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Notiz 038: Provinz und Provinzielles#

(Von der Praxis des Kontrastes)#

von Martin Krusche

Handschrift. Handwerk. Intention. Esprit. Und Themen! Ich wüßte nicht, wie Kunstpraxis ohne solche Mittel auskommen könnte. Wäre von den seltenen Beispielen abzusehen, wo jemand von Natur aus so erhebliches Talent (plus künstlerischen Tatendrang) in sich findet, daß sich alles wie von selbst ergibt; also einer Obsession folgend, ganz ohne ein Herumgeistern auf irgendwelchen Metaebenen.

Unternehmer Ewald Ulrich (Ana-u), ein engagierter Kulturschaffender. (Foto: Martin Krusche)
Unternehmer Ewald Ulrich (Ana-u), ein engagierter Kulturschaffender. (Foto: Martin Krusche)

Das soll es geben. Gelegentlich. Die Natur verstreut Talente zwar blind und es läßt sich folglich nie sagen, wo jemand davon getroffen wird, aber damit all das auch zur Wirkung kommen kann, braucht es passende Rahmenbedingungen.

Man kann vorzüglich darüber diskutieren, was geeignete Rahmenbedingungen seien. Das ist klarerweise vom Genre abhängig, vom gesamten Kontext, auch von der Weltgegend, in der man sich befindet.

Ich rede diesbezüglich lieber vom geistigen Klima. Um es etwas polemisch zu verkürzen: die Kunst braucht gar nichts, nur sich selbst. Dagegen sollten wir für uns laufend neu klären, was wir in solchen Zusammenhängen brauchen.

Ich sehe mindestens die letzten zehn Jahre als eine Zeit, in der sich das Publikum wieder stärker von der Partizipation zur Konsumation verweisen ließ. Natürlich greift das in schwierigen Zeiten ganz verläßlich. Was das meint?

Ein paar wichtige Punkte: Eine umfassende Digitalisierung der Arbeitswelt, weiterführende Globalisierung der Wirtschaft, wobei sich ein äußert aggressiver Kapitalismus ganz ungeschminkt zeigt, dazu passend - 20018/2009 - Lehman Brothers und die Folgen. Das erzwang viele Strukturreformen über einbrechenden Rahmenbedingungen und wegbrechenden Budgets, während überall die Zahl der Millionäre zunahm. Das fügt sich vorzüglich zum ausladenden Rechtsruck Europas.

Mathias Petermann; „Schreiben ist anstrengend“, 2019
Mathias Petermann; „Schreiben ist anstrengend“, 2019

Ich war überrascht, wie sehr und wie tief diese Kräftespiele auch erkennbar und erfahrbar in das regionale Kulturgeschehen eingedrungen sind. Das korrespondiert mit einem völligen Mangel an Inspiration in weiten Funktionärskreisen, die sich einer zeitgemäßen Kulturpolitik verpflichtet fühlen könnten. Dort herrscht in vielen Köpfen offenbar nur weißes Rauschen.

Das heißt, es lassen sich momentan nur wenige Menschen in der Politik finden, denen klar ist, wie sehr Kunst und Kultur uns nicht als Dekorationsgeschäft dienen, sondern ein primäres Feld der Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften sind. Um das zu begreifen, müßte man sich Wissen erarbeiten. Darauf wird heute gerne verzichtet. Kulturpolitik als Public Relations-Praxis? Kommt vor!

Es war einem aufstrebenden Bürgertum einstmals völlig klar, wozu man kulturbeflissen und kunstaffin sein sollte. Im 19. Jahrhundert blieben wirtschaftlicher Erfolg und Kunstsinnigkeit untrennbar, wenn man in diesen Kreisen reüssieren wollte.

Ich finde zum Glück nach wie vor sehr kunstsinnige und kulturell engagierte Menschen im regionalen Unternehmertum. Aber in Politik und Verwaltung sind sie zu einer sehr seltenen Art geworden. Sie wurden teils auch zu einer bedrohten Art, wo allerhand Funktionäre die Kulturbudgets kapern, um damit PR-Arbeit zu machen, ohne daß ihnen die Sache der Kunst das geringste Anliegen wäre.

Alles auf Anfang?#

Es war schon anders. Jetzt sind die dominanten Muster eben so, also muß manches in der Wissens- und Kulturarbeit von vorne beginnen. Auch die Klärung soziokultureller Zusammenhänge. Während der Dampfmaschinen-Moderne entstanden europaweit Zentren, indem sie ihre Peripherie zur Provinz machten. Sie zogen von dort Talente und Rohstoffe ab.

Nun aber, mitten in der Vierten Industriellen Revolution, sind wir eigentlich nicht mehr verurteilt, solchen antiquierten Mustern zu folgen. Da uns weltweit eine völlig neue Info-Sphäre umgibt, können wir physische Mobilität um Bewegungsräume für eine geistige Mobilität beliebig erweitern. Telepräsenz und Teleworking ersetzen zwar die reale soziale Begegnung nicht, lassen aber anregende Kombinationen zu.

Unternehmerin und Kulturschaffende Kerstin Feirer. (Foto: Martin Krusche)
Unternehmerin und Kulturschaffende Kerstin Feirer. (Foto: Martin Krusche)

Eine relativ junge Erfahrung liegt für uns in den Konsequenzen der Entstehung von Einkaufszentren an den Ortsrändern. Alte Zentren mußten Funktionen abgeben, konnten teilweise nicht genug neue Funktionen aufbauen. Unsere Wohnorte sind vielfach polyzentrisch geworden. Dazu kam ein boomender Internet-Handel, der sich nicht mehr wegdiskutieren läßt, von dem unser Lebensraum verändert wurde. Damit wurde radikal verschoben, was wir im Abendland als öffentlichen Raum, als politischen Raum kennen. (Mir fehlt augenblicklich der kritische Diskurs darüber, ob wir erlauben, daß die Provinz wieder provinziell wird.)

All das findet derzeit eine schrille Begleitmusik im Fahrzeuglärm der verkehrsbedingten Umbrüche. Erst Ende der 1950er Jahre begann jene Ära, da individuelle Mobilität sich auf den massenhaften Privatbesitz von Kraftfahrzeugen stützt. Diese Verhältnisse haben heute ein erkennbares Ablaufdatum und verlangen nach neuen Konzepten, da wir unsere persönliche Mobilität nicht aufgeben wollen. Derlei zwingend anstehendes Umdenken erzeugt große Widerstände, äußert sich in aggressiven Ersatzhandlungen wie den Posen unter der Headline „Fuck you, Greta!“

Konkrete Positionen#

Aber zurück zum geistigen Leben, zu den Rahmenbedingungen der Kunst, zu kulturpolitischen Agenda, zu unseren realen Lebensorten. Wir haben einige der eben erwähnten Teilthemen kürzlich in einem Geschäft in der Gleisdorfer Innenstadt erörtert. Zwei Geschäftsfrauen und ein international tätiger Unternehmer beim Aufbrezeln eines Weihnachtsbaumes. Sehr gesellig!

Diese Session im „Wosnei x“ diente uns unter anderem zur Verständigung über kulturelle Optionen in der nahen Zukunft. Wir hatten jüngst alle für Fokus Freiberg: Nächste Spuren (Drei Tage im November) zusammengegriffen. Daraus sollten sich Vorhaben für das Arbeitsjahr 2020 abzeichnen.

Was meinen Part in diesem laufenden Prozeß der Verständigung angeht, ist das im Rahmen meines Projektes Tesserakt weiter von der Intention getragen, die Schnittpunkte zwischen Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst zu erkunden.

Unternehmer Gottfried Lagler (links) und Wissenschafter Hermann Maurer. (Foto: Martin Krusche)
Unternehmer Gottfried Lagler (links) und Wissenschafter Hermann Maurer. (Foto: Martin Krusche)

Das hat nun bei mir einen konkreten Ansatz in einem Erzählstrang, der unterm Weihnachtsbaum im „Wosnei x“ einer Debatte folgt, in der wir den Unterschied zwischen Schönheit und Attraktivität diskutiert haben:

Die andere Themenleiste ist in einigen Punkten komplementär dazu angeordnet, hat etwa mit „Prometheus 3.0“ (Über den Zweiten Kentaurischen Pakt) auch kulturhistorische Bezugspunkte, ist aber primär der Volkskultur in der technischen Welt gewidmet:

In diesem Bereich findet man ebenso, was ich eingangs skizziert habe. Da ist auf lokaler Ebene das Zusammenwirken mit einem engagierten Unternehmer. Gottfried Lagler von der ÖGHK (Österreichnische Gesellschaft für historisches Kraftfahrwesen) ist eine ebenso sachkundige wie umgängliche Kraft der oststeirischen Klassiker-Szene. Zusätzlich wäre sein integratives Wirken zu betonen, das im Kulturbereich keineswegs zum Standard zählt. Im Kontrast zum Gastwirt Lagler der Comic-Zeichner Chris Scheuer, welcher eine radikale Position in der Kunst repräsentiert. (Er begleitet „Mythos Puch“ schon etliche Jahre.)

Reale soziale Begegnung#

Was immer uns gelingen soll, es braucht konkrete Orte, konkrete Begegnungen. Unternehmerin Kerstin Feirer, ebenfalls in doppelter Rollensituation Geschäftsfrau und Kulturschaffende, zählt zu jenen Personen, die Internethandel wie Einkaufszentren als Faktum betrachten, dem man mit neuen Ideen und Haltung begegnen müsse. Das ist keine Pose gegen andere, sondern eine Position für einen selbst. Sie versteht das zentral gelegene „Wosnei x“ als einen Ort der Begegnung.
Comiczeichner Chris Scheuer (links) und Fotograf Richard Mayr. (Foto: Martin Krusche)
Comiczeichner Chris Scheuer (links) und Fotograf Richard Mayr. (Foto: Martin Krusche)

Von ganz anderer Art ist naturgemäß das Pub „Red Baron“ angelegt. Dort hat inzwischen Sigrun Wolf den Job der Bar-Chefin übernommen, sieht nicht nur das Bewirten von Gästen als ihre Aufgabe, sondern hat auch kulturelle Optionen in Arbeit. Siehe dazu: Public House (Nachtschicht zum eigenen Vergnügen)

Dort hatte ich kürzlich mit Mathias Petermann einiges zu besprechen, da er eben eine Foto-Ausstellung konzipiert und an einem Buch arbeitet. Petermann repräsentiert ein völlig anderes Stück regionalen Kulturlebens, gehört der Generation meines Sohnes an.

Verstehen Sie mich recht, darin ist nun kein Verhältnis der Art des alten Schlaumeiers, der sich dem Rookie mitteilt. Das wäre ein völliges Mißverständnis der zeitgemäßen Optionen. Wir sind Menschen ganz unterschiedlicher Prägungen und Erfahrungen, die sich über Ansichten und Vorhaben austauschen. Das heißt, wir betonen den Kontrast.

Damit komme ich zur ersten Zeile dieser Notiz zurück: Handschrift. Handwerk. Intention. Esprit. Und Themen! Wir teilen das Interesse an diesen Aspekten. Dazu muß jetzt nichts gegründet werden, denn es wurde schon alles gegründet, was jemand für sinnvoll halten könnte. Für uns genügt aktive Anwesenheit und ein adäquates Kommunikationsverhalten. Wo es dann gelegentlich gemeinsame Aufgaben gibt, wissen wir ohnehin, wie wir zusammenwirken können und wie man das praktisch umsetzt.