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Notiz 004: Das Flüstern#

von Martin Krusche

Bei all dem Gezänk und Geplärre, das mich aktuell umgibt, schien es mir kürzlich ganz plausibel, daß man etwas deutlicher machen könne, wenn man nun flüstert. Dann war da Anfang Juni 2019 dieser Abend mit Inge und Franz Wolfmayr, nach dem zu notieren blieb: „Nun sind wir also übereingekommen, daß wir herausfinden möchten, was ein Flüstern bewirkt, wenn rundum gebrüllt wird.“ Siehe dazu: Flüstern (...um besser gehört zu werden)

Von links: Inge Wolfmayr, Richard Hubmann und Franz Wolfmayr. (Foto: Martin Krusche)
Von links: Inge Wolfmayr, Richard Hubmann und Franz Wolfmayr. (Foto: Martin Krusche)

Beide sind erfahrene pädagogische Kräfte, seit Jahrzehnten im Sozialbereich engagiert, dabei mit einem Blick, der über die Landesgrenzen hinausreicht. Das ist mir wertvoll geworden, weil beim regionalen Kulturgeschehen in meiner Umgebung zu viele Blicke von den Landesgrenzen nach innen zurückgezogen wurden, teilweise nicht einmal mehr zum Tellerrand reichen. Dabei hat sich eine Frage als vorrangig herauskristallisiert, die derzeit auch in der Politik dominant erscheint: „Was wird aus mir?“

Solche Selbstbeschränkung erstickt alles. Ein Rückzug hinter Positionen mindestens der 1980er Jahre, was man derzeit – wie sich zeigt –am besten mit Gezänk und Geplärre kaschiert. Das hat bemerkenswerte Entsprechungen im Gemeinwesen. So sind etwa kritische Diskurse in meiner Umgebung weitgehend verstummt. Und zwar jene Art der Debatten, in denen überprüft wird, was man teilt, damit die Differenz klar werden kann, die dann zur Diskussion steht.

Es betrifft eine der vier Regeln für eine achtsamen Diskurs, wie sie Philosoph Daniel Dennett vorgeschlagen hat: „List any points of agreement (especially if they are not matters of general or widespread agreement).“ Das ist ein Modus, der helfen kann, jede dümmliche Feindseligkeit zu vermeiden, die offenbar derzeit in vielen öffentlichen Diskursen die Vorherrschaft übernommen hat.

Zur Frage nach den öffentlichen Diskursen gehört auch jene nach dem öffentlichen Raum. Beides sind Bezugsysteme, in denen wir Wechselspiele zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft finden. Es wäre höchst problematisch, wollten Politik und Verwaltung diese Bereiche dominieren und per Message Control bestimmen, was da zur Sprache kommt und was nicht.

Vieles deutet darauf hin, daß Funktionstragende auch in unserer Umgebung keine Bedenken haben, das anzustreben. Offenkundig tummeln sich in der Region allerhand Kreative, die sich solchen Entwicklungen anschließen, wenn ihnen dafür bloß gelegentlich etwas Sichtbarkeit in Aussicht gestellt wird. Das tendiert zu einer Simulation von geistigem und kulturellem Leben.

Also kamen wir überein, daß wir ein Stück kritischen Diskurs in den öffentlichen Raum setzen wollen, um eine Markierung anzubringen. Einerseits ein symbolischer Akt, andererseits ein Auftakt für eine Debattenreihe, die als Absage an die Simulation gesellschaftlicher Zustände gedacht ist.

Dazu habe ich noch einen erfahrenen Bauern angesprochen. Richard Hubmann repräsentiert eine Art der Intellektualität, die sich mit einem klassischen Handwerks-Ethos vergleichen läßt: Man sagt nur, was man kann, und man kann, was man sagt. Nichts davon muß größer erscheinen als es ist, nie ist es weniger als das.

Was wir nun in dieser ersten Session unter ankommenden Regenwolken erlebt haben, bekräftigt die Orientierung, in der wir auf diesen Nachmittag zugegangen sind. Da geht es um eine Debatte, die nicht gegen andere, sondern für eine Sache angelegt ist. Das heißt, die Diskussion ist keine Kampfmaßnahme, sondern ein Bemühen um Erkenntnisgewinn.

Damit habe ich für die zweit Phase des Vorhabens „Tesserakt“ eine Linie, die an einigen klassischen Motiven orientiert ist. Das bezieht sich auf jene Phase in der griechischen Antike, da Mythos in Logos überging und da Theorie als das verstanden wurde, was wir brauchen, wenn wir mit der Realität kollidieren.

Später soll Plinius gesagt haben, Theorie möge sich erweisen und nicht bezahlt machen. Um es also noch einmal hervorzuheben, es geht nicht um ein Geschäft, sondern um Erkenntnisgewinn. Falls das aus der Mode gekommen ist, haben wir gute Gründe, es hier zu betonen.