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Notiz 023: Ich bin ein Ikarier#

(Gedanken zu einem kniffligen Rollenkonzept)#

von Martin Krusche

Es gibt ein Stück Vorgeschichte meiner aktuellen Arbeit, da habe ich mich als Ikarier gegeben, als jemand, der in einer Tradition des Ikarus steht. Das ist eine hinreißend komplexe Geschichte, von einigen Motiven befeuert, in welchen etliche ihrer wirksamen Ambitionen von Prometheus hergeleitet werden könnten. Beide, Ikarus und Prometheus, gingen ihren Möglichkeiten nach, wurden dann vor allem mit ihrem Scheitern zu Legenden.

Als Ikarier sollte man letztlich ein entspanntes Verhältnis zu Bruchlandungen finden. (Foto: Archiv Krusche)
Als Ikarier sollte man letztlich ein entspanntes Verhältnis zu Bruchlandungen finden. (Foto: Archiv Krusche)

Daß Ikarus auf seinem ersten Flug zu Tode stürzte, ist allgemein bekannt. Wer er war und wer sein Vater Daedalus gewesen ist, gehört nicht mehr zu den populären Wanderlegenden. Von Prometheus hat sich vor allem herumgesprochen, wie er, an einen Felsen gekettet, eine entsetzliche Strafe für sein Tun hinnehmen mußte. Aber was hat er getan?

Scheitern für Fortgeschrittene#

Wenn Du auf keinen Fall scheitern möchtest, kannst Du gleich zuhause bleiben. So lange wir entspannt plaudern, läßt sich das leicht betonen: Mut zur Lücke! Keine Angst vor dem Scheitern! Da wird niemand widersprechen. Es wäre ein Ausdruck von Unvernunft.

In der Praxis sieht das gleich ganz anders aus. Österreich hat keine Tradition, das Scheitern zu würdigen. Dabei ist die Geschichte der Nation reich an Geschichten des Scheiterns. Betrachtet man die steirische Landesgeschichte, schlägt das auch in vielen Aspekten durch.

Nun die gute Nachricht. Da das Scheitern ein Schoßhündchen von Entwicklung ist, sind viele (wenn auch nicht alle) Zusammenbrüche jeweils anregende Hinweise, daß an solchen Stellen gerade etwas vorankommt.

Das ist keine sehr populäre Feststellung in diesen Zeiten einer Kultur, dank derer man leicht den Eindruck gewinnen kann, Bedürfnisbefriedigung lasse sich – zack, zack! – umgehend einrichten, womöglich mühelos.

Probleme sind Illusion. Oder?#

Dieses Simulakrum, innerhalb dessen für uns Wohlfühlsituationen befeuert werden, fällt eigentlich in die Zuständigkeit einer Freizeitindustrie, welche den Menschen bei angemessener Bezahlung die Rekreationsphasen versüßen möchte. Freizeit ist ja ein junges soziales Phänomen, mit dem unsere Gesellschaft noch nicht gar so lange Erfahrungen sammelt.

In genau diesem Zusammenhang wirft Freizeit auch einige kulturelle Fragen auf. Da aber Wissenserwerb an Reputation verloren hat und die Vorstellung von Instant-Lösungen, welche gewissermaßen vom Himmel fallen, auch in Arbeitswelten eingedrungen ist, tun sich gelegentlich sehr kuriose Problemlagen auf.

Und zwar im Sinn von: plötzlich macht es Probleme, daß jemand Probleme lösen soll. Das erscheint mit ein wenig so, als würde jemand in der Erfahrung körperlicher Schmerzen zum Schutz nun gewisse Schonhaltungen einnehmen, um so die Scherzen zu mildern. Plötzlich werden diese Schonhaltungen selbst zur Quelle von körperlichen Schmerzen. Blöd gelaufen!

Ich sollte auf den Punkt kommen. Ein Leben kann wohl nur gelingen, wenn sich Modi finden lassen, mit eigenen Kompetenzmängeln freundlich umzugehen und ihnen dynamische Rahmenbedingungen zu schaffen. Vermutlich ist es ein wenig so, wie das Prinzip von Yin und Yang verstanden werden darf. Das Eine (Kompetenz) wird man ohne das Andere (Kompetenzmangel) nicht finden können.

Ich halte für es für vertretbar, zu behaupten, daß Kompetenz und Kompetenzmangel keine bestimmten Eigenschaften sind, sonder Pole einer Relation markieren. Es ist das Verhältnis zwischen Kompetenz und Kompetenzmangel, indem uns jemand greifbar wird. Wie angedeutet, ein dynamisches Feld.

Ein Thema, das sich nun unter anderem über eine Kooperation zwischen Kunst Ost und GISAlab in einigen Punkten verdichtet, die Kuratorin Mirjana Peitler-Selakov in ihrem Projekt Geteilte Inkompetenzen herausgearbeitet hat.