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Notiz 058: Lockdown Update#

Wissens- und Kulturarbeit, neu angeordnet#

von Martin Krusche

Es war die 9. Lockdown-Woche, in der es nun hieß, Gastronomiebetriebe dürfen unter der Einhaltung strenger Vorgaben ab 15. Mai wieder Gäste empfangen. Das war für uns ein Stichtag, um eines unser gewohnten Arbeitsessen ins Auge zu fassen. Wissenschafter Hermann Maurer zählt zu den Pionieren der Entwicklung jener technischen Grundlagen, auf denen das Internet beruht. Ich zähle mit meiner v@n (virtuelle akademie nitscha) zu den ersten Akteuren der österreichischen Netzkultur-Szene.

Wissenschafter Hermann Maurer in Takern, südlich von Gleisdorf. (Foto: Martin Krusche)
Wissenschafter Hermann Maurer in Takern, südlich von Gleisdorf. (Foto: Martin Krusche)

Damit will ich betonen, daß wir mit Telekommunikation, Teleworking und Telepräsenz seit Jahrzehnten vertraut sind. Gerade deshalb wissen wir aus unterschiedlichen Lebenswegen, daß die reale soziale Begegnung nicht ersetzt werden kann.

Der „analoge Raum“ als Ort konkreter leiblicher Anwesenheit hat im Sozialen, Kulturellen und Politischen ein Gewicht, das über den „virtuellen Raum“ nicht aufgehoben werden kann. Wir machen durch die Covid-19-Pandemie und den Lockdown gerade eindringliche Erfahrungen, was diese Aussagen bedeuten.

Auf bemerkenswerte Art wird so diese Zuschreibung von Aristoteles greifbar, daß der Mensch ein Zoon politkon sei, ein Wesen, welches auf das Leben in Gemeinschaft ausgerichtet ist.

Diese weltumspannende Info-Sphäre dient uns für unsere Arbeit, auch für allerhand andere Zusammenhänge, hat überdies Wege geebnet, das alte Gefälle zwischen Zentrum und Provinz einzuebnen.

Aber was leibliche Anwesenheit an einem konkreten Ort ist, wurde davon in seiner Bedeutung nicht gemindert. So habe ich einige Telefonate geführt, um ein Gasthaus zu finden, das wir für die Besprechung besuchen könnten. Es wurde die „Alte Mühle“ in Takern, was einen sehr schönen symbolischen Charakter hat.

Über viele Jahrhunderte waren Mühlen erstens ein Anlaß, daß die Maschinenbaukunst von den Menschen vorangebracht wurde, zweitens entwickelten sie sich im praktischen Einsatz zu einem wichtigen Treffpunkt, wohin aus der ganzen Umgebung das Getreide zur Verarbeitung gebracht wurde. Ein sozialer Ort, Begegnungen, Gespräche, ein Umschlagplatz für Informationen, eine kulturelle Einrichtung. Wie das zusammenhängt, hab ich als junger Kerl erst begriffen, als ich „Der Käse und die Würmer“ (Die Welt eines Müllers um 1600) von Carlo Ginzburg las.

Markierungen setzen#

Unser Treffen ereignete sich dann ein wenig wie in einem Mafia-Film. Das ganze Lokal ist leer, bloß zwei Leute an einem Tisch, um wesentliche Dinge zu bereden. Der Wirt sorgt einzig für sie. Kaum je hab ich den Begriff „Ausnahmezustand“ auf freundlichere Art eingelöst gesehen.

So wurde dieses Treffen zu einem kleinen Schlüsselereignis im erneuten Hochfahren unserer kulturellen Aktivitäten, die ich nie unterbrechen wollte, seit die Pandemie uns erreicht hatte. Mir schien umgehend klar, daß wir in ein Kräftespiel geraten sind, auf das wir konzeptionell reagieren müssen, ohne in der Wissens- und Kulturarbeit einen tiefgehenden Bruch zuzulassen.

Das waren freilich keine angenehmen Wochen, um unter diesen unsichtbaren Bedrohung Angstreaktionen erst einmal an die Kette zu bekommen und dann zu lenken, denn für einen freischaffenden Künstler wie mich ist das alles sofort in einen ernsten Alarmzustand gekippt.

Aber unsere Arbeit besteht nicht darin ein „Heldenepos“ zu drechseln, in die Pose eines großen Tragöden zu verfallen oder mit anderen Betroffen einen soziokulturellen Kameradschaftsbund zu gründen.

Die Faustregel besagt: Wenn es gekracht hat, erst einmal klären, ob man blutet und ob man noch gehen kann. Dann ist zu prüfen, wo man denn nun hin möchte und mit wem man sich dazu verabreden kann, weil man Interessen teilt, weil man unterschiedliche Kompetenzen bündeln kann, weil man noch verfügbare Ressourcen zusammentun könnte, um das gemeinsame Tun zu verstärken.

Noch etwas scheint mir wichtig. Eine Praxis des Kontrastes im Umgang miteinander. Hier der Emeritus, der eine Weltkarriere absolviert hat, da ein Freelancer in der Provinz. Würden wir uns mit Statusfragen und Differenzen in den Positionen aufhalten, mit Ressentiments über persönliche Eigenheiten, bliebe kein ausreichender Raum für gedeihliche Zusammenarbeit.

Einmal mehr ist dies ein Abschnitt, in dem wir individuell zu entscheiden haben, ob wir uns auf das Trennende konzentrieren wollen, oder auf das, was uns verbindet. Wenn mein Milieu in den letzten 30 Jahren über weite Bereiche an etwas gescheitert ist, dann an dieser Frage. Nichts hindert uns daran, diese Gewichtung zu revidieren.

Ich sehe mich derzeit laufend nach jenen um, die es besser machen wollen. Das kommt gerade gut voran. Eben war noch zu notieren: Bewegung hinter Glas (Die Kulturarbeit braucht Adaptionen). Nun werde ich laufend von nächsten Praxisschritten erzählen können.