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In d' Grean gehn#

Die Tradition des Greangehens (ins Grüne gehen) findet sich im Weinviertel (Niederösterreich) im Pulkautal, in Hollabrunn, Wildendürnbach und Unterstinkenbrunn. Am Ostermontag laden die Weinhauer zu "weißem Brot, rotem Wein und schwarzem Fleisch" (Geselchtes) in die Kellergasse ("Kellertrift") ein. Der ursprüngliche Arbeitsbrauch wird über "Weinviertel Tourismus" vermarktet und ist heute eher touristisch orientiert. Dennoch wurde er 2019 in der Kategorie "Gesellschaftliche Praktiken" in die nationale Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Schauplatz sind die Kellergassen, von denen es in 180 niederösterreichischen Gemeinden rund 1100 - davon drei Viertel im Weinviertel - gibt. Während in den Städten, wie Retz oder Wien, die Lagerräume für den Wein unter den Häusern angeordnet sind, bilden die Kellergassen auf dem Weg zu den Weingärten eigene "Dörfer ohne Rauchfang". In manchen Orten gab es weniger Bauernhöfe als Presshäuser. Diese dienten zum Verarbeiten der Trauben mit der Baumpresse, der Lagerung und dem Ausschank von Wein. Die Lössgegenden des Weinviertels boten ideale Voraussetzungen für die Anlage von "Lochkellern" als Aufbewahrungsort der Fässer. Die Außenbauten bestehen aus Ziegelmauerwerk, Holz, Lehm oder Stein und sind meist gekalkt. Die Öffnungen, Kellertür, "Gaitloch" (zum Einbringen der Trauben bzw. Maische) und Fenster werden die "Weinviertler Dreifaltigkeit" genannt. Die schlichte Form folgt der Funktion. Presshäuser sind Meisterleistungen der anonymen Architektur, ihre Ensembles von beeindruckender Schönheit. Im Mittelraum, von dem die Stiege in den Keller führt, stand die große hölzerne Presse. Von den Nebenräumen links und rechts war einer das Flaschenlager, der andere eine Stube. Diese Aufteilung bewährte sich vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Für moderne Produktionsmethoden, die große Pressen und hohe Stahltanks erfordern, sind die traditionellen Keller nicht geeignet. Viele verfielen, doch wurde der Wert der Kellergassen mit ihren Bräuchen als Kulturgut erkannt. Seit 1999 wurden bisher fast 500 zertifizierte KellergassenführerInnen ausgebildet. Führungen, Weinverkostungen und Feste wecken das Interesse vieler Gäste.

Im Pulkautal, 80 km nördlich von Wien und 15 km von Znaim (CR) entfernt, bearbeiten ca. 400 Betriebe fast 2.200 ha Weingartenfläche. Die Region umfasst sechs Gemeinden, von denen Hadres, Mailberg und Seefeld-Kadolz ihre Kellergassen solcherart revitalisieren. Hadres hat die längste baulich geschlossene Kellergasse Europas. Auf 1,5 km befinden sich mehr als 250 Presshäuser und 400 Weinkeller. In der Marktgemeinde Mailberg, deren Rieden zu den Top-Lagen des Weinviertels zählen, steht die Kellergasse "Zipf" unter Denkmalschutz. Seefeld-Kadolz besitzt zwei Kellertriften: Die Seefelder Kellertrift hinter dem Schloss Hardegg umfasst 100 Objekte. Die Kadolzer Kellergasse erstreckt sich in vier Reihen über 300 Meter. Die Bezirkshauptstadt Hollabrunn verfügt über drei Kellergassen. Die Sitzendorfer Kellergasse ist mit 1,2 km Länge und vier Strängen eine der flächenmäßig größten. Die Kellergase am Galgenberg, etwas außerhalb von Wildendürnbach, umfasst 184 Presshäuser, die in drei Etagen angeordnet sind. Sie wurde 2013 als „schönste Kellergasse des Weinviertels“ ausgezeichnet. Südlich von Unterstinkenbrunn (Gemeinde Gartenbrunn) befindet sich ein Kellerviertel von unregelmäßig gruppierten Presshäusern mit Giebel- oder Schopfwalmdächern.

Das Greangehen reicht in die vorindustrielle Zeit zurück, als die Weingartenarbeit sehr beschwerlich war. Der langjährige Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde, Leopold Schmidt (1912-1981) beschreibt in seiner "Volkskunde von Niederösterreich " das Arbeitsjahr des Hauers, das mit dem Schnitt der Reben im Februar begann. Nachdem die Wurzeln der Weinstöcke durch Erdhaufen vor dem Frost geschützt worden waren, wurden diese im März vorsichtig entfernt. Beim "Wegräumen" mit der Haue musste man zugleich kräftig und behutsam vorgehen, um die ersten Triebe nicht zu beschädigen. Die gründliche Bodenauflockerung gehörte zu den schwersten und wichtigsten Arbeiten, "was schon in den alten Weingartenordnungen anerkannt wurde", schreibt Schmidt. "Der Herr des Weingartens musste zufrieden sein, wenn das Fastenhauen so durchgeführt war, dass es 'eine stehende Hand tief' in den Boden gekommen war. Das Fastenhauen wurde denn auch durch ein Festmahl abgeschlossen. Wie bei vielen ähnlichen Festessen spricht man im Südbahnweingebiet in diesem Fall von einem 'Fastenhahn'. An das Fastenhauen schließt das Steckenschlagen an … Die Arbeiten haben zum Teil den Charakter von Gemeinschaftsarbeit, zum Teil von Nachbarschaftshilfe. Besonders bei der Lese helfen mitunter auch entfernte, sogar nicht auf dem Lande lebende Familienmitglieder." Zum Festmahl in der Kellergasse waren alle Helfer eingeladen. Im Vergleich zur sonst eher kargen Kost gab es wirklich etwas Besonderes: Weißbrot aus Weizen- statt Schwarzbrot aus Roggenmehl, Rotwein (heute z.B. Zweigelt und Blauer Portugieser in Hadres) und Geselchtes, das nach der Fastenzeit zu Ostern wieder genossen werden durfte.

Der Lehrer und Dichter Lois Schiferl (1906-1979) hat in seiner Geschichte "Ostermontag" die Stimmung beim Greangehen authentisch geschildert: "In der Straße, die zu der Trift führt, ziehen Leute wie eine muntere, lose gefügte Prozession. Die Männer nicht selten mit zwei Kellerkörbeln statt mit einem, die Weiber mit Taschen, Zögerln und prall gefüllten Binkerln. Voller Erwartung sind die Kinder. Burschen, Mädchen gehen scharweis. Viele Wiener ziehen mit, Brüder, Schwestern, Schwager, Schwägerinnen, Tanten Onkeln … Nach einer halben, nach einer dreiviertel Stunde ist der Ort menschenleer. Selbst Wickelkinder mussten mit … Die ganze, weite, Kellertrift dischkuriert, ruft, jauchzt, singt, musiziert, als hätte man einem deutungsreichen Fest ein eigenes Dorf erbaut." Der Schriftsteller zitiert auch den bekannten Spruch "So mancher geht eben aus und kommt schief heim".

Das Greangehen wird auch "Emmausgang" genannt. Diese Bezeichnung erinnert an "Die Begegnung mit dem Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus", wie sie das Lukasevangelium im 24. Kapitel, Verse 13 bis 35 überliefert. Demnach waren zwei Jünger auf dem Weg von Jerusalem in das 11,5 km entfernte Dorf Emmaus. "Während sie ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, so dass sie ihn nicht erkannten." Nachdem er ihnen unterwegs die Heilige Schrift ausgelegt hatte, baten sie ihn, zum Abendessen zu bleiben. "Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. … Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück…" Einige Parallelen - Wanderung, Brot, Kommunikation - lassen sich zum Greangehen finden. Dabei verbinden sich religiöse und wirtschaftliche Brauchelemente. Wie auch Lois Schiferl am Schluss seiner Erzählung die Hausfrau sagen lässt: "Om bestn gfollt ma dös von Herrn Pforrer. Wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus den Herrn bewirteten, hot a in da Predi gsogt, bewirten die Bauern ihre Arbeitskameraden und Freunde."

Quellen:
Hermann Bauch, Anton Thomas Dietmaier: Daheim im Weinland. Mödling 1985
Die Bibel, Einheitsübersetzung. Stuttgart 1980
Dehio Niederösterreich nördlich der Donau. Wien 1990
Franz Hubmann, Alfred Komarek: Wo der Wein blüht. Wien 1993
Wolfgang Krammer, Johannes Rieder: Unsterblicher Kulturschatz Weinviertler Kellergassen. Schleinbach 2012. S. 12-22
Wolfgang Paar, Johannes Rieder (Hg.): Weinviertler Kellerleben. Schleinbach 2017. S. 57-59
Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich. Horn 1966, I/230f., 242 f.
Luzia Schrampf: Auf und unter der Erd. In: Das Weinviertel. Atzenbrugg 2013. S. 82-87
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