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Notiz 004: Try on!#

(Die Alternative zur Fast Fashion Show)#

von Kerstin Feirer

EINS: Herzlich willkommen zu Try On! Zu unserer Antwort auf die fast Fashion Show. Wie angekündigt erwarten Sie heute Abend Trends, die wir auf keinen Fall versäumen dürfen, wollen wir zukünftigen Generationen den letzten Schrei ersparen.

Sonja Herbitschek als verdunkelte Projektionsfläche. (Foto: Martin Krusche)
Sonja Herbitschek als verdunkelte Projektionsfläche. (Foto: Martin Krusche)

Deshalb wollen wir heute Abend Mode machen. Ohne dabei die Mode an den Pranger zu stellen! Wir wollen sie von einer ganz anderen Seite betrachten, um zu verstehen, was sie ist! Nämlich ein Ausdruck menschlichen Verhaltens. Und dass die Lösung nicht in ihrer Verurteilung, sondern in unserem Umgang mit ihr liegt.

ZWEI: Beginnen wir mit einem Zitat des Schriftstellers Marcel Proust: „Die Moden wechseln, da sie selber aus dem Bedürfnis nach Wechsel entstehen.“ Moden sind Momentaufnahmen des ständigen Wandelns. Eine kurzfristige Äußerung des Zeitgeistes. Denn jede neue Mode erzeugt neues Verhalten, verändert Denkmuster und erweitert Gestaltungsmöglichkeiten. Jede neue Mode wertet neu und bewertet damit die menschliche Umwelt. Beispielsweise die stetige Verkürzung der Rocklängen bei Frauen seit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, oder die gesellschaftliche Akzeptanz mehr Haut zu zeigen. Bei Männern etwa das Tragen eines Hemdes außerhalb der Hose. Was früher als schlampig galt, heißt heute ungezwungen lässig.

EINS: Soziologisch betrachtet drückt Mode die Regelung gesellschaftlicher Beziehungen aus sie ist Zuordnung und gleichzeitig Abgrenzung zu bestimmten Gruppen und begründet den Wandel dieser Regelungen, da diese laufend von ihr in Frage gestellt werden.

ZWEI: Für die Verbreitung von Moden sind gesellschaftliche Kontraste wesentlich. Es geht um das Wechselspiel zwischen bewahrenden und angepassten Gemeinschaftsmitgliedern und jenen, die sich als eigenständig, experimentierfreudig und rebellisch verstehen.

Elemente neuer Moden werden schneller von jenen übernommen, die offen für Neues sind. Die Bestehendes verändern wollen und die sich als eigenständige Persönlichkeiten vom Establishment abgrenzen.

EINS: Nach und nach – je mehr die Trends im öffentlichen Raum erlebbar werden – übernehmen dann auch weniger innovative und experimentierfreudige Bevölkerungskreise die neue Mode, bis am Ende auch äußerst konservative und traditionalistische Milieus erreicht werden. Deren Modeverhalten wird von dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit geprägt. Für sie ist Mode eine Form von Entsprechung. Spätestens dann sind diese Moden für die innovativeren und individualistischeren Kreise der Bevölkerung nicht mehr interessant.

Karl Lagerfeld hat das mit einem Satz zusammengefasst: „Der Mode entkommt man nicht. Denn auch wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode.“

Die zwei Stimmen: Petra Gangl (links) und Kerstin Feirer. (Foto: Martin Krusche)
Die zwei Stimmen: Petra Gangl (links) und Kerstin Feirer. (Foto: Martin Krusche)

ZWEI: Mode ist also ein hochkomplexes gesellschaftliches Phänomen, das seine Wurzeln in sehr unterschiedlichen individuellen und kollektiven Bedürfnissen hat.

Psychologisch erklärt geht es um das „gesehen werden“ und den Wunsch, Resonanz zu erzeugen. Wir Menschen brauchen und wollen Anerkennung, Bedeutung. Und sich und anderen zu gefallen, hat Auswirkungen auf unseren Selbstwert. Gleichzeitig suchen wir nach Abwechslung und nach Möglichkeiten, uns selbst Ausdruck zu verleihen. Genauso sehr, wie wir nach Übereinstimmung mit allen anderen streben.

Ohne die komplementären Bedürfnisse von Zugehörigkeit und Abgrenzung, Konformismus und Individualismus, Expression und Tarnung, Exhibitionismus und Verhüllung ist das Phänomen Mode nicht zu erklären.

EINS: Dennoch ist das nur ein Teil der Ursachen. Mode lebt eben auch von ihrer persönlichen Bedeutung für das Individuum - Sie ist persönlicher Ausdruck des eigenen Lebensgefühls, einer empfundenen Stimmung, oder der Ausdruck von Sehnsüchten und Vorstellungen. Insofern ist Kleidung ein alltägliches Rollenspiel um eine Rolle einzunehmen oder um sich eine „erträumte“ Rolle anzueignen.

Oscar Wilde sagte: „Mode ist eine so unerträgliche Form der Hässlichkeit, dass wir sie alle sechs Monate ändern müssen.“

ZWEI: Aber können wir das jetzt so sagen? Haben wir nicht gerade verstanden, dass Mode ein komplexer, menschlicher Ausdruck ist? Kann das an sich hässlich sein?

EINS: Hässlich ist, wie wir sie machen. Unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln. Hässlich ist auch die Geschwindigkeit mit der wir sie machen – die sich Oscar Wilde vielleicht sogar wünschte, von der wir aber heute wissen, wie sehr sie uns und der Welt schadet.

Von links: Kerstin Feirer, Sonja Herbitschek und Petra Gangl. (Foto: Martin Krusche)
Von links: Kerstin Feirer, Sonja Herbitschek und Petra Gangl. (Foto: Martin Krusche)

ZWEI: Wir haben verstanden, aus welchen Motiven Mode entsteht. Aber was treibt sie an? Warum dreht sich das Modekarussell so schnell? EINS: Wir wissen, dass Mode aus dem Wechselspiel von Konvention und Individualismus entsteht. Dieses Spiel wurde über Jahrhunderte ausschließlich innerhalb der herrschenden Eliten gespielt. Kleidervorschriften, wie beispielsweise das Tragen von Farben, Knöpfen, Pelzen, war kein Ausdruck von Mode, sondern verdeutlichte und verdichtete Hierarchien. Erst Demokratien haben das Individuum und somit die persönliche Freiheit unter verfassungsrechtlichen Schutz gestellt.

Persönlicher Ausdruck in all seinen Möglichkeiten setzt offene Gesellschaften voraus, die das Individuum genauso achten, wie die Gemeinschaft. Der Schluss liegt also nahe, dass unsere erkämpfte Freiheit, die schnelle Mode erst ermöglicht.

ZWEI: Und dann wäre da noch die Allgegenwärtigkeit der Bilder in unserer digitalen Welt. Weil sie „Trends“ permanent in die Mitte der Gesellschaft spült. Dieses ständige Erleben von Mode beschleunigt den Wunsch nach Individualität, da ihre Allgegenwärtigkeit nahezu zeitgleich das Bedürfnis nach Entsprechung erzeugt.

Wir erleben Momente der Gleichzeitigkeit im Wechselspiel von Abgrenzung und Zugehörigkeit, sodass es kaum mehr möglich ist, das eine wie das andere zu erfüllen. EINS: Wir und das sind alle hier, die Kleidung auf dem Leib tragen, brauchen uns nicht auf die Suche nach den Schuldigen machen. Wir brauchen kein Urteil fällen, nichts verteufeln. Weil wir andere Arten des Modekonsums zur Mode machen können, indem wir unser Konsumverhalten ändern und damit neue Trends setzen.

Sie brauchen noch Inspiration? Gut! Die schönsten, nachhaltigsten, innovativsten und zukunftsträchtigsten haben wir für sie gesammelt. Und die wollen wir ihnen jetzt mit unserer Modenschau zeigen. TRY ON!




Dieser Text für zwei Stimmen war Grundlage einer Performance, entwickelt und realisiert vom Team „Wosnei X“, ein Beitrag für Nächste Spuren: Drei Tage im November von Fokus Freiberg im Schloß Freiberg (Ludersdorf).

Das Aviso#

Die Mode kommt nicht aus der Mode. Aber die Art und Weisen, wie wir sie konsumieren. Die zukunftsträchtigsten wollen wir zeigen. Anhand einer etwas anderen Modenschau, die sich ganz dem Konsumverhalten widmet, um der Welt den „letzten Schrei“ zu ersparen.
Bild 'try_on_logo'

Die Veranstaltungsreihe „Nächste Spuren“ der Kulturinitiative Fokus Freiberg beschäftigt sich dieses Jahr mit dem Begriff der „Nachhaltigkeit“. Und wir von Wosnei X wurde eingeladen, einen Beitrag zu gestalten. Und das haben wir gemacht!

Wir beschäftigen uns seit Jahren mit dem Thema Textil im klassischen Sinn. Wir designen, handeln und informieren Interessierte, die mehr über die Textilindustrie wissen wollen. Diesmal wählen wir einen performativen Zugang, um das für uns wichtige Thema einem breiten Publikum näher zu bringen.

Konkret wollen wir Konsumalternativen aufzeigen, weil die Macht des Konsumenten im Textilbereich stark unterschätzt wird. Während wir immer essen müssen, lebt der Textilmarkt nahezu ausschließlich von künstlich erzeugten Bedürfnissen. Unser Bedarf an Bekleidung gilt als gedeckt. Es scheint jedoch, als sei unsere Lust an Veränderung unstillbar. Mit „try on!“ wollen wir bewusst machen, dass man dieser Lust auch nachgehen kann, ohne dass man den Fast-Fashion-Button permanent drückt.

Du wolltest schon immer einmal in der Frontrow sitzen? Am 2.11.2019 hast du die Gelegenheit dazu. Im Rahmen von „Nächste Spuren - führen wir ein nachhaltiges Leben“ gestaltet Wosnei X einen Beitrag zum Thema Mode und Konsum. Trag (nachhaltig) was bei - sei dabei. Alle Details in der Veranstaltung.)

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