron St. Stephan geweihte, Kirche errichtet. Sie wurde beim großen Stadtbrand von 1258 schwer beschädigt, auch die nächste Feuersbrunst, 1262, zog sie in Mitleidenschaft. Doch schon im folgenden Jahr konnte der im romanisch-gotischen Stil errichtete Bau wieder geweiht werden. Die Schotten sahen ihre Einnahmen bedroht. Die Feindseligkeiten gingen so weit, dass die Mönche mit Ruten, die sie unter ihren Habiten versteckt hatten, Teilnehmer einer Prozession bedrohten. Der Konflikt dauerte bis in die 1270er Jahre. Um diese Zeit entstanden schon Pläne für die Vergrößerung des Chorraums von St. Stephan.

In den 1320er Jahren wurde das Hallenchorprojekt intensiv betrieben, wobei während des Baues die alte Apsis erhalten blieb. Nach vier Jahrzehnten war es mit der Aufsetzung des Daches aus bunten Ziegeln abgeschlossen. Inzwischen hatte Erzherzog Rudolf IV. ("der Stifter", 1339--1365) mit seiner Frau Katharina den Grundstein zum hochgotischen Langhaus und zum Südturm von St. Stephan gelegt. Das Herzogspaar sorgte intensiv für sein Prestigeprojekt, das auch als Grablege bestimmt war. Das Bauwerk sollte weithin sichtbar sein und zahlreiche Fürbitter anziehen, die für das Seelenheil der Stifter beteten. Als weitere Attraktion ließ Rudolf IV. beim Bischofstor eine besondere Reliquie anbringen, deren Verehrung mit Ablässen belohnt wurde. Es war der Stein, über den das Blut des ermordeten österreichischen Landespatrons, St. Koloman, geflossen sein soll. "Das Bauvorhaben war so angelegt, dass fortan der moderne, durch einen Lettner abgeschrankte Hallenchor in der Hauptsache der habsburgischen Repräsentation, der Memoria und Inszenierung dienen sollte, während der übrige erweiterte Kirchenraum dem Laienvolk für die Pfarrliturgie zum Gebet für die Habsburger und dem eigenen Totengedächtnis zur Verfügung stand. "

Nach dem Tod Rudolf des Stifters wollten die Bürger das Großprojekt zum Abschluss bringen. Wieder setzte eine Ablasskampagne ein, dabei waren stets die Fronleichnamsprozession und die Präsentation des Reliquienschatzes von Bedeutung. 1433 gilt als Abschlussjahr des 136 m hohen Südturms, der als Glockenträger auch als akustisches Ordnungsinstrument im städtischen Alltag wichtig war. Hingegen wurden die Arbeiten am Nordturm bis 1511 ohne Abschluss durchgeführt.

Das Buch enthält noch viele weitere lesenswerte Details. Die letzten Kapitel des Textteils behandeln die Maria-Magdalenen-Kapelle (Virgilkapelle) und den Friedhof, sowie den Heiltumsstuhl auf dem Stephansplatz für die Reliquienweisung. Bis 1486 fand diese in der Kirche beim Lettner statt, im Freien konnten wesentlich mehr Gläubige teilnehmen, oder beim Durchschreiten der Arkaden eine "Segensdusche" erlangen.

Exakte Aufstellungen über die Einnahmen und Ausgaben der "Kirchenfabrik" (das Kirchen- und Stiftungsvermögen im Gegensatz zum Eigenkirchenvermögen der Benefizianten) geben die Kirchenmeisterrechnungen, von denen sich viele aus der Zeit von 1404 bis 1535 erhalten haben. Die Aktiva stammten u. a. aus Zuwendungen der Stadt, wie Wassermaut oder Teile der Getränkesteuer, weiters Vermietung, Verpachtung, Widmungen, Stiftungen, Vermächtnissen und Sammlungen, Entgelten für pfarrliche Leistungen und Verkäufen, schließlich dem Weinausschank. Ausgaben entstanden durch den laufenden Betrieb und die ständigen Bauvorhaben. Ausgaben für den Mesner erlauben Schlüsse auf das religiöse Alltagsleben. Er war für die Herstellung der Kerzen und die Beleuchtung zuständig, ebenso für das Aufstellen des Heiligen Grabes in der Karwoche, den Palmesel und das Glockenläuten. Beim Budgetposten "Verschiedenes" hat der Kirchenmeister u. a. Kosten und Speisen der Gastmähler verzeichnet, die zu verschiedenen Anlässen und Feiertagen Brauch waren, wie Faschingskrapfen oder Martinigans.

Detailliert ist dies im "Anhang" nachzulesen, der gleich stark wie der Textteil ist. Hier findet man die Kirchenmeisterrechnung von 1412 und erfährt Genaues über die von der Dombauhütte zwischen 1404 und 1535 produzierten Werkstücke. Ein informativer Bildteil, Grafiken, fast 750 Anmerkungen, Literaturverzeichnis etc. bestätigen, wie fundiert diese wissenschaftliche Arbeit ist. So ist das Werk eine Fundgrube für die Forschung, doch auch für Interessierte, die glauben, den Dom zu kennen Sie werden noch viel Neues und Interessantes erfahren.