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Notiz 010: Diese zwei Jahrhunderte#

von Martin Krusche

Rund um 1800 lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer in Europa bei rund 30 Jahren. So notierte es Andreas W. Daum in seinem Buch über Alexander von Humboldt. Daß der 90 Jahre alt wurde, gehört zu den Ausnahmen. Er starb am 6. Mai 1859. Darüber dachte ich zum ersten Mal nach, als ich eine Querverbindung zu Erzherzog Johann von Österreich finden wollte. Der starb am 11. Mai 1859. Das heißt, sie waren Zeitgenossen.

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Die wechselvolle Familiengeschichte Humboldts ließ ihm weit mehr Spielraum als ihn Johann hatte. Der gehörte dem Hochadel an, war der Bruder von Kaiser Franz I, der schließlich als Franz II. der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war. (Das hat Napoleon beendet.)

Beide, Humbold und Johann von Österreich, waren von unerschöpflicher Wißbegier bewegt und erwiesen sich als untypische Aristokraten. Johann war erst in den Napoleonischen Kriegen und dann rund um die Revolution von 1848 mit staatlichen Aufgaben versehen.

Bei seinem innigen Interesse an Tirol hatte er zum Thema Alpenbund politisch in eine Situation verstrickt, die von seinem kaiserlichen Bruder energisch sanktioniert wurde. Damit war es ihm folglich verboten, Tirol zu betreten. Dem verdanken wir, daß die Steiermark von seinem Tatendrang profitieren konnte.

Ich nehme zweierlei an. Erstens: jeder andere als des Kaisers Bruder hätte diese eigenmächtigen Tiroler Vorgänge in Konfrontation mit Napoleon vermutlich mit seinem Leben, aber mindestens mit seiner Freiheit bezahlt. Der Monarch konnte solche Aktivitäten nicht dulden. (Aus all dem blieb auch eine lebenslange Feindschaft zwischen Johann und Fürst Metternich.)

Zweitens: was heute gerne in romantisierendem Tonfall als Johanns Volksnähe geschildert wird, verstehe ich primär als sein unbändiges Bedürfnis nach einem anregenden geistigen Leben. Dazu fand er jenseits des Hochadels garantiert mehr Gelegenheit als in den angestammten Kreisen. (Später konnte man von Thronfolger Franz Ferdinand wenig Freundliches über die geistige und emotionale Verfassung seiner nächsten Verwandtschaft erfahren.)

Das bringt mich wiederum auf Humboldt. Der legte schon mit etwa 20 Jahren bemerkenswerte Arbeiten vor, war nicht nur laufend mit maßgeblichen Wissenschaftlern im Einvernehmen. Humbold pflegte Freundschaften mit Goethe und Schiller, stand unter dem Einfluß der Französischen Revolution, der Aufklärung, erlebte die Ära von Sturm und Drang, was auch sehr persönliche Konsequenzen hatte.

Damit meine ich, daß etwa Goethes Werk „Die Leiden des jungen Werthers“ belegt, wie ungewohnt es in jener Gesellschaft noch war, daß Männer eine Gefühlswelt offenbaren und Emotionen zeigen, die im Sinn von bürgerlichen Tugenden eher als maßlos und unstatthaft gegolten haben müssen.

Humboldt engagierte sich, wenn er nicht auf Reisen war, intensiv im Gemeinwesen, setzte wichtige Akzente im Bildungsbereich. Aber er war nicht, wie Johann, etliche Zeit mit Staatsgeschäften belastet.

Für die Steiermark wurden Johanns politische Verfehlungen zum Glücksfall, weil sich dieser unbändige Geist hier Betätigungsfelder und anregende Zeitgenossen suchen mußte. Das waren nun keine Persönlichkeiten wie Goethe und Schiller, aber vielseitig talentierte Menschen. Warum ich mir das immer wieder genauer ansehe?

Weil an solchen Personen begreiflich wird, was geschehen ist, um jene rund zweihundert Jahre permanenter technischer Revolution auszulösen, in der wir bis heute leben, ohne das ein Ende des Tempos abzusehen wäre, das uns mehr und mehr fordert, teilweise längst überfordert. Das ist keineswegs bloß ein Kräftespiel von Technik und Wirtschaft, sondern eben auch eine Frage des geistigen, des kulturellen Lebens.

Ich erlebe, wie derzeit immer mehr Kulturbereiche gekapert werden, um PR-Zwecken zu dienen, daß sich viele Kulturschaffende dem anschließen, um mit ihren Partikularinteressen zum Zug zu kommen. Ein bemerkenswerter Beitrag, um die Simulation von Politik zu unterstützen, statt sich Fragen der Zukunftsfähigkeit dieses Landes zu verschreiben.