Nikolo#

Nikolo-Auslage, Foto: Doris Wolf, 2000

Seit Jahrhunderten gilt der "Nikolo" als (anfangs unsichtbarer) Gabenbringer. Dies erklärt sich aus der Legende und dem Schülerpatronat des hl. Nikolaus. Kinder stellten ihre geputzten Schuhe auf oder bastelten kleine Schiffe, die sie am Morgen mit Äpfeln, Nüssen und Süßigkeiten gefüllt vorzufinden hofften. Aus dem Kloster Tegernsee ist ein Kindergebet aus dem 15. Jahrhundert überliefert: „Heiliger St. Nikolas, in meiner Not mich nit verlaß, / kombt heint zu mir und leg mir ein in mein kleines Schiffelein / darbay ich Ewer gedenkhen kann, das jr seit ein frommer Mann.“

Die Ablöse des unerkannt bleibenden Gabenbringers durch den Einkehrbrauch wird mit dem Konzil zu Trient (1545-63) in Verbindung gebracht. Dieses sollte, nachdem Martin Luther (1483-1546) in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts seine reformatorischen Schriften verfasst und diese große Wirkung gezeigt hatten, die Lehre von Schrift und Tradition, Erbsünde und Rechtfertigung, Messopfer, Sakramenten und Heiligenverehrung wieder ins rechte - katholische - Licht rücken. Die Bischöfe mussten ihre Gemeinden visitieren, ebenso visitierte der verkleidete Bischof Nikolaus in der Folge die Familien. Alle guten Taten und das Sündenregister waren im „goldenen Buch“ verzeichnet, mit dem der Darsteller die Kinder ermahnte. Die Gestalt des Bischofs als Gabenbringer, der die Kinder prüft, aber nie selbst straft, wurde oft von einem dunklen Gehilfen Krampus begleitet. Leopold Schmidt sprach von der barocken „Schwarz-Weiß-Kontrastierung“, die den Gegensatz von Gut und Böse verdeutliche.

Bevor das Christkind mit seinem Baum die biedermeierliche Familienidylle zu Weihnachten prägte, gab es Nikolausbäumchen, die einemChristbaum zum Verwechseln ähnlich sahen. Auch sie trugen Backwerk, Obst, Lichter und Spielzeug. Diese Kombination aus Christbaumfest und Nikolobescherung zeigt ein Aquarell von Xaver Paumgarten (1820) im Wien Museum. Das geschmückte Bäumchen steht auf dem Tisch, aus der Krampusbutte schauen die Füße eines Buben, der Nikolo reicht einem kleinen Mädchen die Hand.

In Wien gab es in den letzten Jahren - aus pädagogischen und weltanschaulichen Gründen - Diskussionen um das Auftreten des Nikolo in Kindergärten. Andererseits bestellen viele Familien einen professionellen „Miet-Nikolaus“ nach Hause. Im Internet finden sich zahlreiche Angebote, die Kosten (ohne Geschenke) liegen zwischen 40 und 60 Euro. Die Darsteller sind als Bischof, mit Vollbart, Mitra und Bischofsstab kostümiert. Bei etwa einem Drittel kommt ein "Krampus" mit (ebenfalls 40 bis 60 Euro), der mit Ketten rasselnd umherläuft. Die Katholische Jungschar vermittelt seit 20 Jahren speziell geschulte DarstellerInnen. Die Kinder sollen sich keinesfalls fürchten, dürfen die Mitra aufsetzen und den Bischofsstab halten. Diese Besucher sprechen freundlich mit den Kindern und erzählen ihnen Legenden über den Heiligen. Sündenregister und Krampus lehnen sie ab. Das traditionelle "goldene Buch" wird zur "goldenen Bibel".

Der pädagogisierende Aspekt zeigte sich auch in Umzügen und Stubenspielen, die unter den Begriff "Volksschauspiel" fallen. Leopold Schmidt hat darauf hingewiesen, dass die Polemik des 18. Jahrhunderts dagegen "von denselben Kreisen ausgeht, die das ganze Adventspielwesen ursprünglich formen geholfen hatten, und aus deren Mitte auch noch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gedruckte Adventspiele hervorgingen." Nikolaus und eine Reihe rauer Gesellen, wie Krampusse oder Knecht Ruprecht und andere Rollenspieler nahmen daran teil, erschreck(t)en Kinder und junge Mägde. In Mitterndorf (Steiermark) wird in Gaststätten die Tradition des Nikolospiels gepflegt. Durch die Gassen und über den Dorfplatz ziehen Scharen von als Krampus verkleideten Buben und Burschen. Wer sich auf die Straße wagt, den attackieren sie mit ihren Ruten. Verschont bleibt, wer sich nur auf dem Gehsteig aufhält. Der Niglo-Umzug von Windischgarsten steht seit 2011 auf der nationalen UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes. Werbewirksam erweisen sich Nikolo-Auftritte (auch mit Krampusperchten) in Einkaufsstraßen und -Zentren. Viele Geschäfte gestalten ihre Auslagen mit roten Dekorationen. Nikoläuse und Krampusse sind beliebte Schokoladefiguren.

In einer 2015 von "Integral" durchgeführten Befragung sprachen sich 82 % für den Nikolaus- und Krampusbrauch aus. 42 % meinten, das sei nur etwas für Kinder, 22 % hatten keine Beziehung dazu. Bei der IMAS-Umfrage "Traditionen und Bräuche" im Frühjahr 2016 (Archiv Nr. 016041) gaben 80 % an, Krampus- und Nikolaustag zu kennen und 48 %, selbst zu feiern.

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Quellen:
Alois Döring: Rheinische Bräuche durch das Jahr. Köln 2006. S. 382 f.
Dietz-Rüdiger Moser: Bräuche und Feste im christlichen Jahreslauf. Graz 1993. S. 41 f.
Leopold Schmidt: Das deutsche Volksschauspiel. Berlin 1954. S. 36 f.
Helga Maria Wolf: Weihnachten. Kultur & Geschichte. Wien 2005. S. 37, 196f.
"Heute", 1.12.2010 und 6.12.2010
2014
Wien 2018, Autorin: Johanna Grillmayer, religion.ORF.at, publiziert 8.12.2018
Umfrage 2015 Publiziert 3.12.2015

Bilder:
Nikolaus-Auslage, um 1990
Milka-Nikolaus, Nikolaus im Einkauszentrum Q 19, Nikolo in einer Geschäftsstraße. Schololade-Nikolo. Fotos: Doris Wolf, 2013


Siehe auch:
Nikolo in: Verschwundene BräucheDas Buch der untergegangenen RitualeHelga Maria WolfBrandstätter VerlagWien2015jetzt im Buch blättern