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Lyrischer Wettstreit#

Kleine Anregungen #6#

von Martin Krusche

Ich möchte Ihnen hier ein paar Fragmente aus einem sehr alten steirischen Text vorlegen, der ohne jede künstlerische Intention verfaßt wurde. Da aber vor einigen hundert Jahren ganz anders gesprochen und geschrieben wurde als heute, birgt dieser Text einen faszinierenden Klang, für den man sich begeistern kann. Außerdem möchte ich Ihnen einen Eindruck verschaffen, daß es auch Prosagedichte gibt, was auf Anhieb irritierend scheinen mag.

Der Autor und Musiker Ernst Huber von „Broadlahn“. (Foto: Martin Krusche)
Der Autor und Musiker Ernst Huber von „Broadlahn“. (Foto: Martin Krusche)

Das Klingen eines Wortes gehört zu den Mitteln der Lyrik. Man kann mit dem Klang etwas mitteilen, was sich vom Inhalt des Wortes unterscheidet. Das geht auch mit der Bildhaftigkeit eines Inhaltes. Die Metapher macht etwas darstellbar, was eine nackte Bezeichnung nicht gleichermaßen leistet.

Diese Effekte drehen sich rund um eine simple Tatsache, über die wir im Alltag meistens nicht nachdenken müssen. Aber das wird wichtig, falls es ein Mißverständnis gab, einen Streit, oder zum Beispiel… Gedichte.

Hatte man Krach, wird man vielleicht fragen: „Wie hast du das gemeint?“ Bei der Lyrik kann man dagegen genießen, daß ein Text uneindeutig ist, von einem banalen Inhalt wegführt, so vielleicht weit mehr Raum für ein Gefühl bietet, das in Worten nicht exakter beschrieben werden kann.

Mehrdeutigkeit#

Was bei der Alltagsbewältigung die Konflikte fördern kann, ist in der Lyrik unter Umständen genau der gewünschte Effekt: mehr Raum für verschiedene Bedeutungen. Das geht, weil wir mit Worten etwas bezeichnen, aber die jeweilige Bezeichnung ist nicht das Bezeichnete. Nehmen Sie das Beispiel „Sessel“. Was wäre denn das „Sesselhafte“ des Wortes Sessel? Wir könnten weltweit übereinkommen, ein anderes Wort dafür zu verwenden. Ginge auch.

Wenn ich „Sessel“ sage, sind wir uns gewöhnlich einig, daß wir von einer Art Sitzgelegenheit reden, die sich freilich von einem Schemel, einer Bank oder einem Barhocker unterscheidet. Ein Fauteuil oder einen Thron könnten wir zwar auch Sessel nennen, doch deren deutlich andere Sesselhaftigkeit gegenüber einem Thonet-Stuhl im Café muß ich gewöhnlich nicht erklären. Freilich könnte ein Korbsessel diesem wie jenem - Fauteuil oder Thron - ähnlich sehen.

Das Wort ist ein Bezeichnendes (Signifikat), mit dem etwas oder jemand bezeichnet wird (Bezeichnetes: Signifikant). Im weiten Land zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten ereignet sich Lyrik. Aber nun zum eingangs erwähnten Text aus der Vergangenheit.

Die Stampferin#

Ich hab in der Notiz Trinck Lieber Wein Als Wasser den Brucker Steinmetz Hanns Prasser erwähnt, der im Zusammenhang mit meinen Recherchen zu einem Dokumentarspielfilm über steirisches Eisen stand. In jenen Tagen kam mir auch erstmals das Hausbüchl der Stampferin unter. Ein Journal, verfaßt von der Ehefrau eines Radmeisters; heute würde man sagen: einer Industriellengattin.
Quelle: „Hausbuch der Maria Elisabeth Delatorre Stampfer“, 1679
Quelle: „Hausbuch der Maria Elisabeth Delatorre Stampfer“, 1679

Dieses erstaunliche Dokument stammt aus dem 17. Jahrhundert und macht sehr deutlich, wie lebendig Sprache ist, wie groß sich oft Veränderungen auftun. Zugleich ist es anregend, um zu verstehen, welche Schönheit sich zeigen kann, wenn man plötzlich außerhalb des Regelsystems der kodifizierten Hochsprache steht. (Siehe zur Radmeistersgattin auch: Das einmalige Hausbüchl der Stampferin!)

Wir werden in unserem Alltag gelegentlich daran gemessen, ob und wie gut wir eine gerade gültige Rechtschreibung beherrschen. Solche Regelwerke sind jung. Sie erwiesen sich als nützlich, wo sich ein moderner Zentralstaat herausgebildet hat, der eine leistungsfähige Bürokratie braucht, der über Gesetzestexte Rechtssicherheit bietet etc. Aber die Kunst war noch nie bloß auf ein Höchstmaß an Eindeutigkeit angewiesen.

Lyrische Prosa#

Gedichte werden sich oft über eine strenge Form, über gebundene Sprache, Rhythmus und eine bestimmte Textstruktur zeigen. Das mag ihnen optisch ein Erscheinungsbild geben, wie es sich von Prosatexten unterscheidet. Keine zwingende Vorgabe!

Ich komme zu Rilke, von dem ich vorweg noch eine Gedichtpassage zitieren möchte, die verblüffend gut auf den aktuellen Lockdown paßt. Eine Textstelle, die vermutlich auch sehr vielen Leuten bekannt ist, wekche sich kaum für Lyrik interessieren. In „Herbsttag“ heißt es zum Schluß:

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
(Quelle)

Quelle: „Hausbuch der Maria Elisabeth Delatorre Stampfer“, 1679
Quelle: „Hausbuch der Maria Elisabeth Delatorre Stampfer“, 1679
Weil es gerade regnet, während ich diesen Text schreibe, nehme ich nun als Beispiel für Prosagedichte einen Ausschnitt aus Rilke „Gewitter-Segen“.

Gewitter Gewitter
Gewitter Gewitter
was willst du hier, wo der Nöte so viele sind und der Verhängnisse und der unbegreiflichen Wesen?
was über diesem Haus, in dem wir doch vor dem eigenen Leben nicht sicher sind, in dem wir wohnen wie Flüchtlinge mit der Flucht zusammen, die mit hereingekommen ist?
was über uns, die wir müde sind und unsern Mut draußen gelassen haben in den geängsteten Feldern?
was willst du von den Bäumen, die älter sind, als der Älteste unter uns? Hast du einen Auftrag an den Staub dessen, der sie gepflanzt hat? Und den Alten hier was unterbrichst du ihn in seinem unaufhörlichen Andenken? – Und wir, Rührigen, wir sitzen stumpf da und halten unsere Kraft wie Blei in den Schultern und haben nichts zu tun, solange du handelst. Und die Kinder sind aufgewacht und wundern sich, und es ist ein Zorn in der Luft, den ihnen die Mutter nicht ganz ausreden kann. Sie drückt die kleinen Gesichter in ihren Schooß eins nach dem andern, aber jedes Gesicht weiß und ist nicht wieder gut zu machen.
(…)
Das originale Layout sieht ansers aus! Den vollständigen Text in seiner speziell gesetzten Struktur finden Sie hier: (Quelle)

Broadlahn#

Zum Abschluß dieser Notiz ein wunderbares Text-Beispiel, das vieles von dem bündelt, wovon für mich bei Lyrik die Rede sein kann. Ernst Huber, versierter Musiker und Autor, hat mit „Telegraphenpostamt“ eine fulminante Geschichte verfaßt, die man in schriftlicher Form ganz unterschiedlich setzen kann.

Es ist die sprachliche Leistung Hubers, aus der sich ein Klingen und ein Rhythmus ergeben, welche diesen Text gleichermaßen als Prosastück und als Gedicht funktionieren lassen. Das beweist sich unter anderem auch, indem es ein Liedtext ist, der mit einer konkreten Musik tanzt.

Quelle: „Hausbuch der Maria Elisabeth Delatorre Stampfer“, 1679
Quelle: „Hausbuch der Maria Elisabeth Delatorre Stampfer“, 1679

Aber auch als Short-Short Story würde dieser Text im Dialekt, also diesseits der Hochsprache, makellos funktionieren und seine literarische Qualität darbieten. Hier ein Ausschnitt:

Am Telegraphenpostamt sitzt du no ollweil
wia a ausbrennta Leuchtturm do
was hast ma du net früra olls erklärt und dazöhlt
vo Diffrenzialgetriebe und wos i lesn sullt
und das drauf ankimmt doß ma selba schaut
dann kaunnst was Neis mochn wia in Schuastamoasta Boole sein Suhn.

Später dann bist ausdürrt und stülla worn
die Leit hobn sowieso scho gsogt, daß‘d komisch bist
I brauch koa Schul fia des wos ma selba einfallt host du gsogt.
Heuer amol, im Summa, in da Nocht bin i aussegrennt
hinter die Heuscheiba haun i di singan ghört…

Wer noch wenig Erfahrung mit dem Verfassen von Lyrik hat, findet bei Hubers Text Gelegenheit, sich einen Eindruck zu verschaffen, wie es gemeint ist, daß ein Text – egal ob Lyrik oder Prosa – eine Melodie haben soll. Dieses Melodiöse wird unter Umständen sehr wesentlich darüber entscheiden, ob der Text etwas taugt.