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(Screenshot einer KI-Animation von Jürgen Kapeller.)
(Screenshot einer KI-Animation von Jürgen Kapeller.)

Netzkultur, fein und brachial#

(Im Schatten der KI | Mit Videoclip)#

von Martin Krusche

Ich erlebe beim Kulturvölkchen zurzeit viel an Ressentiments zum Thema „Künstliche Intelligenz“, denen erkennbar kaum Sachkenntnis zugrunde liegt. Mir geht es dabei nicht sehr viel besser, ich weiß noch wenig über KI. Aber ich sehe beunruhigenden Content. Der läßt mich erahnen, daß in bloß fünf, sechs Jahren unsere Medienwelt radikal verändert sein wird. Wir sollten daher bei unserer Befassung mit KI langsam in die Gänge kommen.

Zur Vorgeschichte#

Was sind animierte GIFs? Was macht ein Mouseover? Was gibt es seit Jahrzehnten sonst noch an Kinkerlitzchen, die auf diversen Websites als Blickfang dienen? Gut, gar so viele Jahrzehnte sind es nicht. Das TCP/IP wurde 1990 über eine erste Standleitung zwischen dem CERN (Genf) und der Universität Wien nach Österreich verzweigt. So begann bei uns das „Internet-Zeitalter“.

Tim Berners-Lee erstellte am CERN 1991 die erste Website für den Internetdienst WWW. Ich bin Old School und arbeite bei der v@n-site heute noch mit dem Hypertext Transfer Protocol (HTTP), das ab 1991 für eben diese Art Webpräsenz verfügbar war.

Anfangs waren die Übertragungsraten – im Vergleich zu heute – so mager, daß ich sehr darauf achtete, Bilder schlank zu halten, Bilddateien möglichst auf 12 bis 20 Kilobyte Größe zu begrenzen. (Heute eine unvorstellbare Knappheit.) Zu meinem ersten Logbuch-Eintrag vom 31. Dezember 2003 gehören zwei Fotos. Das mit dem Opel Coupé hat 12 Kilobyte, das mit dem Renner’schen Luftschiff Estaric 17 Kilobyte.

Jpg mit 12 Kb
Jpg mit 12 Kb
Jpg mit 17 Kb
Jpg mit 17 Kb

Klimbim#

Die Webpages blieben freilich nicht lange puristisch. Bis heute geht mir dieses Gehampel sehr auf die Nerven, all dieser Klimbim, die blinkenden Bildchen, Laufbänder mit Informationen, aufpoppende Extra-Inhalte. Ein konzentriertes Lesen, um zügig zu verstehen, wird dadurch enorm erschwert.

Schon davor hatte sich quer durch die 1990er Jahre im Web wie im Realraum eine eigene Dimension der visuellen Grausamkeiten entfaltet. Durch einen Tsunami der Cliparts. Winzige Bildchen, die einfach überall hingeballert wurden, wo Hobby-Genies in einem Dokument noch freie Flächen sahen.

Kulturpessimismus können wir uns freilich sparen. Auf dem Boulevard geschieht alles, was man sich an Blödheiten vorstellen kann, damit Menschen ihre Zeit vergnügt totschlagen können. Das muß einem freistehen. In Nischen haben Leute wie ich die Freiheit, ganz andere Ziele zu verfolgen. Voilà! Wir entscheiden individuell, ob wir die Netzkultur lieber fein oder brachial haben möchten.



Weiterführend#


Neujahrs-Animation per KI von Jürgen Kapeller