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Notiz 056: Das Absurde als etwas Unverzichtbares#

(Vater und Mutter Übü in einem Gleisdorfer Moment)#

von Martin Krusche

Auf eine Schale Tee im Stadtpark von Gleisdorf. So ergab sich ein Moment des Spazierganges mit Vater und Mutter Übü. Was einst meine „Konferenz in Permanenz“ war, ist unter Corona-Bedingungen neuerdings zu einer Serie von Spaziergängen geworden. Das haben uns vor Jahrtausenden die Peripatetiker schon vorgehupft. Es ist übrigens insgesamt eher schwierig, sich schlauer zu fühlen als die Leute der Antike. Es ist auch gar nicht notwendig.

Franz Blauensteiner und Rezka Kanzian. (Foto: Martin Krusche)
Franz Blauensteiner und Rezka Kanzian. (Foto: Martin Krusche)

Wir waren uns völlig einig, daß alles, was uns gelingt, auf den Vorleistungen anderer beruht. Das muß mit Rezka Kanzian und Franz Blauensteiner nicht erst verhandelt werden. Davon gehen wir aus. Für mich ergab sich dabei ein Zugang zu einem Genre, bei dem ich weitgehend ohne Sachkenntnis bin: absurdes Theater.

Die Vorleistungen anderer. Hier also: Vater und Mutter Übü. Natürlich habe ich darüber schon eine Weile nachgedacht. Was ist der Angelpunkt, an den anzuknüpfen mich reizt? Folgendes scheint mir nun klarer: das Absurde ist nicht da, um uns Erkenntnis anzubieten, sondern Wahrnehmung.

Archimedes von Syrakus soll eines Tages gebrüllt haben: „Heureka!“ Das wurde so populär, wie jeder Schnösel, wenn er Grundsatzfragen aufwirft, plötzlich sehr lateinisch wird: „Quo vadis?“ Dieses „Heureka“ soll im Altgriechischen ungefähr für „Ich hab es gefunden!“ stehen. So drückt sich ein Moment der Erkenntnis aus: Ratio und Emotion haben ein Tänzchen miteinander. Hoch die Tassen!

Nun aber das Absurde… Ich weiß noch gut, daß man manchmal kleine Kinder zu tränenreichen Lachanfällen bringen kann, wenn man ihnen absurde Dinge vorsagt oder vorspielt. Dann schaukelt sich das ein wenig hoch, weil einen das Gelächter des Gschrappen ansteckt, wodurch man weichgeklopft wird, vom Absurden, das man vorträgt, selbst infiltriert zu werden. Plötzlich erfährt man die Welt auf eine sehr vergnügliche Art. Und das ist etwas anderes als sie zu begreifen. Erfahren und Begreifen sind so wie Aktion und Reflexion; zwei grundverschiedene Vorgänge.

Irritationen#

Sieht man Vater und Mutter Übü bei der Arbeit zu, möchte man vielleicht auf Anhieb sagen: was tun die da und wozu? Das fragen zum Beispiel Menschen, die nicht verstanden haben, wovon Kunst handelt. Ich weiß sogar von Kulturbeamten, die behaupten, man könne ja eh nicht so genau sagen, was Kunst sei. Lustig! Als würde ein Kapitän auf der Brücke verkünden: „Man kann ja nicht so genau sagen, was Wasser ist.“
Die Übüs beim Gleisdorfer Zeit.Raum (Foto: Martin Krusche)
Die Übüs beim Gleisdorfer Zeit.Raum (Foto: Martin Krusche)

Wo war ich gerade? Wahrnehmung! Das altgriechische Wort dafür lautet Aisthesis. Wir kennen es als Ästhetik. Dessen Gegenteil ist die Anaisthesis. Kennen wir auch: Anästhesie. Wahrnehmung und Betäubung. Beides unverzichtbar. Und das Lachen!

Denken Sie nur: was darf im Arsenal der Waffen, die von Diktatoren am meisten gefürchtet werden, keinesfalls fehlen? Das Lachen. Wenn es zum Gelächter wird, ist es eine zweischneidige Klinge. Daher muß man nicht unbedingt verstehen, aber zur Kenntnis nehmen, daß jene Kunstform, die ein Lachen auslöst, besonderen Rang hat.

Ich mag es sehr, daß wir über Formen einer Kunstpraxis verfügen, welche schlampige Passanten zur Frage führt: „Was soll denn das sein?“ Ich werde eben diesen schlampig Eifrigen, die schnell wissen, was alles nichts ist, kaum vermitteln können: dort beginnt Philosophie! Staunen. Und fragen.

Erst war Mythos, dann kam Logos. Vielleicht – ich weiß es nicht genau – ist das Absurde eine Brücke zwischen diesen beiden Welten. Wer das anzweifelt, möge sich für eine der Welten gegen die andere entscheiden, obwohl ich keinerlei Notwendigkeit für diese Entscheidung kenne.

Was mir dazu noch einfällt, dieser Spaziergang mit den Übüs war einer von mehreren, zu denen auch ein Gang durch nahe Wälder zählt. Den ging ich vor einer Weile mit der Designerin Barbara Baumgartner und dem Wissenschafter Helmut Tributsch. Von Tributsch ist mit ein bemerkenswerter Satz in Erinnerung: „Jedes System hat Telos. Sogar ein mathematisches System.“ Kunst und Telos…