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Notiz 004: Der Estaric#

(Das Luftschiff der Renner-Buben)#

von Martin Krusche

Zwei Wochen vor Weihnachten des Jahres 1909 wurden im fernen Brasilien per Inserat „Kieler Bücklinge“ und „geräucherter Aal“, „P. P. extra starker Braunschweiger Stangen-Spargel“ oder „feinste Thüringer Cervelatwurst“ angeboten. Sehr fein auch diese Einschaltung: „Für jeden Gebildeten unentbehrlich ist die Münchner ‚JUGEND‘. Preis pro Quartal 4 Mark, im Ausland mit Porto 6 Mark.“ Genau! Es ist einer der Quellen dessen, was wir heute als Jugendstil kennen.

Jede Gesellschaft braucht Adaptionsphasen, um sich mit technischen Innovationen vertraut zu machen. Dann tauchen Motive auf, die von der Aneignung erzählen. So auch eine Kuriosität im Blatt vor dem Hintergrund, daß im Jahr 1829 Stephensons „Rocket“ das Lokomotivrennen von Rainhill gewann. Danach begann die Eisenbahn unsere Welt zu verändern.

Der Estaric in Graz. (Foto: Archiv Krusche)
Der Estaric in Graz. (Foto: Archiv Krusche)

Rund 80 Jahre später wird den jungen Damen in São Paulo scherzend empfohlen, sich im Eisenbahncoupé während der Dunkelheit eines Tunnels ausdauernd küssen zu lassen, um einen Ehemann dingfest zu machen. Davon handelt das Gedichtchen auf Seite 54 einer Wochenausgabe „Deutsche Zeitung“, deren Redaktion und Expedition in der Rua Libero Badaró Nr. 64-64a in São Paulo residiert hat. Hier das frivole Gedicht:

Der dumme Schnellzug.
„Ach, liebste Hulda, teures Herz,
Vernimm,' seufzt Lieschen, „meinen Schmerz!
Ich bin noch furchtbar alteriert;
Denk, was mir im Coupé passiert:
Beinah' wär' ich,“ hier schluchzt sie laut,
„Beinahe wär' ich eine Braut!
Dass nichts draus ward, die Schuld trägt nur
Der dumme Schnellzug, drin ich fuhr.
O, wär' ich acht Uhr zehn gefahren.
Dann wär' die Sache jetzt im Klaren!
Denn acht Uhr zehn ist Bummelzug —
Dann war der Tunnel lang genug!“

Donauwellen#

Aber eigentlich hat mich an dieser Ausgabe des Wochenmagazins etwas ganz anderes beschäftigt. Dabei ist amüsant, daß hier Österreich mit den Donauwellen assoziiert wurde, so die Überschrift eines Berichtes. Die Renner-Buben, von denen der Text handelt, hatten damit eher nichts zu tun hatten; außer daß sie bei einer Weltausstellung in Wien ihr Luftschiff vorgeführt. Sie waren international agierende Kräfte.

Ein nicht genannter Autor widmete sich diesen Luftfahrtpionieren, die 1909 Gegenstand eines jener Spektakel waren, mit denen man damals in ganz Europa und Übersee für Volksbelustigungen sorgte: „Auch Oesterreich gehört jetzt zu den Staaten, die sich an der Eroberung der Luft durch rührige und originelle Mitarbeit beteiligen. In Wien haben die ersten Ausflüge eines in Oesterreich und von Oesterreichern gebauten Luftschiffes «Estaric I» stattgefunden vor Hunderttausenden von Menschen. Auch Kaiser Franz Josef sah dem Aufstieg zu und sprach sich sehr anerkennend darüber aus. Der Wiener «Zeit» gebührt der Ruhm, diesen ersten vollständig gelungenen Aufstieg in Wien veranstaltet zu haben.“

Covermotiv vom 19.10.1909. (Foto: Österreichische Nationalbibliothek)
Covermotiv vom 19.10.1909. (Foto: Österreichische Nationalbibliothek)

Dem war ja schon eine erfolgreiche Vorführung in Graz vorausgegangen. Die steirische Landeshauptstadt wird zwar stets als Referenzpunkt der Renners genannt, doch es gibt bis heute erstaunlich wenig Evidenz und – meines Wissens – keine einzige bemerkenswerte Publikation zum Thema „Renner-Buben“.

So finde ich die Schilderung im Blatt sehr nützlich, weil sie zahlreiche Details liefert, die offenbar noch nirgends gründlich dokumentiert wurden: „Merkwürdig ist die Geschichte der Erfindung und Erbauung dieses Luftschiffes. In Windorf bei Graz lebt auf seiner kleinen Besitzung der Artist Franz Renner mit seiner zahlreichen Familie. Von weiten Weltreisen kehrt er alle paar Jahre in seine Heimat zurück, um hier ein paar Monate von dem anstrengenden Wanderleben seines Berufes auszuruhen. Das Landhaus beherbergt auch seine beiden Elefanten, Ponys, eine Meute gelehrter Hunde und nicht minder gelehrte Kakadus.“

Ich hab übrigens Anatol, den Cousin meiner Großmutter Marianne, noch kennengelernt. Ich erinnere mich an einen drahtigen Typen, der gutgelaunt und gerne von all diesen Dingen erzählte, wie ich das auch von alten Puchianern kennen, die als Ingenieure oder als Hackler in den Grazer Puchwerken tätig waren, etliche von ihnen im Motorsport aktiv.

Die gleiche Stimmung im nie erlahmenden Interesse für die Maschinen und die Fahrten. Es scheint einen Typus zu geben, der das 20. Jahrhundert geprägt hat, mit einem feinen Gefühl für die Apparate und Aggregate, mit einer Kühnheit im Leib, denn man mußte manchmal erhebliche Risiken eingehen, um die Möglichkeiten der Vehikel auszuloten. (Anatol erzählte mir auch von Motorradrennen, die sie gefahren seien.)

Familiäres#

Um 1909 waren er und sein Bruder Alexander also Teenager: „Der alte Renner, die Renner-Buben und die Vertreter der Tierwelt bilden das artistische Ensemble, das in der ganzen Welt bekannt ist. Sein ältester Sohn Anatol und der jüngere Alexander — Anatol ist achtzehn und Alexander sechzehn Jahre alt — sind trotz ihrer Jugend die Stützen der grossen Nummer. Auch sie haben schon beide Hemisphären gesehen. Die Mutter ist eine Russin.“

Hier nun ein Hinweis auf diesen Aspekt der Volksbelustigung: „Der Verdienst der Familie Renner war reichlich, als sie heuer wieder nach Windorf zurückkehrte, um ihre Ferien zu halten. Für das nächste Jahr hatten sie ein Engagement nach Australien. Da kam die Grazer Herbstmesse. Und die Veranstalter der Lustbarkeiten auf dieser Messe kamen auf den naheliegenden Gedanken, den weltberühmten Artisten zur Mitwirkung aufzufordern. Vater Renner dachte zunächst an seine Elefanten, Ponys, Hunde und Kakadus. Aber es sollte etwas ganz Neues, möglichst Sensationelles sein. Da meinte Anatol, man sollte es mit einem lenkbaren Luftschiff versuchen.“

Damals gab es noch solche Handbüchlein, in denen man nachlesen konnte, wer ein Auto oder Mororrad angemeldet hat. (Foto: Martin Krusche)
Damals gab es noch solche Handbüchlein, in denen man nachlesen konnte, wer ein Auto oder Mororrad angemeldet hat. (Foto: Martin Krusche)

Der Weg zum Jahr 1909 war quer durch Europa von einem Summen und Brummen erfüllt, von einem Hämmern und Schrauben. Fast überall wurde in irgendwelchen Schuppen und Hallen an Apparaten getüftelt. Dauernd fiel wo jemand vom Himmel oder flog aus einer Kurve, überschlug sich, wenn etwas am Fahrzeug gebrochen war, starb, wenn etwas am Flugzeug nicht standhielt.

Seit 1908 wurde von Ford das Model T in Serie gebaut. Die Benzinmotoren hatten sich gegenüber Dampfaggregaten und Elektromotoren als dominant durchgesetzt. Die Familie Renner kannte amerikanische Verhältnisse: „Anatol halte sich nämlich in Amerika schon mit dem Plan der Erbauung eines kleinen Lenkballons befasst. Dort hatte er einmal gesehen, wie ein Franzose einen kleinen seidenen Ballon mit Hilfe eines achtpferdigen Motors lenkte. Schon damals lagen die Buben dem Vater in den Ohren, er möge sie auch einen Ballon bauen lassen. Und tatsächlich war schon die Seide und der Motor angekauft worden, doch wurde aus der Sache nichts.“

So wird auch plausibel, daß der Luftschiffname „Estaric“ die Verschriftlichung des Klanges sei, den das Wort Österreich in Amerika gehabt haben mag. Untypisch zwar, weil im Englischen Austria üblich ist, aber daß Einwanderer oder Reisende beim Wort Österreich blieben, scheint nachvollziehbar.

Mein Cousin Alexander Renner besitzt einen eindrucksvollen Brief von Anatol Renner an seine Mutter, aus dem ersichtlich wird, welche Leistungen er auf den Markt brachte, um die Geschäfte in Gang zu halten. Man sieht, er wohne ursprünglich in der Bronx. Doch die Firma „Renner Aeroplane Corp.“ war am „RACO Flying Field“ in Lakehurst ansässig. Der Ort ging in die Geschichte ein, als dort der Zeppelin LZ 129, genannt „Hindenburg“, seine Fahrt in einem Flammen-Inferno beendete. (Ballone und Luftschiffe werden nicht geflogen, sondern gefahren.)

Die Renners müssen von einer großen Rastlosigkeit und erheblichem Fleiß gewesen sein, ihre Ideen laufend in die Tat umzusetzen. So erklärt sich vermutlich, daß sie wirtschaftlich gut dagestanden haben, denn um sich ein Automobil zu kaufen und es zu erhalten, mußte man damals als Privatpersonen viel Geld bewegen.

Der Bericht besagt: „In Graz lernten die jungen Brüder Renner beim Ankauf eines Automobils den Mann kennen, den sie vor allem brauchten, den Motorfabrikanten Johann Puch.“ Altmeister Puch war ungefähr im gleichen Alter wie Franz Renner, gehört der nämlichen Generation an. Er hatte sich vom Keuschlerbuben zum Handwerker und schließlich zum Industriellen hochgearbeitet. Auch er ein rastloser Akteur des Geschehens, der sich in jenen Tagen längst für die Luftfahrt interessierte. Puch hatte immer gezeigt, daß er Zeichen der Zeit ganz gut und schnell erkennt, adäquat darauf reagiert.

Inserat aus dem brasilianischen Magazin mit dem Renner-Report. (Foto: Archiv Krusche)
Inserat aus dem brasilianischen Magazin mit dem Renner-Report. (Foto: Archiv Krusche)

War er einmal nicht ganz auf der Höhe der Entwicklungen, wie etwa bei der Freilaufnabe für Fahrräder, die er zuerst für Unfug hielt, so revidierte Puch Fehleinschätzungen meist sehr schnell. Und der Himmel war weit wie eh, für Puch wie für die Renner-Buben: „Nun drängten sie den Vater neuerlich, sie den Luftballon bauen zu lassen. Der Alte — er ist keine fünfzig Jahre alt - liess sich überzeugen und kaufte das Eschenholz für das Chassis, das Anatol selbst zimmerte.“

Der erste Start#

Dem folgt eine Schilderung, wie fix und gewandt die Männer waren, wohl auch handwerklich überdurchschnittlich versiert, um etwas – ich würde sagen – zusammenzuschustern, an dem dann mehrmals ihr Leben hängen sollte. Das ist Teil einer Kühnheit, die ich bestaune: „Und nun ging der Bau des Lenkballons mit einer geradezu unheimlichen Geschwindigkeit vorwärts. Am 11. September wurde bei der Firma Puch der Motor und bei der österreichisch-amerikanischen Gummifabrik die Ballonhülle bestellt. Am 25. September, abends 10 Uhr, wurde zum erstenmal der Motor am montierten Chassis in der Ballonhalle angedreht, und am Tage darauf, am 26. September, einem Sonntag-Nachmittag, erhob sich der «Estaric I» auf dem Trabrennplatz in Graz zum erstenmal in die Lüfte.“

Lassen Sie mich davon ausgehen, daß Medienleute dieser Zeit gerne auf den Zeiger gehaut haben, um eine Geschichte eventuell etwas größer zu machen. Solche Effekte kennen wir. Dennoch dürfte die Resonanz auf die Grazer Flugvorführung ganz erheblich gewesen sein. So erstaunt es um so mehr, wie wenig Erinnerung an diese Geschichte vorhanden scheint.

Es hieß: „Gleich dieser erste Aufstieg erbrachte den Beweis von der vollkommenen Lenkbarkeit des neuen Luftschiffes. Unter dem unbeschreiblichen Jubel der Grazer vollführte der Ballon eine Reihe gelungener Evolutionen. Und dieser Jubel, diese Begeisterung, die sich bald der ganzen Steiermark mitteilte, ist nicht lediglich auf lokalpatriotische Gründe zurückzuführen. Den Steirern war eben zum erstenmal jener Anblick zuteil geworden, der bisher in aller Welt Begeisterung, Freude und Rührung geweckt hat: Menschen, die die Luft meistern, die im Aether ihre Kreise ziehen. Seither sind die Brüder Renner — die Renner-Buben, wie sie liebevoll vertraulich der Volksmund benannt hat — wiederholt aufgestiegen und haben die absolute Lenkbarkeit ihres Luftschiffes bewiesen.“

Der Kopf des brasilianischen Magazins mit dem Renner-Report. (Foto: Archiv Krusche)
Der Kopf des brasilianischen Magazins mit dem Renner-Report. (Foto: Archiv Krusche)

Österreichs Obrigkeit erwies sich einmal mehr als etwas schläfrig. Zu jener Zeit hatten ja auch zwei Slowenen, die Brüder Edvard und Josip Rusjan, an diesem Thema gearbeitet: Fliegen. Erst mit Modellflugzeugen, mit Miniaturen, dann mit große Flugapparaten, unter anderem von den Arbeiten des Louis Blériot beeinflußt und mit leistungsfähigen Anzani-Motoren ausgestattet.

Es fehlte Österreich keineswegs an einfallsreichen Technikern und hervorragenden Handwerkern. Aber es fehlte offenbar an genug ausgeschlafenen Aristokraten und hohen Beamten, die dafür gesorgt hätten, daß in diese Leute investiert wird. Erzherzog Johann von Österreich war die große Ausnahme gutgestellter Persönlichkeiten, die a) verstanden, was in der Welt gerade vorging und b) genug Mittel zur Verfügung hatten, die eigenen Leute Richtung Höhe der Zeit zu unterstützen, zu begleiten.

Aber es wird in manchen Quellen den Renners zugute halten, daß ihr Abenteuer beitrug, die Fliegerei nicht mehr als Spektakel zu betrachten, sondern als militärisch und wirtschaftlich nutzbares Metier. Es begann eben bescheiden: „Der Lenkballon der Renners besitzt nicht die riesigen Dimensionen eines «Zeppelin». Immerhin ist er ein recht respektabler Geselle. Er misst in der Länge 33 ½ Meter, ist in gefülltem Zustand 8 ½ Meter hoch und besitzt einen Durchmesser von 6 Meter. Das Chassis ist aus Eschenholz gefertigt. Der Puchsche Motor wiegt ungefähr 90 Kilogramm und besitzt eine Leistung von 25 Pferdestärken. Die Ballonhülle ist in drei Schoten abgeteilt. Früher fasste sie 700, jetzt 900 Kubikmeter. Der Ballon ist mithin in seinen Dimensionen vergrössert worden, um die Mitnahme von Ballast zu ermöglichen.“

Bewegte Zeiten: meine Großmutter Marianne Renner heiratete Karl Strohmayer und wurde so zur Schwägerin von Grete Strohmayer (Grazer Bäckerei), geborene Hochhauser, der Schwester von Alfons Xenophon Hochhauser, welcher ein Weggefährte von Hans Hass war. (Foto: Archiv Krusche)
Bewegte Zeiten: meine Großmutter Marianne Renner heiratete Karl Strohmayer und wurde so zur Schwägerin von Grete Strohmayer (Grazer Bäckerei), geborene Hochhauser, der Schwester von Alfons Xenophon Hochhauser, welcher ein Weggefährte von Hans Hass war. (Foto: Archiv Krusche)

Die Renner-Buben lernten schnell, wie es damals freilich zu Lande und in der Luft üblich war. Wer im Denken zu langsam blieb, konnte leicht sein Leben verlieren. Hier wurde auf jeden Erfahrungsschritt rangiert: „Auch besitzt er jetzt, der Anzahl der Schoten entsprechend, drei Ventile, um zu verhindern, dass er bei stärkerer Sonnenbestrahlung oder beim Aufstieg in grössere Höhen infolge der erhöhten Expansionskraft des Gases platzt. Der Motor hat ebenfalls einige Verbesserungen, insbesondere an der Kühlvorrichtung, erhalten.“

Relationen#

Man zeigte Augenmaß: „Es wäre verfehlt, und es fällt wohl auch niemandem ein, in dem «Estaric 1» ein Meisterwerk erblicken zu wollen. Es ist klar, dass ein in vierzehn Tagen mit den geringsten, fast lächerlichen Mitteln erbauter Ballon nicht die Vollkommenheit bedeuten kann. Aber das bleibt für alle Zeiten aufrecht und ein nicht zu schmälerndes Verdienst des Vaters und der Söhne Renner: Sie haben das erste lenkbare Luftschiff geschaffen, das sich in Oesterreich in die Lüfte erhoben hat.“

Es gab überdies auch Kritik an jenen, die Modernisierungsschritten im Weg standen. Kritik an einem „schimmeligen Pessimismus“. Ob man sich erinnerte, daß zum Beispiel der allradgetriebene Panzerwagen von Autor-Daimler dem Kaiser mißfallen hatte und daher verramscht worden war? Damals wirkten vermutlich genug Höflinge und allerhand Bedienstete, denen jede Veränderung im Lauf der Dinge lästig war.

So liest man: „Auf dem Wiener Trabrennplatz hat am 16. Oktober der erste österreichische Lenkballon die Luft durchkreuzt. Der erste österreichische Lenkballon; darin liegt die Bedeutung dieser Veranstaltung, die vielleicht wie wenige andere geeignet ist, tiefeingewurzelte Irrtümer zu zerstören, mit einem schimmeligen Pessimismus aufzuräumen, und in uns den Glauben an eine neue zu erweckende Tatkraft und Zuversicht wieder aufzurichten.“

Anatol Renner: Post aus den USA. (Foto: Archiv Renner)
Anatol Renner: Post aus den USA. (Foto: Archiv Renner)

1859 hatte Österreichs Monarch mit der Schlacht von Solferino die Vorherrschaft in Norditalien verloren. 1866 die Niederlage im Deutschen Krieg gegen Preußen. Während der 1860er Jahre reichlich Konflikte mit der ungarischen Aristokratie. Die Bosnische Annexionskrise von 1908, Ausdruck österreichischer Anmaßung, war dann bloß ein weiteres Mosaiksteinchen in einem etwas erbärmlichen Selbstbildnis, das sich erst 1914 in jenem Großen Krieg auflöste.

Der Glauben an eine neue zu erweckende Tatkraft und Zuversicht gefiel freilich. Aber den begründeten weder Österreichs Habsburger noch Deutschlands Hohenzollern durch ihre Staatsführung. Dazu empfehle ich gerne das Buch „Die Welt von gestern“, in dem Stefan Zweig einen Eindruck bietet, wie bewegt, wie dynamisch, wie blühend jene Ära war, die erst einmal von den Habsburgern, schließlich durch ein Rudel von Großmächten im Großen Krieg blutig versenkt wurde.

Demnach ein kurzes Aufatmen anno 1909: „Es ist wahr, wir sind lange im Schatten gestanden. Während die gewaltigen Luftschiffe Zeppelins die Luft durchkreuzten, immer neue Systeme des Lenkballons und der Flugmaschine in allen Kulturstaaten entstanden, ein fieberhafter Wettkampf der Nationen auf dem Gebiete der Beherrschung des Luftmeeres anhob, hatte der Oesterreicher die Erfüllung des uralten Traumes der Menschheit, freien Willens durch die Lüfte zu steuern, mit eigenen Augen noch nicht sehen können.“

Als der Erste Weltkrieg vorüber war, hatte Österreich an Raum, Produktionsstätten, Infrastruktur, Rohstoffquellen und Absatzmärkten enorme Einbußen erlitten, war mit den eigenen Traumata befaßt, mit Reparationszahlungen und mit einem drückenden Devisenmangel. Die Expansionsträume der Habsburger waren radikal schiefgegangen. Die einfallsreichen Geister und die guten Handwerker hatten für ihre Talente sehr enge Grenzen und knappe Ressourcen am Hals.

Wind unter den Flügeln#

Der Bericht von 1909 liefert uns ein anschauliches Stimmungsbild, wie die Zuversicht damals klingen konnte, was man dem „Oesterreicher“ enthusiastisch in Aussicht stellte: „Nur vom Ausland her war die Nachricht zu ihm gedrungen, und nur einem winzigen Bruchteil der Millionenbevölkerung war es vergönnt, ausserhalb der Reichsgrenzen zu sehen, was man viele Jahrhunderte für unmöglich, für ein Wunder, wenn nicht für eine Sünde gehalten hatte. Sie wären, vielleicht mit Neid und Beschämung, Zeugen der Begeisterungsstürme, die überall der Anblick dieser Meisterwerke zeitgenössischer Technik erweckte, die fremder Erfindungsgeist und fremder Wille zur Tat geschaffen hatten.
Die Renner-Buben und der Kaiser. (Foto: Archiv Renner)
Die Renner-Buben und der Kaiser. (Foto: Archiv Renner)

Sie sahen, wie überall die Bevölkerung aus diesem Anblick allein die Ueberzeugung von dem Anbruch einer neuen Epoche schöpfte und zu freudiger Opferwilligkeit hingerissen wurde. Diesen wunderwirkenden, überzeugenden und überwältigenden Anblick aber musste bis heute der Oesterreicher entbehren. Ihm fehlte dieser, der stärkste Anstoss zur Begeisterung und zur Opferwilligkeit für die Flugsache.

Nun ist ihm zum erstenmal Gelegenheit geboten, ein lenkbares Luftschiff zu sehen, ein Luftschiff zudem, das von Oesterreichern in Oesterreich erdacht und geschaffen wurde, den Lenkballon der Renners «Estaric I». Eine Tatkraft und ein rosiger Optimismus, der in Oesterreich ohnegleichen ist, hat dieses erste österreichische lenkbare Luftschiff in nicht mehr als vierzehn Tagen hervorgezaubert.“

In dieser Skizze wirft der Estaric einen ziemlich langen Schatten. Dieser Sensation widmete sich auch der Monarch, dem seine Regierungsaufgaben längst über den Kopf gewachsen waren. Aber der Kaiser war nicht nur Person, sondern als Herrscher auch Symbol. Ihn zitieren zu können schein so gut wir eine schriftliche Empfehlung zu sein.

Das klang zum Beispiel so: „Nachdem der Ballon gelandet war, befahl der Kaiser Herrn Franz Renner und dessen beide Söhne Anatol und Alexander zu sich. Der Kaiser beugte sich über die Logenbrüstung herunter und richtete nun folgende Worte an Herrn Renner: «Ich gratuliere Ihnen! Ich freue mich, dass alles so gut gegangen ist, ich habe übrigens dem Umstand vertraut, dass sich auch in Graz die wiederholten Flüge ohne Störungen abwickelten. Der Ballon ist wirklich recht lenksam. Er gehorcht augenblicklich dem Steuer, wie die verschieden Wendungen gezeigt haben. Ich hoffe und wünsche eine erfolgreiche Entwicklung. Auch Ihre Söhne verdienen Anerkennung. Sie sind wirklich recht wacker.»“

So würde heute wohl ein Konzernsprecher klingen. „Der Kaiser wiederholte dann nochmals: «Ich freue mich, den ersten erfolgreichen Flug eines österreichischen Lenkballons gesehen zu haben.» Während der Kaiser diese Worte an die Renners richtete, applaudierte das Publikum ununterbrochen, brach in Hochrufe aus und winkte mit den Taschentüchern. Es haben noch mehrere Aufstiege stattgefunden, über die ich Ihnen nächstens Näheres berichten werde.“

Nachfahren (von links): Alexander Renner, Martin Krusche, Sabine Renner. (Foto: Archiv Renner)
Nachfahren (von links): Alexander Renner, Martin Krusche, Sabine Renner. (Foto: Archiv Renner)

Nachwort#

Meine Quelle für diese Geschichte ist die Deutsche Zeitung Nr. 23, São Paulo, vom 3. Dezember 1909. Den aktuellen Anlaß für meine Recherchen bildet ein Teil meines Projektes „New Concept Vertigo“. Dazu kommt, daß der Weizer Mechatroniker Josef Mayer gerade an einem über drei Meter langen, flugfähigen Modell des Estaric baut.

Zugleich sind in Graz Igor F. Petković und Domenika Kalcher mit einer künstlerischen Annäherung an das Thema befaßt. Das berührt meine langjährige Arbeit am Thema „Mythos Puch“, zu dem heuer (2020) die Station VIII realisiert wird. Dabei ergab sich der spezielle Fokus auf das Jahr 1909, in dem wir eine verblüffend hohe Dichte technischer, künstlerischer und kultureller Ereignisse finden. Siehe dazu: „Aviatik und Akrobatik“ (Was sich rund um 1909 verdichtet hat)

Wir erleben aber auch, daß uns derzeit bewährte Kräfte solcher Entwicklungen verlassen, wie Konstrukteur Egon Rudolf, letzter Werksdirektor der historischen Puchwerke, oder Pinzgauer-Experte Herbert Krois. In dieser Zeit zwischen dem markanten Jahr 1909 und dem Kriegsbeginn 1914 hatte sich die Zweite Industrielle Revolution etabliert und die Massenfertigung machte durch eine Automatisierungswelle Quantensprünge. Wir erleben gerade, daß die nächste fundamentale Wandlung der Maschinenwelt mitten in der Gesellschaft angekommen ist. Die Vierte Industrielle Revolution ist Realität…


nur bei den fahrrädern hat puch die zeichen der zeit nicht rechtzeitig erkannt ...

-- gamauf gerald antal, Samstag, 5. Dezember 2020, 09:52