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Notiz 056: Bewegung hinter Glas#

Die Kulturarbeit braucht Adaptionen#

von Martin Krusche
In meinem Leben hörte ich öfter: „Zu Tode gefürchtet
ist auch gestorben.“
Das leuchtet mir ein.

Intrada#

Im engeren Kreis meiner aktuellen Kooperationslagen hat niemand Zeit und Laune, die eigene Kraft mit Lamentos zu vergeuden. Wir müssen manches abfangen, anderes wegbrechen lassen. Wir müssen sehr zügig Ideen entwickeln, auf welche Art derzeit Vorhaben adaptiert werden können, um mit dem Lockdown kompatibel zu werden. Wir dürfen die eigene Zuversicht nicht verhungern lassen.

Wie das geht? Ich kann es nur für mich sagen. Ich bin mit Leuten, die inhaltliche Kompetenz einbringen, professionell arbeiten und sich als paktfähig erweisen. Gut, das wäre eigentlich zu allen Zeiten eine unverzichtbare Kooperationsgrundlage. Jetzt scheint es mir freilich dringender denn je, sich darauf verlassen zu können.

Wissenschafter Hermann Maurer. (Foto: Martin Krusche)
Wissenschafter Hermann Maurer. (Foto: Martin Krusche)

Österreich hat heute innerhalb der Pandemie einen Status, da möchte ich mit niemandem in anderen Ländern tauschen. Ich rechne nun mit der zweiten Welle und daß wir noch härter um nächste Klarheiten ringen müssen, wie sich nämlich Zurückhaltung und das Hochfahren von Betrieben aller Art in eine taugliche Balance bringen lassen.

Wir wissen recht viel, wie man sich individuell schützen kann und müssen das mit anderen Bedürfnissen in Einklang bringen. Wir wissen immer noch sehr wenig, wie sich die Pandemie einerseits in den Körpern der Erkrankten, andererseits in einer Massengesellschaft auswirkt und welche Mittel uns kollektiv in Sicherheit bringen könnten. Es ist also eine Zeit laufender Diskurse und wechselhaft harter Auseinandersetzung über Gebote, Verbote, auch über die Demokratie schlechthin.

Realraum hat Vorrang#

Ich hab eben mit Wissenschafter Hermann Maurer telefoniert, um mit ihm zu erörtern, welche unserer Pläne sich unter diesen Bedingungen umsetzen lassen. Der Emeritus ist ein Pionier in Sachen Internet-Technologie. Das betone ich, weil er darauf bestanden hat, daß wir uns demnächst wieder an einen gemeinsamen Tisch setzen können, um Arbeitsvorhaben zu bereden.

Das korrespondiert mit meinen Erfahrungen und Wünschen, die sich entwickelt haben, da ich mit der v@n (virtuelle akademie nitscha) zu den frühen Akteuren der österreichischen Netzkultur-Szene gehöre. Daher ist auch für mich völlig klar: das Internet ist unser kühles Extrazimmer. Die reale soziale Begegnung bleibt unersetzlich, ist vorrangig.

In diesem Sinn mailte mir übrigens auch Bürgermeister Peter Moser, mein Projektleiter beim nächsten Abschnitt der „Wegmarken“: „Lieber Martin, ja face to face wäre mir auch lieber, hoffentlich bald.“

Tabernakelpfeiler hinter Schloß Freiberg. (Foto: Peter Moser)
Tabernakelpfeiler hinter Schloß Freiberg. (Foto: Peter Moser)

Einige Tage davor war schon Post mit Fotos von Moser gekommen: „…hab in den letzten Wochen, als ich Zeit hatte spazieren zu gehen, einfach Objekte gesammelt für unser Projekt.“ Ich zeig davon hier den markanten Tabernakelpfeiler, den man hinter Schloß Freiberg findet, denn auch dort wirkt eine effiziente Kulturinitiative, Fokus Freiberg, geleitet von Ewald Ulrich.

Ich mag dieses Gefühl, daß auch kleine Schritte wie Zähne eines Reißverschlusses ineinandergreifen. Kontinuität zählt! Im Laufe dieses neuen Anfahrens unseres Projektes hatte Bürgermeister Werner Höfler mir kürzlich Material zum Hauskreuz auf seinem eigenen Anwesen geschickt: (Link) Das soll andeuten, daß wir den Realraum und den „virtuellen Raum“ der Netze miteinander verweben, aber die leibliche Anwesenheit an konkreten Orten Vorrang hat.

Hybrid-Konzepte#

Mit einer Veranstaltung sind wir vorerst ins Leere gelaufen, weil der Lockdown Einschränkungen brachte, deren Beugung teuer werden konnte. Unternehmer Josef Laller, einer meiner Kooperationspartner, schrieb mir am 2. April zu einem adaptierten Konzept: „Eigentlich eine super Idee, nur haben wir in den Verkaufsräumen ein Betretungsverbot, lt. Behörde bis zu € 30.000,- Strafe. Ich darf nur die Werkstatt, ohne persönlich Kontakt, geöffnet haben.“

Also habe ich die ursprüngliche Veranstaltung ("Mythos Puch VII") in eine längerfristigen Prozeß umgelegt, bin zum Auftakt mit Miniaturen in eine Vitrine gegangen, die im halböffentlichen Raum steht, im Foyer der Gleisdorfer Volksbank. Fortsetzung Mitte Mai in einer Vitrine bei Wosnei x, im Zentrum von Gleisdorf. Diese Anordnung liegt in einer Zentrums-Passage (beim Pop Corner) und ist ohne Barriere zugänglich.

Kerstin Feirer und Chris Scheuer im Wosnei x. (Foto: Martin Krusche)
Kerstin Feirer und Chris Scheuer im Wosnei x. (Foto: Martin Krusche)

Danach sollte der Lockdown für die Geschäftswelt so weit entwickelt sein, daß wir bei Zweirad Laller in Gnies eine weitere Ausstellung einrichten können. Siehe zu diesem Thema: Neue Stationen!

Sie sehen die Tendenz? Es geht mir um hybride Formen. Viele Kulturschaffende haben auf die Pandemie damit reagiert, daß sie nun ihre Arbeiten als Dateien auf ihre Websites wuchten und persönliche Darbietungen streamen. Recht und schön, aber das war schon vor der Pandemie Standard einer Netzkultur und ist keine konzeptionell neue Reaktion auf den Lockdown. Das ist bloß ein Stück Ausweichen und Zurücklehnen.

Wie gedruckt#

Gut, mit manchem läßt sich schlecht umsatteln. Als Manuel Wutti mich ins Boot holte, um das Puch Club Magazin neu herauszugeben, war schon klar, man könnte auch eine Online-Postille anbieten. Aber das ist ein ganz anderes Medium und ein anderer Deal, schafft eine völlig andere Situation als das Bestehen auf Papier. Wutti ging es genau um diese Papierwelt, um das Greifbare. Siehe dazu Aufpoliert (Der Mut zum Druck)!

So haben wir hier ein komplementäres Feld, das sich auch mit "Mythos Puch" verbinden läßt, aber vor allem eine wichtige Drehscheibe für das Thema Volkskultur in der technischen Welt ist. Das wiederum steht unserem klassischen Volkskultur-Projekt „Wegmarken“ gegenüber. Somit bearbeiten wir hier einen Teil der Themenstellung „Volkskultur, Popkultur, Gegenwartskunst“. Zugleich festigt das ein Stück der Basis für unsere Themenstellung „Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft“.

Kompetenzpool#

Manches läßt sich problemlos ins Web verlagern, ohne dabei die Option aufzugeben, daß die Beteiligten später im Realraum zusammentreffen. Ein wichtiges kulturpolitisches Credo sollte die Beachtung der Balance zwischen Konsumation und Partizipation sein. Dem widmet sich zum Beispiel Fokus Freiberg im Engagement für einen aktuellen Lyrikwettbewerb.
Manuel Wutti beim Zwischenstop in Gleisdorf. (Foto: Martin Krusche)
Manuel Wutti beim Zwischenstop in Gleisdorf. (Foto: Martin Krusche)

Trotz expliziter Einladung hab ich meine Teilnahme daran ausgeschlossen, denn das ergäbe letztlich eine merkwürdige Optik, sollte ich es als ein Mitglied des inneren Kreises zu irgendeinem der ausgelobten Preise schaffen. Also hab ich was Anderes gemacht, um in diese Geschichte hineinzugehen.

Ich hab eine kleine Serie mit Tips verfaßt, die Menschen nützen kann, wenn sie sich an das Schreiben vom Lyrik gerade erst heranwagen. Diese Leiste werde ich über den 2020er Wettbewerb hinaus weiterführen. Darunter übrigens jetzt schon Ezzes von Bluesmusiker Oliver Mally oder Geiger Andreas Safer (Aniada a Noar). Siehe dazu: Von gelingenden Dialogen (Schreiben Sie!)

Und die Kunst?#

Ja, das ist knifflig. Wie oft hat Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov inzwischen ihr Konzept für Shared (in)Competences (Graz 2020) umgeschrieben, diese Adaptionen jeweils mit allen Beteiligten abgestimmt? Künstler aus anderen Ländern, Ausstellungen, dazu Sessions mit Kindern etc. Nein, das ist unter den gegeben Umständen einfach nicht zu machen.
Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov, Leiterin des GISAlab. (Foto: Martin Krusche)
Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov, Leiterin des GISAlab. (Foto: Martin Krusche)

Ständig ändern sich die Rahmenbedingungen und die Regeln für das ganze Land. Also hat Peitler-Selakov entschieden, das gesamte Vorhaben auf 2021 zu verschieben. Eine Reihe künstlerischer Optionen müssen in Fragen der Umsetzung nun neu gedacht werden. Diese Arbeit ist nicht in zwei, drei Wochen erledigt. Die Entwicklung solider Arbeitsgrundlagen verlangt Zeit. (Der Schnittpunkt)

Konvergenz#

Zurück zu meiner Kooperation mit Wissenschafter Hermann Maurer. Ich hab vorhin schon erwähnt, es geht mir um hybride Formen, die aktuell entwickelt werden. In der Reaktion auf die Pandemie, als Antwort auf den Lockdown. Maurer hat mit einem Team an einem Softwarepaket gearbeitet, das die zwei Welten Print und Web auf nächste Art verzahnt und bestehende Schwächen von PDF sowie herkömmlichen Web-Books hinter sich läßt.

Maurers Ansatz verknüpft den Typus Buch mit Hypertext sehr viel dynamischer, als es andere Konzepte bisher taten. Wir wollen damit regional einen Prototypen schaffen, der diese Technik erfahrbar macht und zugleich ein Beitrag zu zeitgemäßer Wissens- und Kulturarbeit in der Provinz ist, also abseits des Landeszentrums Wirkung entfaltet.

Das ist ein weiterer Schritt, um zu demonstrieren, worin Provinz nicht „provinziell“ bedeutet muß. Das zielt auch auf einen speziellen Akzent, mit dem ich eine wichtige historische Route markiere, die alte Ungarnstraße. Siehe dazu: Strecken und Orte (Die Landkarte der Bedeutungen im Detail)!

Was also die Gegenwartskunst angeht, haben wir noch einige konzeptionelle Arbeit vor uns. Da kann niemand schnelle Ergebnisse liefern, wenn es was taugen soll. Aber Kunst Ost hat im Rahmen von Dorf 4.0 über einige Jahre Kontinuität in die Themenentwicklung und Kulturarbeit gebracht, woran der Lockdown nichts ändern konnte. Das war möglich, weil wir vorzügliche Kooperationspartnerinnen und –partner haben, denn so viel sollte klar sein: niemand ist allein schlau.

Kontext#

In den aktuellen Fragen einer geeigneten Kunstpraxis und einer nächsten Kulturpolitik bin ich mit Musiker Sir Oliver Mally seit Wochen im permanenten Austausch. Das heißt, wir debattieren via Telefon und Chat die gegebene Situation und unsere Annahmen, welche Positionen, Strategien und Schritte nun vielversprechend sind.
Sir Oliver Mally (links) und Martin Krusche bei der 2018er Pop-Konferenz. (Foto: Horst Robert Fickel)
Sir Oliver Mally (links) und Martin Krusche bei der 2018er Pop-Konferenz. (Foto: Horst Robert Fickel)

Zwischen uns besteht Konsens, daß ein weitgehendes Digitalisieren des Kulturbetriebs insofern Unfug wäre, als wir das ja bisher schon nutzen konnten; und zwar als einen Teil unserer Bemühungen, ein Publikum zu adressieren, unsere künstlerische Arbeit zu veröffentlichen. Wir haben es aus guten Gründen nur stellenweise getan. Diese guten Gründe sind durch die Pandemie nicht verschwunden.

Dabei dürfen der Realraum generell und der öffentliche Raum im Speziellen nicht aufgegeben werden. In dieser Frage müssen wir uns auch mit Kräften aus Politik und Verwaltung verständigen. Jetzt aber noch etwas Grundsätzliches, das auch hier notiert sein soll.

Uns herrscht im steirischen Kulturbetrieb zu viel an Larmoyanz und schlampigen Klagetönen. Mally reagierte darauf mit dem Zitat aus einem Text von Toni Morrison: „This is precisely the time when artists go to work—not when everything is fine, but in times of dread. That’s our job!”

Da sind wir uns einig; auch wo die Latte liegt, wenn man sich so manchem Unglück stellt. Das Morrison-Zitat stammt aus No Place for Self-Pity, No Room for Fear“ (In times of dread, artists must never choose to remain silent.) von 2015. Es veranschaulicht eine Sichtweise, die wir teilen. Wir haben Erfahrungen und Kompetenzen, die sich vor allem in schwierigen Situationen bewähren sollten. Wir sind nun damit beschäftigt, herauszufinden, ob das zutrifft.