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Miriam Wiegele: Wildblumen auf Wiesen und Almen#

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Miriam Wiegele: Wildblumen auf Wiesen und Almen. Reihe „Das kleine Buch“. Servus Verlag. Wals 2018. 64 S., ill., € 7,-

Wieder ist es dem Servus-Verlag gelungen, auf einem Minimum an Raum ein Maximum an Wissen unterzubringen. Wieder wurde eine ausgewiesene Expertin als Autorin engagiert. Miriam Wiegele hat nicht nur zahlreiche Bücher, Artikel, Radio- und Fernsehserien über Botanik und Naturmedizin gestaltet. Sie ist auch als Seminarleiterin zum Thema bekannt und setzt in ihrem großen Garten im Burgenland ihr Wissen in die Praxis um.

In diesem "kleinen Buch" lädt die Verfasserin zu einer Wanderung von der Ebene in die Berge ein. Auf Ruderalstandorten (lat. ruderis - Schutt) siedeln sich Pflanzen wie Wilde Malve, Königskerze und Natternkopf an, die man früher Unkräuter nannte. Ebenfalls am Rand menschlicher Bearbeitung, bei Äckern, sind auf Segetalfluren (lat. segetalis - zur Saat gehörend) Kornblume, Mohn und Hohlzahn zu finden. Auf Fettwiesen gedeihen Margerite, Wiesenglockenblume und Wiesenbocksbart, während Kartäusernelke, Johanneskraut und Fetthenne Trockenrasen, Magerwiesen oder steinige Hänge bevorzugen. Feuchtwiesen und Sümpfe bilden die Heimat von Schwertlilie, Mädesüß und Dotterblume. Schattige Wiesen und Wälder sind Standorte von Vergissmeinnicht, Maiglöckchen, Akelei, Türkenbund, Schwalbenwurz-Enzian und Weidenröschen. Schließlich auf den Almwiesen angelangt, erfreut man sich am Gelben Enzian und Arnika.

Nach prägnanter Charakterisierung der Standorte stellt die Autorin mehr als zwei Dutzend Wildblumen vor, von Akelei bis Wilde Möhre. Jedes Kapitel ist übersichtlich auf einer Doppelseite samt Farbbild angeordnet und enthält Merkmale, botanische und "Volksnamen", Geschichte und Geschichten, Medizin und Zauberei. Manchmal mischt sich Esoterisches und Phantasievolles in die sachliche Beschreibung. Hildegard von Bingen empfahl die Akelei gegen Husten, nicht ahnend, dass es sich um eine giftige Pflanze handelt, von deren Anwendung man absehen sollte. Hingegen ist der Bocksbart eine alte Nutzpflanze, deren Wurzel bei den Römern als Delikatesse galt. Die zuckerhaltigen Stängel und Blätter sind wie Gemüse zu genießen. Schnaps aus echtem Enzian war (nicht nur) als Magenmittel beliebt. Heute steht der Gelbe Enzian unter Naturschutz und wird zur Verarbeitung extra angebaut. Die Bitterstoffe wirken appetitanregend und sollen sogar bei Burnout helfen. Anerkannt ist die antidepressive Wirkung des Johanneskrauts, das früher als "Teufelsbanner" (gegen Wahnvorstellungen) galt. Die dunkelrosa Kartäusernelke kam über die Klöster in die Bauerngärten, wo sie noch immer beliebt ist. Die haarigen Blätter der Königskerze wurden als Dochte in Lampen verwendet, die Stängel dienten, in Öl getaucht, als Fackel. Außerdem sollte die "Marienkerze" Häuser vor Blitzschlag schützen und überhaupt alles Böse abhalten. Die Margerite diente als "Rupfblume" für Prophezeiungen aller Art. Schon Goethe lässt im "Faust" das Gretchen rätseln: "Er liebt mich, er liebt mich nicht …" Man legte die Blätter auch auf Wunden, erst neuere Forschungen machten ihr hohes allergenes Potential bekannt. Abgeraten wird heute auch von den giftigen Blättern der Sumpfdotterblume als Wundheilmittel. Eine der schönsten gefährdeten Blumen ist die Gelbe Wasser-Schwertlilie. Wiegele nennt die Sumpfblüte "geheimnisvoll" und erzählt zauberhafte Geschichten: In der griechischen Mythologie waren die Schwertlilien der Götterbotin Iris geweiht, die gute Nachrichten aus dem Olymp zur Erde brachte. Heraldisch ziert die Iris das Wappen der französischen Könige. Hingegen trifft der Hinweis auf die germanische Mythologie und die "Frühjahrsgöttin Ostara" nicht zu. Längst ist bekannt, dass es sich bei "Ostara" um eine Erfindung des Märchensammlers Jacob Grimm handelt. Das Weidenröschen wurde im Zweiten Weltkrieg Trümmerkraut genannt, weil es sich als Pionierpflanze auf Schutt- und Trümmerflächen ausbreitet und als Nahrungsquelle geschätzt war. Das Herbarium endet mit der Wilden Möhre. Sie soll "Menschen helfen, sich zu zentrieren und zerstreute Kräfte wieder zum Mittelpunkt zu führen." Alles in allem: ein empfehlenswertes Vademecum.