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Energie? Effizienz?#

Ist das Bauen mit leichten Dämmgespinsten wirklich der Weisheit letzter Schluss?#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 10. Jänner 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Klaus-Jürgen Bauer


Krähe holt sich Dämmung
"Entdämmt Euch!"
Quelle: Wiener Zeitung

Im schweizerischen Niederöst stand ein einfaches, unscheinbares Holzhaus, das allerdings bereits im Jahr 1176 errichtet wurde und damit das älteste Holzhaus Europas war. Im Jahr 2001 wurde es abgetragen. Eine der Begründungen für den Abbruch war, dass dieses Haus nicht mehr energieeffizient sei. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Haus, das unfassbare 825 Jahre lang bewohnt wurde, war plötzlich nicht mehr tauglich!

Das Schicksal des Hauses Niederöst ist kein Einzelfall. Über Nacht waren nämlich alle massebasierten Altbauten - circa 25 Prozent des Hausbestandes - nicht mehr energieeffizient. Überall wird daher der Altbestand aufgegeben. Der Grund dafür liegt in einer Vorschriftenwelt, die festschreibt, dass massebasierte Altbestände plötzlich energieuntauglich seien. Eine Ertüchtigung dieser Altbauten ist teurer als ein Neubau. Auch die Förderungen für das Sanieren liegen in der Regel weit unter dem Neubau. Handwerker, die Altbauten kostengünstig reparieren könnten, gibt es auch immer seltener.

Gedämmte Altbauten verlieren auch in der Regel ihr Erscheinungsbild, das zum großen Teil von natürlichen Materialien und von deren Proportionen bestimmt wird. Ganze Straßenzüge verlieren so ihre kulturellen Identitäten. Im Betrieb solcherart verbesserter Gebäude entstehen Schwierigkeiten ungeahnter Art: Gebäude, die über lange Zeit, vielleicht über Jahrhunderte hindurch tüchtig waren, haben plötzlich massive Schimmelprobleme und lassen sich nicht mehr vernünftig lüften. Die erwünschten Heiz- und Betriebskosten sinken nicht, sondern steigen manchmal sogar, abgesehen vom großen, finanziellen Aufwand, den die Eigentümer zuvor mit dem Sanieren hatten.

Vom Solarhaus zum Iglu#

Neue Bauwerke müssen, egal, woraus sie gebaut sind, niedrige Energiekennzahlen aufweisen. Das heißt in der Regel: gedämmt werden. Es gibt diverse Dämmmaterialien, aber der Ausgangsstoff des mit Abstand am häufigsten verwendeten Materials ist aufgeschäumtes und zu Blöcken verbackenes Polystyrolgranulat, das zu Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS) verbunden ist.

Wie kam es zu diesem Paradigmenwechsel in der Geschichte des Bauens? Die Ölkrise der Siebziger Jahre und die Warnungen des "Club of Rome" vor einer unbegrenzten Industrialisierung schufen eine weltweite Umweltbewegung. Das Solarhaus - eine Erfindung kalifornischer Hippies aus den 1960er Jahren - trat einen raschen Siegeszug über die westliche Hemisphäre an. Aus dem Solarhaus entwickelte sich das Passivhaus. Diese faszinierende Idee besagt, dass die Energie der Sonne und des normalen Lebens innerhalb eines Hauses so lange wie nur möglich erhalten bleiben soll: Eine zusätzliche Energiezufuhr sei dann nicht mehr nötig. Dazu ist vor allem wichtig, das Haus gut zu dämmen. Es wird daher so gut eingepackt, dass nichts mehr rein und raus kann: Aus dem Solarhaus der Hippies wurde ein Polarhaus, ein Iglu aus weißen Erdöl-Granulaten.

Das Dämmen von Gebäuden hat aber auch eine interessante, industrielle Vorgeschichte. Polystyrol, ein großindustriell günstig herzustellendes Produkt - das Hauptmaterial, mit dem heute Gebäude gedämmt werden -, suchte einen relevanten Absatzmarkt. Dieser Markt wurde schließlich gefunden: Großvolumige Häuser sind als Einpackvolumen klarerweise viel interessanterer als Konsumgüter.

Der berechtigte Wunsch der Hersteller nach Absatzmärkten für ihre Produkte alleine würde jedoch noch nicht ausreichen, dass sich dieses Material so stark im Bauwesen durchsetzen können würde. Es brauchte auch Förderer. Die europäische Politik hat - beraten von wem auch immer - mit der europäischen Gebäuderichtlinie 2020 eine Grundlage geschaffen, welche die vielleicht fundamentalste Trendwende in der 14.000-jährigen Geschichte des Bauens darstellt. Diese Richtlinie schreibt nämlich fest, dass ab dem Jahr 2020 alle neuen Gebäude der EU nahezu energieautark sein sollen. Die Richtlinie wird durch die nationalen Regierungen in nationales Recht umgewandelt.

Widerstand gegen das Dämmen#

Bauen unter dem Energieausweis bedeutet aber in der Praxis: Luft ersetzt Masse. Unsere bereits gebaute, massebasierte Welt kann innerhalb dieser Anforderungen nicht mehr weiter bestehen. Gebäude müssen daher in Zukunft entweder eingepackt oder abgebrochen werden.

Mit zunehmender Erfahrung mit gedämmten Bauwerken regt sich allerdings Widerstand gegen diese verordnete Bauweise. Viele Medien haben in letzter Zeit zunehmend kritisch über das Dämmen von Gebäuden berichtet. Es ergeben sich im Wesentlichen fünf Fragen: Spart Dämmung Energie? Ist Dämmen gesund? Ist Dämmen gefährlich? Wie werden Dämmstoffe einmal entsorgt? Und schließlich noch die vielleicht entscheidende Frage: Rechnet sich das Dämmen?

Keine Nachhaltigkeit#

Auf diese Fragen gibt es kaum zufriedenstellende Antworten. Vielleicht nur ein Blick auf die Frage nach der Kosteneffizienz des Dämmens: Das deutsche Nachrichtenmagazin "Spiegel" hat 2014 in einer großen, kritischen Geschichte über das Dämmen festgestellt, dass sich die durchschnittlichen Kosten einer Dämmfassade im Hinblick auf die Energieeinsparung - also der Differenz zwischen den Kosten der Dämmung und der Energieeinsparung durch die Dämmung - erst nach 51 Jahren amortisieren. Eine durchschnittliche WDVS-Fassade hat aber, je nach Umständen wie Orientierung oder Lage eine deutlich kürzere, realistische Lebenszeit. Polemisch könnte man daher festhalten: Dämmung rechnet sich zwar - allerdings nur für die Hersteller von Dämmstoffen. Traditionelle Kalkputze halten übrigens dreihundert Jahre und länger.

Die sinnvollste Deutung des oft zitierten Begriffs Nachhaltigkeit beim Bauen ist eine Verpflichtung zu großer Dauerhaftigkeit. Wir müssen daher damit aufhören, interessensbasierte Statements als Wahrheiten anzuerkennen und die Frage der Energiesparsamkeit wieder stärker mit der Frage der Dauerhaftigkeit des Gebauten verbinden. Wir müssen zu einer Reparaturkultur zurückfinden, die es uns ermöglicht, mit wenig Aufwand und wenig Energie gebaute Massen so lange wie möglich zu nützen.

Wir sollten das Verschwinden der massebasierten, gebauten Welt und den damit verbundenen Kulturverlust nicht einfach hinnehmen. Wenn wir die Zusammenhänge richtig deuten, dann werden wir auch nicht mehr dämmen müssen.

Klaus-Jürgen Bauer ist Architekt, Kurator und Autor zahlreicher Schriften. Sein aktuelles Buch "Entdämmt Euch!" (edition lex liszt 12) setzt sich kritisch mit der Frage der Wärmedämmung auseinander.

Wiener Zeitung, Dienstag, 10. Jänner 2017