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Kratzer im Familiensilber#

Der Nationalpark Donau-Auen, ein Projekt von Österreich, Wien und Niederösterreich, wächst zu seinem 20-Jahr-Jubiläum um 277 Hektar. Gleichzeitig stehen Probebohrungen für den umstrittenen Lobautunnel vor der Genehmigung.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 21. Oktober 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Petra Tempfer und Bernd Vasari


Der Donaualtarm in der Lobau
Der Donaualtarm in der Lobau.
Foto: © MA49

Wien/Petronell-Carnuntum. Es sei der Weihnachtsfriede von Sinowatz gewesen, erzählt Bernd Lötsch, der ihm im Zusammenhang mit dem Nationalpark Donau-Auen am intensivsten in Erinnerung geblieben sei. Damals, am 21. Dezember 1984, zog Bundeskanzler Fred Sinowatz (SPÖ) im Konflikt um die Hainburger Au die Notbremse und verkündete einen vorläufigen Stopp der Rodungsarbeiten für das umstrittene Donaukraftwerk. Davor hatten prominente Umweltschützer bei einer "Pressekonferenz der Tiere" das Konrad-Lorenz-Volksbegehren gegen das Kraftwerk Hainburg eingeläutet -darunter der Biologe Lötsch, verkleidet als Purpurreiher, der später Generaldirektor des Naturhistorischen Museums werden sollte. 1985 untersagte der Verwaltungsgerichtshof den Baubeginn für das Kraftwerk, 1996 genehmigte der Nationalrat die Errichtung des Nationalparks Donau-Auen.

Heute, 20 Jahre später, ist dieser 9300 Hektar groß, umfasst mehr als 800 Arten höherer Pflanzen, mehr als 30 Säugetier- und 100 Brutvogelarten, Reptilien-, Amphibien und Fischarten - und soll um weitere 277 Hektar wachsen. Die Fläche zu erweitern ist im Staatsvertrag zur Errichtung und Erhaltung des Nationalparks Donau-Auen von 1996 verankert und fällt auch unter die Ziele der EU-Donauraumstrategie. Aktuell gibt es 65 Prozent Auwald, 15 Prozent Wiesen- und 20 Prozent Wasserflächen. Auentypische Lebensräume sollen erhalten werden, damit seltene Arten zurückkehren. So hat sich etwa der Seeadler als Brutvogel wieder angesiedelt. Vom Zuwachs an Totholz im Wald profitieren Insekten, Eulen, Fledermäuse und Wildbienen. Der Schlupferfolg der Europäischen Sumpfschildkröte wird aktiv gefördert.

Flächen in Petroneller Au und in Fischamend kommen dazu#

In der Petroneller Au werden nun durch einen Vertragsabschluss mit dem privaten Grundbesitzer Abensperg-Traun 260 Hektar in das Schutzgebiet einbezogen. Zudem bringt die Stadt Wien in Fischamend 17 Hektar ein. Für weitere 140 Hektar wurde ein Kooperationsvertrag für eine forstliche Außernutzungsstellung vereinbart.

Diese Pläne präsentierten Wiens Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ), Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) -beide bereits bei der Nationalpark-Gründung in dieser Funktion tätig - und Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) am Donnerstag. Die Tatsache, dass die Republik Österreich und die Bundesländer Wien und Niederösterreich hier kooperieren müssen, hatte Geschäftsführer Carl Manzano anfangs misstrauisch gestimmt, sagte er am Donnerstag. "Eine Familie mit drei Eltern - ob das funktioniert?", habe er sich gefragt. "Und es hat in den 20 Jahren immer funktioniert." Das sei freilich auch notwendig, denn der Nationalpark werde nie erwachsen werden -und immer finanziell von seinen Eltern abhängig bleiben.

Der Umweltdachverband und einzelne Umweltorganisationen meldeten sich am Donnerstag zu Wort und befürwortete die Erweiterung - seit Jahren bestehende Kritikpunkte sind aber nach wie vor Thema. Zum Beispiel der Lobautunnel. Dieser respektive der Plan, diesen zu bauen, feiert heuer ebenfalls Jubiläum: Vor zehn Jahren führte die Asfinag erste Probebohrungen in der Lobau durch, durch die der Tunnel auf acht Kilometer Länge und in bis zu 60 Meter Tiefe führen soll. Nach Jahren des Widerstandes durch Naturschützer wird er nun offenbar tatsächlich gebaut: Neue Probebohrungen zur Baugrunderkundung stehen laut MA22 (Umweltschutz) kurz vor der Genehmigung. Sie sollen ab November durchgeführt werden und bis in eine Tiefe von 85 Meter reichen.

"Es wird nur dort gebohrt, wo Forstfahrzeuge fahren"#

Das Gesamtbauvorhaben ist aber noch nicht genehmigt, da das UVP-Verfahren nach wie vor läuft. Der 1,4 Milliarden Euro teure Tunnelbau ist Teil des Straßenprojekts der Wiener Außenring Schnellstraße zwischen Schwechat und Süßenbrunn (S1) und würde die letzte Lücke schließen.

Für die MA22 stellen die Bohrungen offensichtlich kein Problem dar. Durch diese werde der Nationalpark nicht wesentlich beeinflusst, heißt es. Manzano meint hingegen, dass diese den Park "schon berühren" würden. Es werde aber dort gebohrt, wo ohnehin die Forstfahrzeuge fahren. Zu dem Bau des Autotunnels unter dem Park wollte er nichts sagen: "Der Lobautunnel hat nichts mit dem Nationalpark zu tun. Das ist eine verkehrspolitische Frage", erklärte er kryptisch.

Ein weiterer Kritikpunkt ist der Ölhafen Lobau. Das Biodieselwerk soll hier Diesel verlieren, was die Frage aufwirft: Was macht ein Ölhafen umgeben von einem Nationalpark? "Von Biodiesel geht grundsätzlich keine Gefahr für die Umwelt aus", heißt es dazu vom Werkbetreiber, der Münzer Bioindustrie. Zudem seien die Tanks durch Wannen geschützt. Der Ölhafen sei vielmehr ein Beispiel, heißt es, dass Industrie und Natur gut nebeneinander existieren könnten.

Auch der Alberner Hafen birgt Probleme für den Park. 2015 wurde hier ein Schwerlastzentrum eröffnet, der Hafen soll zur Schnittstelle zwischen Deutschland und Ungarn werden. Dafür muss man aber die Schifffahrtsrinne vertiefen - das schade der Ökologie, so Naturschützer. Um einen Kompromiss zu finden, wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, sagte Häupl. Man müsse Verkehrsweg und Sole erhalten.

Falls man sich in diesem oder einem anderen Kritikpunkt nicht einigen sollte - könnten Umweltschützer auch heute noch zum Beispiel einen Kraftwerksbau durch wochenlange Besetzung verhindern? Lötsch bezweifelt, "dass die digitale Gesellschaft noch dazu in der Lage wäre".

Weiterführendes#

Wiener Zeitung, Freitag, 21. Oktober 2016