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Notiz 007: Okay, Boomer#

von Martin Krusche

In der Notiz #5 („Das dritte Leben“) habe ich dieses originelle Bonmot notiert, das zugleich eine merkwürdige Herablassung ausdrückt. Es heißt, die Jugend werde an die Jugend verschenkt. Als älterer Mann ist mir natürlich klar, worauf dieses Sprüchlein zielt. Es richtet den jungen Leuten aus, sie seien zu dumm, die Vorteile ihres Lebensabschnittes angemessen zu würdigen, wir Alten hätten dafür die passendere Disposition.

Bild 'krusche07'

Klar ist, daß man sich als älterer Mensch in dieser Frage gar nicht dümmer anstellen kann. Wie uns die Jungen auf solche Borniertheit antworten, ist auch evident. Ich erinnere mich natürlich sehr gut, was mir in jungen Jahren angenehm war. Eine geradezu grenzenlose körperliche Belastbarkeit, gebettet in ein unerschütterliches Gefühl der Zuversicht. Das läßt sich auf eine Art bündeln, die eine sehr attraktive Leichtigkeit ausdrückt. Wahr und etwas traurig ist, daß ich solche Leichtigkeit heute nicht mehr hab. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Es gibt so vieles, das einen beugen kann. Es braucht Phantasie, derlei nicht mit Zynismus zu kompensieren. Dabei kann man sich auf eine Art vom Leben gebeugt zeigen, wie das niemand anziehend findet. Ist das nun jene verschenkte Jugend, also Jugendlichkeit, die von der Jugend angeblich vergeudet wird? Vielleicht. Nein, natürlich nicht.

Im Rückblick scheint mir, daß Unerschöpflichkeit und Kraft in jungen Jahren genau deshalb so reichlich angelegt sind, weil sie vergeudet werden müssen. Ich hatte sie dringend nötig, um Erfahrungen zu sammeln, Irrwege zu bewältigen, auch unter härtesten Belastungen zu bestehen. Mir scheint in der Retrospektive, daß ich meine Vorräte bis zur Neige geplündert hab. Das also ist ein guter Grund, in jungen Jahren mit einem Überfluß an vielen Ressourcen ausgestattet zu sein. Man würde sonst nämlich nicht älter werden.

Was ist anziehend?#

Weshalb kann ich denn nun nicht jung und alt zugleich sein? Ich lese immer wieder, jemand sei „junggeblieben“. Ich halte das für eine dreiste Art, das Alter zu denunzieren. Demnach sollte ich jung in was auch immer bleiben, um das Altern meines Leibes wegzustecken? Oder wie? Oder was? Kaltwarm… Um einen Denkanstoß zu strapazieren, der von einem ganz anderen Feld stammt: ein guter Jagdhund kann nicht zugleich ein guter Hirtenhund sein.

Ahnen Sie, worauf ich ziele? Was für eine Anmaßung, wenn jemand alle Vorteile lukrieren möchte, die Vorteile der Jungen und die der Alten. Umgekehrt geht es auch. Was für eine Zumutung, falls ich alle Qualitäten bieten sollte, die der Jungen und die der Alten. Das sind dumme Konstruktionen, in denen eine schrille Allmachtsphantasie haust.

Bleibt als Problem aber auf jeden Fall, daß die Fragen der Attraktivität nicht verhandelbar sind, überdies in einer individuellen Vielfalt aufgefächert. Was ist anziehend? Na, hoffentlich genug von dem, worüber jemand grade verfügt. Ist es plausibel und nötig, die eigene Attraktivität aufzutrainieren? Mag sein! Aber wo den Schwerpunkt setzen? (Tja, die individuelle Vielfalt!)

Bleiben immerhin Trends, an die man sich heften kann, denen man sich ergeben kann. Und vielleicht so etwas wie dominante Varianten, die sich über Jahrzehnte, vielleicht über Generationen halten. Dazu ließe sich nun vermutlich eine fette Bibliothek mit Ratgeber-Literatur füllen. Oder wir begnügen uns mit einer englischen Redensart, die angeblich seit dem 14. Jahrhundert überliefert wird: „The proof of the pudding is in the eating“.

Unterm Strich: Sie merken doch, ob Sie da draußen ankommen oder nicht. Aber da bleibt all das Unausgesprochene. Außerdem können Obsessionen nicht verhandelt werden, ist individueller Geschmack nicht diskutierbar. Was also in realer soziale Begegnung unter einzelnen Menschen passiert, muß mich hier nicht beschäftigen. Das werden die Betroffenen miteinander ausmachen müssen.

Mich interessiert aber, welche Konventionen generell Wirkung zeigen. Mich interessiert, welche Codes sich als dominant erweisen. Mich interessiert auch, was von solchen Kräftespielen verdrängt, nach hinten verschoben wird.

Normalität? Lustig!#

Sichtbarkeit und Zuwendung sind für uns alle unverzichtbare Wohltaten. Man kann sich freilich bewußt und womöglich demonstrativ dagegenstellen. Der Aspekt beschäftigt mich nicht, weil ich ihn in individuellen Entscheidungsräumen beheimatet sehe. Hinzu kommt: die erklärte Gegenposition bedeutet ja auch, daß man von der anderen Seite her an ein Thema gekettet ist. Das möchte ich eigentlich nicht haben.

Aber wo „Normalität“ behauptet wird, also normative Kriterien hochgehalten werden, sieht das für mich anders aus. In all den Situationen, wo Definitionsmacht verwaltet wird und deren Verlautbarungen mediale Verbreitung finden, ist die kritische Debatte unverzichtbar.

Wie eingangs erwähnt, es ist erstaunlich zu behaupten, die Jugend werde an die Jugend verschenkt. Das ist tatsächlich ein origineller Satz, ein lustiger Prankenhieb. Darin könnte jene Abschätzigkeit lauern, gegen die uns junge Leute mancherorts mit Wucht um die Ohren fahren; zu Recht!

Dazu meine ich: das dürfen sich die Jungen nicht gefallen lassen, die Alten auch nicht. Diese Attitüde, auf die man da schließen darf, hat eine ähnliche Qualität wie jene antiquierte Vorstellung, die Frau bedürfe erst des Mannes, um geistig Reife und sexuelle Relevanz zu entwickeln. Das sind paternalistische Konzepte, entsetzliche Fehlleistungen.

Wie jüngere Menschen die Herablassung seitens meiner Generation unter Umständen quittieren, ist mit der Phrase „OK Boomer“ im 2019er Jahr um die Welt gegangen. Was vorher schon in Internet-Foren aufgetaucht ist, bekam durch die neuseeländische Parlamentsabgeordnete Chlöe Swarbrick spezielle Evidenz. Sie reagierte mit diesen Worten auf eine Unterbrechung ihrer Rede zum Klimawandel durch einen älteren Herren.

Ich kann mich damit ganz gut einrichten, ein Boomer zu sein, dessen Alterskohorte inzwischen das Gros an alten Menschen stellt. Offenbar müssen wir klären, was genau damit gemeint sein kann. (Die eingangs erwähnte 5er Notiz: „Das dritte Leben“)