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Notiz 058: Headcrash#

(Die Stadt, der Raum, Fragmente…)#

von Martin Krusche

Der „Zeit.Raum“ ist ein Gefüge in der Gleisdorfer Innenstadt. Unternehmerin Barbara Lukas hat dieses Ensemble mit den zwei großen Fenstern zur Verfügung gestellt. Meine Konzeption handelt folglich von zwei „Monitoren“. Durch die räumliche Tiefe sind es eigentlich „Slots“, die mit unterschiedlichen Erzählungen bespielt werden können.

Monika Lafer, 2021: Aquarellskizze, Apfelbaum, 22 x 17 cm
Monika Lafer, 2021: Aquarellskizze, Apfelbaum, 22 x 17 cm

Die einzelnen Episoden dieser Erzählungen sollen alle 14 Tage wechseln. Eine Mehrsparten-Option. Den Auftakt setzt Malerin Monika Lafer mit ihrem Projekt „Sicherungskopie“. Das bezieht sich auf die Stadt mit ihren Aspekten des öffentlichen Raumes. Das tippt an die Balance zwischen Eigennutz und Gemeinwohl. Das setzt beim Verfließen und Versinken an.

Daher eine prozeßhafte Betrachtung, deren Zeitrahmen wir noch nicht kennen. Die Stadt ändert sich immer; wie auch die Gesellschaft. Es ist naheliegend, darauf mit künstlerischen Mitteln zu reagieren. Es ist ebenso naheliegend, das diskursiv zu begleiten. Wir klären das, indem wir Aktion und Reflexion verzahnen.

Scheiben und Köpfe#

Ich hab für diese Notiz den Titel „Headcrash“ gewählt, weil das mit Lafers Titelfindung und dem Thema insgesamt einiges zu tun hat. In den 1980er Jahren, in den frühen Tagen der Personal Computers (PC), war es wichtig, vor dem Herunterfahren des Rechners ein kleines Hilfsprogramm zu starten.

Mit diesem Programm wurden die Schreib- und Leseköpfe der Festplatte geparkt. Das heißt, die winzigem Ärmchen wurden in eine Ruheposition geschwenkt, um nicht über den Scheiben der Festplatte zu schweben. Dort konnte nämlich eine Erschütterung des Gerätes für einen Headcrash sorgen, also für ein Berühren der Scheibenoberflächen durch die Schreib- und Leseköpfe.

Cover des „Disc EDV Report“ 3/1992 mit beigelegter 5,25 Zoll-Diskette. Aus solchen Quellen bezog man einst günstige Hilfsprogramme und Software-Pakete. Freeware (Public Domain) war gratis, für Shareware konnte man mit eine Spende durchkommen, manches kostete eine festgesetzte Lizenzgebühr.
Cover des „Disc EDV Report“ 3/1992 mit beigelegter 5,25 Zoll-Diskette. Aus solchen Quellen bezog man einst günstige Hilfsprogramme und Software-Pakete. Freeware (Public Domain) war gratis, für Shareware konnte man mit eine Spende durchkommen, manches kostete eine festgesetzte Lizenzgebühr.

Ein physikalisches Ereignis. Falls dadurch die Oberflächenstruktur einen Makel erhielt, waren Datenverluste die Folge. Deshalb und wegen einiger anderer Gefahrenquellen für die empfindlichen Harddiscs haben wir uns seinerzeit nach Kräften angewöhnt, kontinuierlich Sicherungskopien unserer Daten anzulegen.

Wer in der Lernfähigkeit etwas langsam war, konnte beizeiten eine Lektion kassieren, dann klappte es mit solcher Disziplin besser. Beispiel: mir fehlt aus solchen Gründen der digitale Fotobestand von mehr als einem halben Jahr, was mich heute noch ärgert. Daten-Backups, bis heute unverzichtbar, waren nicht die einzige Maßnahme, um Sicherheit zu erhöhen. Festplatten mußten laufend „aufgeräumt“ werden, was unter anderem hieß: fragmentierte Dateien zusammensetzen und neu ablegen.

Das bedeutete ferner, die entsprechende Software hat beschädigte Bereiche der Festplatte markiert und ihre weitere Nutzung ausgeschlossen, um so die Gefahr von Datenverlusten herunterzuschrauben.

Dämmert Ihnen nun, wie sehr sich dieser Begriff „Sicherungskopie“ aus unserer frühen PC-Welt als Metapher für die Betrachtung von Stadtentwicklung eignet? Vor allem auch ein Aspekt, der Laien an der ursprünglichen Technologie gar nicht geläufig ist: Datenträger werden je nach Oberflächenzustand mit Fragmenten beschriftet, die zwar von Software gelesen werden können, aber das System verlangsamen. Räumlich verteilte Fragmente.

Nehmen Sie nun eine Stadt im Lauf der Zeit ins Blickfeld! Das bedeutet nicht bloß Expansion und Verdichtung. Das bedeutet auch Perforierung; Stichwort „Shrinking Cities“. Oder: was geschieht mit den alten Zentren, wenn Orte polyzentrisch geworden sind? Andrerseits: was ergeben Gemeindezusammenlegungen, durch die es plötzlich überhaupt kein Ortszentren mehr gibt?

Lafer reißt da also ein sehr großes und komplexes Thema an. Teil der Zeit.Raum-Ereignisse ist es nun unter anderem herauszufinden, was an diesem großen Thema von uns mit welchen Mitteln bearbeitet werden mag, denn für uns ist natürlich die Anwendung von Mitteln der Kunst vorrangig. Daraus schließe ich vorerst: wir werden Dialoge suchen, um auch andere Zugänge zu öffnen.