Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

The Place to Be #

Bild 'Place'

Werner Hanak, Astrid Peterle, Danielle Spera (Hg.): The Place to Be. Salons als Orte der Emanzipation. Im Auftrag des Jüdischen Museums Wien. Amalthea Verlag Wien. 224 S., zweisprachig., ill., € 29,95

Blassblau blickt die Dame im hellen Empirekleid und mit dreireihiger Perlenkette vom Buchumschlag. Aber Franziska ("Fanny") von Arnstein, geb. Itzig (1758-1818) war keine blasse, sondern eine ausgesprochen starke Persönlichkeit. Die "Pionierin unter den Wiener Salonièren" kam 1776 aus Berlin hier an. Kurz zuvor hatten sie und der elf Jahre ältere Bankier Nathan Adam Freiherr von Arnstein geheiratet. Als Teilhaber eines der wichtigsten Bankhäuser Wiens zählte er zu den reichsten Männern der Stadt. Die traditionelle Aufgabe der Ehefrau war es, zu repräsentieren. In ihrem Salon trafen sich zur Zeit des Wiener Kongresses Gelehrte, Künstler und Diplomaten. Dem entsprechend interessierten sich die Geheimpolizisten des Staatskanzlers Metternich für die privaten Treffen. Einem von ihnen ist die Schilderung des ersten Wiener "Christbaumfestes" nach Berliner Sitte zu verdanken. Fanny Arnstein skizzierte den Baum in ihrem "Merkbüchlein". (Schade, dass die Zeichnung nicht im Buch abgebildet ist). Sie unterstützte jüdische wie christliche Institutionen, gab W. A. Mozart Quartier und war, selbst eine hervorragende Pianistin, Gründungsmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde. Gabriele Kohlbauer-Fritz hat sich auf die Spur der Berliner und Wiener Salonièren begeben. Sie erzählt von Tabubrüchen und dem Ringen um gesellschatlicher Anerkennung, und zitiert, "dass man nur um den Preis der Lüge in die Gesellschaft hineinkam."

Von Mai bis Oktober 2018 widmet das Jüdische Museum Wien den Wiener Salons zwischen 1780 und 1938 eine Sonderausstellung. Das Kuratorenteam verfasste auch die Begleitpublikation. "Das Leben der Salonièren muss heute in all seiner Widersprüchlichkeit dargestellt werden," schreibt Direktorin Danielle Spera einleitend. "Ihr Wirken war geprägt von gesellschaftlichen Konventionen, die ihre Rolle als Frauen maßgeblich beschränkten. Gleichzeitig erfuhren sie aber auch große Anerkennung für ihre Leistung als Förderinnen des künstlerischen und politischen Diskurses. Ermöglicht wurde ihnen diese damals wie heute gewürdigte Tätigkeit durch die Infrastruktur ihrer Ehen und Häuser."

Andrea Winklbauer beschreibt den letzten bedeutenden Salon Europas, den Berta Zuckerkandl (1864-1945) führte. Die Journalistin, Übersetzerin und Geheimdiplomatin war die Tochter des einflussreichen liberalen Zeitungsverlegers Moriz Szeps. In seinem "Neuen Wiener Tagblatt" publizierte Kronprinz Rudolf unter äußerster Diskretion. Die 16-jährige Berta war in das Geheimnis eingeweiht und unterstützte ihren Vater. Mit 22 heiratete sie Dr. Emil Zuckerkandl, den späteren Leiter des Anatomischen Instituts. Ihr Salon war fünf Jahrzehnte hindurch einer der bedeutendsten. Zu den Habituès, wie man die regelmäßigen Gäste nannte, zählten in Wien Otto Wagner, Gustav Klimt, Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal. Auch im Exil in Paris und Algier führte sie ihren Salon fort. "Auf meinem Diwan wird Österreich lebendig", schrieb Berta Zuckerkandl-Szeps in ihren Memoiren.

Mit Exilsalons und Emigrantenzirkeln beschäftigt sich Sabine Bergler. Sie zitiert unter anderem Stella Kadmon, die in Wien die Kleinkunstbühne "Der liebe Augustin" und nach dem Zweiten Weltkrieg das "Theater der Courage" gründete. Sie betrieb 1940 in Tel Aviv eine Kombination aus Salon und hebräischem Theater - einen "Zufluchtsort der deutschen Sprache in Palästina".

In der Salonkultur des Biedermeier widmeten sich die Gastgeberinnen nicht nur Diskussionen über das "Schöne und Wahre in Literatur und Kunst". Viele Damen engagierten sich in Vereinen mit sozialen Zielen. Fanny von Arnstein war Gründungsmitglied der "Gesellschaft adeliger Frauen". Mit ihrem Wirken und dem ihrer "Nachfolgerinnen" beschäftigt sich Domagoj Akrap. Boten ihnen Zusammenschlüsse "zur Beförderung des Guten und Nützlichen" gewisse Entfaltungsmöglichkeiten in der Öffentlichkeit, so blieben Frauen doch lange aus den damaligen Zentren des Netzwerkens ausgeschlossen. Werner Hanak begibt sich auf die Suche nach den fehlenden Frauen in Wiener Kaffeehäusern.

Astrid Peterle rückt die Salons des 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt und formuliert einige Charakteristika: Die Salonièren öffneten ihre Häuser an einem bestimmten Tag oder Abend der Woche für einen auserwählten Kreis. Er bestand aus Angehörigen der "zweiten Gesellschaft", des gehobenen Bürgertum und niederen Adels, unter ihnen Kulturschaffende, Künstler und Wirtschaftstreibende unterschiedlicher Konfessionen. "Der Salon brachte durch das Medium der Konversation zivilgesellschaftlichen Diskurs, Politik und Kunst hervor". Das klassische Beispiel bildet der Salon der Josephine von Wertheimstein, geb. Gomperz, den ihre Tochter Franziska von Wertheimstein weiterführte. Zu den prominenten Habitués zählten die Dichter Ferdinand von Saar und Eduard von Bauernfeld. Franz Grillparzer war ein hofierter Besucher und verfasste launige Verse für das Gästebuch. Villa und Salon bestehen heute als Bezirksmuseum Döbling. So konnte Nafez Rerhuf eine Fotoserie anfertigen, die den Farbbildteil des Buches bildet.

Ebenfalls in Döbling, in Josef Hofmanns Villenkolonie am Kaasgraben, führte die Pazifistin Yella Hertzka eine Gartenbauschule für Mädchen. Ihr vor dem Ersten Weltkrieg etablierter Salon gehörte, so wie jene der Pädagoginnen Eugenie Schwarzwald und Helene Scheu-Riesz zu den modernen, der Lebensreformbewegung nahe stehenden Treffpunkten. Marcus G. Patka berichtet über die "Roten Salons im Grünen" . 1938 bedeutete auch das Ende der Salons. Die Vertreibung der Organisatorinnen und Habitués zerstörte auch diesen wichtigen Teil der Wiener jüdischen Kultur. Die Museumspädagogin Hannah Landsmann besucht ehemalige Schauplätze, wie die Oppolzergasse, wo am Haus Nummer 6 eine Gedenktafel an Berta Zuckerkandls Salon erinnert, den ehemaligen Standort der Schwarzwaldschule in der Herrengasse, den gesichtslosen 50-er-Jahre Bau am Hohen Markt, der das Palais Arnstein ersetzt und viele weitere historische Plätze. "Frau von Arnstein lud ein, wohl eher schriftlich als mündlich. Heute hätte sie vielleicht eine Webseite, sie würde auch WhatsApp benützen und man könnte ihr über die verschiedenen sozialen Medien eine Nachricht schicken."