Mythos Puch: Das wäre ein Preis!#
(Mobilität ist eine Dienstleistung, kein Eigentumsverhältnis per se)#
von Franz AblingerSeltsam. Das Aussehen des Fahrzeugs ist mir in etwa so egal wie die Lackierung eines Eisenbahnwaggons. Das ist ein Transportmittel, kein Repräsentationsfahrzeug. Worüber also streiten?
So ein Fahrzeug ist gebaut für die last mile, die mit Öffis immer noch ein riesiges Problem darstellt. Da wohnst beispielsweise zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt. Wie die Lücke überbrücken? Zu Fuß? Fahrrad? Rikscha? Taxi? In Flächenländern muss es adäquate Formen der Mobilität geben, die erschwinglich sind. Also doch ein eigenes Auto. Wenigstens ein kleines, von mir aus auch ein Schirches. In der Schweiz werden solche Kleinfahrzeuge aufwändig foliert, als auffällige Werbeträger oder einfach so zum Spaß.
Klar, jeder kann sich so eine Kiste kaufen. Aus Plastik geht so ein Fahrzeug zu einem vernünftigen Preis über den Ladentisch. Für Europa ist unter 15.000 € dafür angedacht - immer noch viel zu hoch. In Japan denkt man da ab 1.000 € für ein anständiges gebrauchtes Kei-Car. Das wäre ein Preis! Ich denke, wir haben uns im Automobilbau in Europa mit überbordenden Anforderungen an technische Assistenzsysteme verrannt. L6e-Fahrzeuge („Mopedautos“) sind davon ausgenommen, könnten also wirklich günstig gebaut werden und sind ausreichend für die last mile. Vollelektrisch, kleiner Akku, komplett wartungsfrei... Das hat schon was. Das schwedische Startup Uniti hatte da mal was vor 10 Jahren, dort hätten wir weiter denken können.
Andererseits: Mobilität ist eine Dienstleistung, kein Eigentumsverhältnis per se. Ein Drittel der 16-24-Jährigen hat keinen Führerschein, schiebt den Erwerb hinaus, fährt lieber Uber oder Fahrrad, auch wenn die Notwendigkeit zum Erwerb eines Führerscheins weiterhin gegeben ist: Umfrage unter jungen Leuten
Ich frage mich auch: Kann eventuell das Lenkrad weg? Wenn wir mit Flotten von günstigen, selbstfahrenden, vollelektrischen L6e-Fahrzeugen den Markt der lokalen Mobilität neu designen würden, wäre das ein Game Changer? Park & Ride Parkplätze müssen gebaut und erhalten werden, das zahlt nicht immer die ÖBB Infra. Wie also die Einzelfahrzeuge von den Öffi-Standorten wegbekommen? Dienste wie das Postbus Shuttle zahlen sich nur bei bestimmtem Nutzungsverhalten aus, wegen der hohen Personalkosten. Automatisiert skaliert so ein Shuttleservice beliebig hoch und niedrig. Bis auf zarteste Versuche - ich erinnere mich an einen in Wien-Aspern, einen in Pörtschach am Wörthersee und jetzt glaub ich in Klagenfurt, gibt es da derzeit nicht viel Sichtbares.
Ich stelle mir das so vor: Angenommen, ich fahre von Wien nach OÖ. Die gesamte Fahrstrecke A nach B wird in der Handyapp durchgebucht. Die App zeigt Echtzeitdaten. Das inkludiert nicht nur die U-Bahn in Wien und die Fernverkehrszüge - ich als zu transportierende Person werde auch weitergereicht. Wenn ich am Zielbahnhof mit dem verspäteten Regionalzug ankomme, fahren Kei-Cars vor, um die ankommenden Menschen zu verteilen.
Das Kennzeichen meines Fahrzeugs sehe ich in der App, ich erkenne es auch am Foto, weil jedes hat ein gesponsertes Design. Handy als Schlüssel an die Tür halten, es geht auf, einsteigen, Start-Knopf drücken. Mit 45 km/h Limit fahre ich die zwei Kilometer Strecke unter fünf Minuten. Aussteigen, das Fahrzeug fährt zum nächsten Einsatz. Die ehemaligen Taxiunternehmer sind jetzt Autohofbetreiber. Im lokalen Autohof, an dem die Flotte der Gemeinde stationiert ist, arbeiten einige Menschen, die die Autos anstecken, sie warten und reinigen. Auch eine Warte ist rund um die Uhr besetzt, die Fahrzeuge sind im Notfall fernlenkbar.
Wenn die Fahrzeuge in eine unlösbare Situation laufen, bleiben sie stehen, melden sich in der Zentrale und warten auf Klärung der Situation. Alles ist lokal in einem begrenzten Umkreis, Hindernisse sind daher bekannt und leicht behebbar, sogar problematische Fahrgäste sind persönlich bekannt. Falls mal wirklich eines liegen bleibt: Zur Not schiebt man das Fahrzeug beiseite, ist ja nicht schwer.
Im Autohof gibt es auch einen Abschleppwagen mit Kran, der ein liegengebliebenes Fahrzeug leicht aufladen und abtransportieren kann. Kostet einige Dienstposten und Kapital, das mit Werbeverträgen aus der lokalen Wirtschaft auf den Fahrzeugen und in der App finanziert werden kann (Stichwort: „Soll ich wie jeden Dienstag beim Bäcker vorbeifahren? Ja / Nein“). Die Dienstposten ließen sich mit CO2-Einsparungen abdecken, weil durch den Einsatz des Systems nachweislich die CO2-Emission der Gemeinde gesenkt würde. Ist das eventuell eine Vision?
Anmerkung#
Franz Ablinger ist das technische Chef-Orakel des internationalen Kunst-Technologie-Philosophie-Kollektivs monochrom (Wien). Dieser Text ist ein Kommentar zu „Mei schiach etcetera, blaba…“ (Das Geschmäcklerische)- Übersicht: Kei Car (Ziemlich kleine Autos)
- Mythos Puch #11 (Endorphin-Maschine)

