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Notiz 044: Aus der Glut#

von Martin Krusche

Als Prometheus uns das Feuer brachte, waren Licht und Wärme wie das Reinschrauben der Sicherungen in einer Fabrik. Nein, genauer: in einer großen Küche. Bevor der Mensch Waffen schmieden konnte, kam das Kochen. Zum Kochen mußte geübt werden, wie man das Feuer zähmt und kontrolliert.

Bevor es angenehm kühl daherkommt, muß es unter kontrollierter Hitze gedeihen: Bierbrauer Tino Pölzer (Foto: Martin Krusche)
Bevor es angenehm kühl daherkommt, muß es unter kontrollierter Hitze gedeihen: Bierbrauer Tino Pölzer (Foto: Martin Krusche)

Damit meine ich, es als Gefahrenquelle eingrenzen und das Halten bestimmter Temperaturen zu beherrschen. Genau diese Kompetenzen wurden schließlich auch für die Keramik, für die Metallurgie und für das Herstellen von Glas unverzichtbar.

Ebenso für das Bierbrauen, das sehr wahrscheinlich vor dem Brotbacken erfunden wurde. Kochen ist demnach eine Schule für viele Kulturleistungen geworden.

Das Kochen war außerdem dafür entscheidend, daß wir beim Essen vieles nicht mehr mit dem Mund leisten mußten, um uns Nahrungsmittel zu erschließen. Zähne, Speichel und die Kaumuskulatur sind dabei lebensnotwendige Betriebsmittel.

Der Mensch schaffte durch das Garen, Grillen und Kochen Quantensprünge in der Entlastung des Mundes und in der Erhöhung der Nahrungsausbeute. Evolutionsbiologe Jared Diamond stellte klar, daß ursprünglich die meisten Arten an Pflanzen und Tieren für unsere Spezies ungenießbar oder der Mühen einer Jagd nicht wert waren.

Diamond nennt die wesentlichen Ausschließungsgründe: unverdaulich, giftig, zu geringer Nährwert, sehr mühsam zu sammeln, schwer zuzubereiten, zu gefährlich zu jagen. Auswahl, Anbau und Haltung von genießbaren Pflanzen beziehungsweise Tieren haben das radikal geändert. Gab ein Hektar Boden ursprünglich gerade einmal 0,1 Prozent der Biomasse an eßbaren Kalorien her, hoben Seßhaftigkeit und Landwirtschaft das Niveau auf rund 90 Prozent.

Seßhaftigkeit und Gewalt#

Der Beginn unserer Altsteinzeit soll vor etwa 2,6 Millionen Jahren festzumachen sein. Das belegen Funde. Damit ist der früheste uns bekannte Gebrauch von Werkzeugen gemeint. Siehe dazu auch meine Notiz Unsere Werkzeuge! Die Jungsteinzeit, das Neolithikum, gilt dann als jene Ära, in welcher der Mensch den Ackerbau entwickelte und seßhaft wurde. Das wird bezüglich des Fruchtbaren Halbmondes, woher wir wesentliche kulturelle Impulse dieser Prozesse bezogen haben, für etwa 9500 v. Chr. angenommen. Bei uns dauerte es noch geraume Zeit, um zwischen 5800 und 4000 v. Chr. wirksam zu werden.
Bier wurde schon gebraut, bevor die Menschen Brot gebacken haben. (Foto: Martin Krusche)
Bier wurde schon gebraut, bevor die Menschen Brot gebacken haben. (Foto: Martin Krusche)

Es wurde eine Zeit der Linienbandkeramischen Kultur und der merkwürdigen neolithischen Massaker, zu denen in Europa immer wieder neue Massengräber gefunden werden. Die Kultur der Linienbandkeramiker hatte ihren Ausgangspunkt im Gebiet rund um den Neusiedler See. Es heißt, diese Leute hätten in bloß 200 Jahren einen bemerkenswert stabilen Kulturraum geschaffen. In dieser Entwicklung tauchen aber auch markante Formen einer Gewalttätigkeit auf, für die es keine früheren Belege gibt.

Anders ausgedrückt, in der Forschung gibt es starke Stimmen, die betonen, in jenen Prozessen habe sich der Mensch ein Repertoire an außergewöhnlicher Gewalttätigkeit zugelegt, was auch bedeutet, daß damals quasi die Folter erfunden wurde.

Es heißt, Gewalttätigkeit sei zur Routine geworden: "Stone Age farmers lived through routine violence, and women weren't spared from its toll, a new study finds." schrieb Thia Ghose 2013 für Live Scienece in „Battered Skulls Reveal Violence Among Stone Age Women“. Dabei haben Menschen ein auf Gewalt gestütztes Gefälle zwischen Männern und Frauen eingezogen, das sich bis heute nicht abschaffen ließ, das permanent Opfer produziert.

Kleiner Einschub: Eine aktuelle OECD-Studie besagt, daß jede dritte Frau angibt, von einem Partner körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Siehe dazu: „OECD High-Level Conference on Ending Violence Against Women“ (Quelle)

Ein Beispiel für Linienbandkeramik. (Foto: Wolfgang Sauber, CC BY-SA 3.0)
Ein Beispiel für Linienbandkeramik. (Foto: Wolfgang Sauber, CC BY-SA 3.0)

Ghose zitiert unter anderem Linda Fibiger (eine Archäologin der University of Edinburgh): "Men may have trained from a young age to fight, whereas women were probably tasked with child rearing. That would have slowed them down, 'because you're probably going to try and protect your children rather than being able to properly defend yourself,' Fibiger said." (Quelle)

Schletz#

Österreich hat mit dem „Massaker von Schletz“ vor rund 7000 Jahren so eine Markierung erhalten. Mehr als 200 jungsteinzeitliche Menschen wurden mit roher Gewalt getötet und eher achtlos entsorgt. Das geschah auf dem Gebiet der heutigen Ortschaft Schletz, die zur Gemeinde Asparn an der Zaya in Niederösterreich gehört.

James Suzman schrieb im Guardian über "How Neolithic farming sowed the seeds of modern inequality 10,000 years ago". Da heißt es etwa: „Regular surpluses enabled a much greater degree of role differentiation within farming societies, creating space for less immediately productive roles.“

Diese zunehmende Arbeitsteilung skizziert er so: „Initially these would have been agriculture-related (toolmakers, builders and butchers), but over time new roles emerged: priests to pray for good rains; fighters to protect farmers from wild animals and rivals; politicians to transform economic power into social capital.“ Das führte nach seiner Auffassung unter anderem zu Krieg und Eroberung, aber auch: „The agricultural revolution also transformed the way humans think about time.“ (Quelle)

Prometheus steht also unter anderem für eine Geschichte, die aus der Glut zu Schwertern und Pflugscharen geführt hat.