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Meine Küche als mythischer Ort#

(Archiv externer Beiträge, Blatt #3)#

von Martin Krusche

Es hat mehrere Gründe, überaus verschiedene Gründe, weshalb ich mich in letzter Zeit verstärkt an Küchenherde begeben hab, um meine Möglichkeiten zu erweitern. Der zentrale Nutzen liegt natürlich darin, über bisherigen Grenzen meiner Kochkenntnisse hinauszukommen. Was mir an vertrauten Speisen gelingt, ein überschaubares Repertoire, kann ich nicht mehr sehen, nicht mehr schlucken.

Bild 'feuer800'

Es braucht andere Speisen, um mich auf kommenden Mittagszeiten wieder freuen zu können. Ein zweiter Grund liegt in der eigentümlichen Geselligkeit, die entsteht, wo Freunde bereit sind, mir beizubringen, was ich noch nicht kann. Neue Ideen, neue Zutaten, neue Verfahrensweisen. (Und: ich hab definitiv zu wenig Gewürze im Haus.)

Doch da ist noch ein anderer, sehr tiefgreifender Grund. Der hat sich letztes Jahr abgezeichnet, als ich mich wieder verstärkt mit der Antike und unserer Vorgeschichte befaßt hab. Das verdichtet sich augenblicklich in meinem Teilprojekt „Prometheus in Ketten“.

Der Titan Prometheus entstammt einem alten Göttergeschlecht. Im Gegensatz zu anderem Himmelsvolk hat er sich als Menschenfreund erwiesen, als Lehrmeister, vor allem aber: er hat gegen den Willen des wütenden Zeus das Feuer auf die Erde zurückgebracht. Zur Strafe befahl der Göttervater, den Unsterblichen für alle Zukunft anzuketten. Diesen Job erledigte (widerwillig) der mythische Schmied Hephaistos. Die Nutzung des Feuers in der Metallurgie hat unsere Geschichte fundamental verändert. Das vollzog sich übrigens vor mindestens zehntausend Jahren.

Das Schmieden und Gießen hat durch alle Zeiten seine Helden. Es wurde möglich, weil Menschen lernten, das Feuer zu zähmen und schließlich zu beherrschen. Damit meine ich den kontrollierten Einsatz von Hitze. Wie etwa tönerne Töpfe und Vasen Kinder des Feuers sind, bei denen je nach Machart und Verwendungszweck unterschiedliche Hitzegrade nötig sind, so gilt das auch für Metalle. Glas ist ein besonderes Produkt, das wir ohne Feuer nicht hätten.

Aber es waren natürlich nicht die Töpfer, Schmiede, Gießer und Konsorten, denen Prometheus die Fackel übergab. An den Lagerfeuern und Kochstellen, an den Herden lernten die Menschen, Flammen zu beherrschen. Längst bevor großartige Handwerker - Funken schlagend - ihren Ruhm schmiedeten, veränderten sich die Menschen in ihren grundlegenden Möglichkeiten, weil das Grillen, Kochen, Garen und Räuchern die Nahrung vollkommen verwandelt haben.

Eine populäre These besagt, daß dadurch eine Art des Fleischkonsums möglich wurde, die auf das menschliche Gehirne radikal verändernd wirkte. Dieser Aspekte sollte klar machen, welches Genre weit älter ist, als jene beeindruckenden Handwerkskünste, die uns seit Jahrtausenden Stoffe für große Gesten liefern.

Wo hat also unsere Mythologie jene Göttinnen und Götter der Feuerstellen und der Kochplätze, die es gegeben haben muß, archiviert? Wo sind die Heldentaten notiert, die unsere Spezies aus den Küchen heraus überhaupt erst befähigt haben, andere Qualitäten zu entwickeln?

Wenn ich also dieser Tage öfter mehr Zeit für das Kochen reserviere, dient das nicht nur tagesaktuellen Wohltaten, sondern nützt mir auch beim Nachdenken über einige jüngere Lücken in unseren Heldengeschichten, in den Narrativen unserer Kultur. (Foto: Martin Krusche)

Erstmals publiziert in „Krusches Logbuch