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Herwig Wolfram: Das Römerreich und seine Germanen#

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Herwig Wolfram: Das Römerreich und seine Germanen. Eine Erzählung von Herkunft und Ankunft. Böhlau Verlag Wien. 475 S., ill., € 41.00

"Wie schreibt man heute ein Germanenbuch und warum immer noch eins?" Diese Frage stellt der Autor am Beginn dieses großartigen Werkes. Em. Univ. Prof. Herwig Wolfram ist der ausgewiesene Experte zum Thema. Allein das Literaturverzeichnis des jüngsten Buches enthält 40 einschlägige Titel aus seiner Feder.

Zum Stichwort "Germanen" ergibt die Google-Suche fast 3 Millionen Treffer, "Goten" mehr als 7 Millionen. Vermutlich ist vieles davon ins Reich der Märchen zu verweisen. Tatsächlich geht die populäre Mythologie auf den deutschen Literaturwissenschaftler Jakob Grimm zurück. Skandinavische Texte aus dem 12. und 13. Jahrhundert dienten dem gelehrten Märchensammler dazu, die Glaubensvorstellungen der Germanenvölker von der römischen Kaiserzeit bis zur frühmittelalterlichen Christianisierung zu (er-)finden. Die verhängnisvolle spätere Idealisierung und Ideologisierung ist bekannt. Ebenso die Versuche, sich von falschen Vorstellungen zu distanzieren. Der Autor erinnert an den österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, der 1976 "autoritativ die Kelten an Stelle der Germanen als Vorfahren seiner Mitbürger bestimmte." In Deutschland bestehe jedoch unvermindert großer Bedarf an Germanenbüchern. "Das davon bestimmte und bis heute anhaltende Interesse der nicht bloß deutschen Öffentlichkeit kritisch und glaubwürdig zu bedienen, ist der Hauptgrund, warum von den Germanenbüchern immer noch eins zu schreiben ist und sein wird", stellt der Mediävist fest.

"Erzählen" ist heutzutage modern. Erinnert sei nur an die vielen historischen Sammlungen, die ihre Museumspädagogen in "Story telling" ausbilden lassen. Psychologen lehren - und Fremdenführer wissen es längst -, dass sich das Publikum Geschichte besser merkt, wenn man sie in Geschichten verpackt erzählt. Auch das neueste Germanenbuch trägt den Untertitel "Eine Erzählung von Ankunft und Herkunft". Doch handelt es sich nicht um eine Erzählung, in der die Phantasie eine Hauptrolle spielt, sondern um eine solide, wissenschaftliche Darstellung auf fast 500 Seiten. Dafür bürgt die Person des Autors. Herwig Wolfram hat sich durch seine Arbeiten zur frühmittelalterlichen Ethnogenese international einen Namen gemacht. Er gliedert sein jüngstes Werk in "Die Sprache der Erzählung", "Die Namen der Erzählung" und "Die Erzählung" selbst, die das 4. bis 8 Jahrhundert umfasst.

Im ersten Kapitel behandelt er u. a. "Begriffe, Worte und Wörter". Termini wie Stamm, Volk oder auch der Germanenname selbst, sind ideologisch belastet, aber nicht zu ersetzen. Die Moral aus der Geschichte ist für den Historiker: "Wir dürfen uns unsere Sprache nicht stehlen lassen, müssen aber uns und unserem Publikum klar machen, dass viele unserer Begriffe eine lange, keineswegs immer erfreuliche Geschichte haben und mit sich führen." Den Begriff "Völkerwanderung" beispielsweise hat der Wiener Hofhistoriograph Wolfgang Lazius im 16. Jahrhundert erstmals verwendet. Er behauptete die Wanderung der Goten vom Schwarzen Meer bis Spanien, um den Habsburgerstaat zu begründen.

Der zweite Teil handelt von Göttern und Göttinnen, Helden und Königen. Man lernt die Grundzüge der spätrömischen Reichsorganisation und des Gesellschaftssystems kennen. Senatoren bildeten den "besseren Teil der Menschheit", wobei innerhalb dieser eine komplizierte Rangordnung herrschte. Die unmittelbare Ausübung von Handel und Gewerbe war den Angehörigen der Oberschicht verboten, aber als Patrone konnten sie die Grundherrschaft ausüben und auf städtische Aktivitäten Einfluss nehmen. Nur 10 Prozent der Bevölkerung lebte in Städten. Dort bestand eine breite, freie Mittelschicht aus Gebildeten und Unternehmern, die sich in Zünften und Korporationen organisierten. "Am untersten Ende der sozialen Rangleiter stand das auch in der Spätantike noch riesige Heer der Sklaven". Doch auch innerhalb dieser großen Gruppe gab es Unterschiede. Die Römer sahen die Christen als Bedrohung der herkömmlichen politisch-sozialen Ordnung. Im 4. Jahrhundert hatte sich das Christentum in mehrere Bekenntnisse aufgespaltet, unter denen Katholiken und Arianer die stärksten Glaubensrichtungen bildeten. Der Presbyter Arius von Alexandria (um 260 - 336) vertrat die bloße Gottähnlichkeit Jesu. Daher sei Christus dem Vater untergeordnet wie der nichtgöttliche Heilige Geist dem Sohn. Das erste ökumenische Konzil von Nicäa (325) verdammte den Arianismus und dogmatisierte die Wesensgleichheit von Vater, Sohn und Heiliger Geist als göttliche Dreifaltigkeit. Die Goten an der unteren Donau und auf der Krim waren die ersten Germanen, die als ganzes Volk mit dem Christentum in Verbindung traten. Eine wesentliche Rolle spielte Wulfila, der 341 in Antiochia zum (arianischen) Bischof geweiht wurde. Seine nach 350 entstandene Übersetzung der Bibel aus dem Griechischen machte das Gotische zur ersten verschriftlichten germanischen Sprache. Wulfilas Bibelübersetzung war von epochaler Bedeutung, er erfand dafür ein Alphabet und eine bibelgotische Fachsprache.

"Die Erzählung" beginnt mit dem römischen Kaiser Marc Aurel (121-180), dem letzten Imperator, der seine Herrschaft der Adoption durch seinen Vorgänger verdankte. Dieses System prägte das 2. Jahrhundert, das als Höhepunkt der antiken Zivilisation gilt. Es erfüllte die philosophische Forderung, dass der jeweils Beste als Kaiser herrschen sollte. Als Zwischenergebnis hält der Autor für das 3. Jahrhundert fest: " Usurpationen im Inneren , Angriffe der Germanen im Westen, Vorstöße der Goten im Osten und dazwischen stets die Perserkriege, die kein Ende nehmen … Das Land ist zerstört, die Menschen, die der Feind nicht getötet oder fortgetrieben hat, fallen Hunger und 'Pest' zum Opfer. …Die Christen … hatten zugleich unter dem römischen Staat wie unter den Barbaren zu leiden." Die weitere "Erzählung" handelt von Hunnen, Vandalen, Franken, Burgundern und Langobarden. Man begegnet bekannten Namen wie Attila, Theoderich, Odoaker, Theoderich und auch weniger allgemein bekannten Herrschern und Heerführern. Im letzten Kapitel geht es um "die Umgestaltung der beiden Welten", der römischen und der germanischen. Herwig Wolfram stellt fest, dass der Historiker heute von der Germanen und ihrer Geschichte weder Standesvorrechte noch nationale Überlegenheit herzuleiten vermag. "Jedes 'back to the roots ' , jede Rückkehr zu vermeintlich echten und wahren Ursprüngen bedeutet den Verlust von Gegenwart und Zukunft an eine Vergangenheit, die niemals existierte, aber als fundamentalistisches Konstrukt Schlimmes hervorbringen kann. Dies verhindern zu helfen, ist das Ziel dieses Buches; es dient der Erzählung von Herkunft und Ankunft, von den Anfängen der europäischen Geschichte und den Ursprüngen ihrer Nationen lange vor deren Entstehung."