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Lose Blätter, zusammengefaßt#

Die Notizen des Hugo Zötsch#

von Martin Krusche

Für Hugo Zötsch war es, so weit ich mich an unsere Begegnungen erinnere, ganz selbstverständlich, daß man sich in seinen Betrachtungen zurechtfindet. Er findet sich ja auch darin zurecht. Wir haben etwas gemeinsam: Schreiben ist aktive Reflexion. Im Verfassen eines Textes versteht man plötzlich, wovon er handelt. Das mag Ihnen banal vorkommen, wenn da so steht, keiner Erwähnung wert.

Hugo Zötsch 1988 bei der Lesung in Gleisdorf. (Foto: Martin Krusche)
Hugo Zötsch 1988 bei der Lesung in Gleisdorf. (Foto: Martin Krusche)

Das kann man aber bloß gering schätzen, wenn man meint, es sei ganz einfach, sich und die Welt zu verstehen, vor allem auch, wie beides zusammenhängt. Das täuscht! Wäre es so einfach, wie viele vermuten möchten, wir hätten vermutlich ein Gros der Probleme, auf die wir laufend stoßen, nicht um die Ohren. Außerdem ist es ein äußerst komplexes Wechselspiel verschiedener Instanzen im Inneren jedes Menschen, das uns Verständigung und Verstehen ermöglicht.

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Ich betone das hier, weil Hugo Zötsch natürlich begriffen hat, welche Kraft im Schreibakt liegt. Und er hat erfahren, was es bei anderen bewirken kann, wenn man sie zum Zuhören bringt, wenn sie sich drauf einlassen, was jemand erzählt.

Aber genau das stellt ihn auch heraus, denn dieser konsequente Umgang mit solchen Zusammenhängen ist kein Allerweltsereignis. Viele Menschen haben nicht einmal Worte für das, was in ihnen vorgeht, zeigen sich völlig ratlos darüber, was in anderen vorgeht.

Die Texte von Zötsch entsprechen freilich überhaupt nicht dem, was uns in der Schule als Lektüre empfohlen wurde. Es wäre auch töricht, ihn auf die amtlich besiegelte Normsprache festlegen zu wollen. Man würde zerstören, was dieses Buch ausmacht. Es ist das Dokument einer Selbstermächtigung. Da schreibt einer in der Sprache und mit den Stilmitteln, die ihm sein Denken als plausibel erscheinen läßt.

Er hält sich gar nicht erst mit der Mühe jene Anpassungsleistung auf, die ihm eine gefälligere Sprache an zusätzlicher Arbeit abverlangen würde. Wozu auch? Er würdigt die Sprache, die er in sich vorfindet, bleibt von dem unbeeindruckt, was Konventionen besagen. Das ist nun zweierlei. Es ist ein autonomer künstlerischer Akt, der seine Normen aus sich selbst bezieht. Und es ist ein Stück Volkskultur, weil Hugo Zötsch an seinem eigenen Klang arbeitet, an seiner eigentümlichen Erzählweise, die von keinen stilprägenden Werken hergeleitet sind und von keinen akademischen Debatten beeinflußt wurden.

Programmhinweis auf die Buchpräsentation von „Meine Zettel“. (Archiv: Martin Krusche)
Programmhinweis auf die Buchpräsentation von „Meine Zettel“. (Archiv: Martin Krusche)

Deshalb macht mir das Wiederlesen dieser Texte nach all den Jahren wieder Freude. Ich mag ihre Originalität, ihre ungewöhnliche Fokussierung, den Detailreichtum und eben die erwähnte Qualität der Autonomie. Da hat sich einer seine Regeln selbst gegeben, was zu dieser bemerkenswerten Textsammlung führte.

Ich hab das Buch 1988 in meiner kleinen Edition herausgebracht, weshalb es längst vergriffen ist. Ab und zu taucht ein Exemplar in Antiquariaten auf. Ansonsten ist es der Öffentlichkeit entzogen.

So bietet die digitale Archivierung nun eine Möglichkeit, daß sich neuerdings wieder Menschen, die Hugo Zötsch nie begegnet sind, nach dieser Literatur umsehen können. Und es ist ein, wie ich hoffe, anregender Impuls für unser aktuelles Projekt „Ich bin eine Geschichte“. Ein Appell zur Selbstermächtigung, auf daß Menschen lauschen mögen, was in ihnen klingt.

Eine Seite aus dem Buch. (Archiv Martin Krusche)
Eine Seite aus dem Buch. (Archiv Martin Krusche)