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Auf dem Weg zu einem "Planetary Stewardship"#

Gastkommentar: Ein neues Erdzeitalter hat begonnen - und wir müssen Verantwortung übernehmen.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 18. Mai 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Philippe Narval


Wir haben es uns gut eingerichtet in unserer marktkonformen Gesellschaft, die uns über Jahrzehnte versprochen hat, dass es jeder nächsten Generation materiell besser gehen wird. Wir spüren nun, dass diese Erzählung nicht mehr tragbar ist und sich auch das über 12.000 Jahre dauernde Erdzeitalter Holozän überholt. Das Ende des Erdzeitalters, das unserem Planeten über lange Perioden die stabilsten ökologischen und klimatologischen Bedingungen in der Erdgeschichte beschert hat, ist ganz unaufgeregt eingeläutet worden. Die Wissenschafter der Internationalen Stratographischen Gesellschaft haben entschieden, dass genügend Evidenz vorliegt, um unter dem Namen Anthropozän ein neues Erdzeitalter auszurufen. In ihm ist der Mensch nun der bestimmende Faktor im Ökosystem.

Jetzt müssen die Wissenschafter nur noch festlegen, welcher Marker in den Sedimentschichten des Planeten den offiziellen Beginn des Anthropozäns am besten darstellt. An Auswahl mangelt es nicht: Sie reicht von radioaktiven Sedimenten, die wir den ersten Atomtests der 1950er verdanken, bis zum massiven Auftauchen von Hühnerknochen - dem Totemtier der Massentierhaltung schlechthin - auf den Mülldeponien unseres Planeten. Irgendwo in den Dekaden der Babyboomer der 1950er und 1960er wird er aber liegen, der offizielle Beginn unserer planetarischen Allmacht.

Der Globus ist nur begrenzt belastbar#

Wie kann eine Gesellschaft aussehen, die dem Globus wieder Respekt und Würde verleiht und unsere planetarischen Grenzen respektiert? Wie gelingt der Kulturwandel hin zu einem "Planetary Stewardship", wenn der Konflikt mit den Naturgewalten und Mangelsituationen, denen der Mensch über Jahrtausende ausgeliefert war, so tief in unserem Unterbewusstsein verankert scheint? Kein anderer als das Oberhaupt der Katholischen Kirche stellt sich diese Frage in seiner Enzyklika "Laudato si". Es mag ironisch sein, dass der höchste Vertreter einer Institution, die über Jahrhunderte hinweg nicht gerade ein Treiber von Aufklärung und Wissenschaft war, nun auf Basis fundierter wissenschaftlicher Erkenntnisse als Mahner für Umwelt und Klimaschutz auftritt. Doch das macht die Fragen des Papstes nicht minder relevant.

Überall in Europa haben sich Menschen, Organisationen und Unternehmen schon vom ausschließlichen Profitstreben verabschiedet, sie setzen sich nachhaltigere Ziele. Was bräuchte es, um diese Formen zu fördern, ohne die Werte einer offenen Gesellschaft aufs Spiel zu setzen? Könnte sich Europa global behaupten, wenn es bereit wäre, sein Wirtschaftssystem neu auszurichten? Wie sieht eine Energiewende aus, die nicht auf dem Reißbrett entsteht, sondern von den Bürgern erfunden wird? Welche anderen Formen des Wachstums werden möglich, wenn wir den Wachstumswillen in Quantität hinter uns lassen?

Wenn Konfliktlinien aufbrechen#

Darüber erlauben sich wenige in Zeiten wie diesen nachzudenken, denn große Konfliktlinien brechen gerade auf: zwischen den Generationen, zwischen den Nationalstaaten und zwischen den Menschen in erfolgreichen Technologiezentren und jenen an der Peripherie - um nur einige zu nennen. In Zeiten der Unsicherheit verlassen sich Menschen gerne auf vertraute Handlungsmuster und Institutionen. Das bringt eine supranationale Institution wie die Europäische Union in Bedrängnis. Dennoch ist die EU wohl das erfolgreichste Beispiel von Kooperation und Konfliktlösung beziehungsweise -vermeidung. Ihre größte Leistung ist es, Institutionen geschaffen zu haben, in denen gemeinsam gehandelt wird.

Eine vorausdenkende Minderheit fordert nun eine Europäische Republik und damit das Ende der Nationalstaaten. Ob Republik oder nicht - in der Essenz geht es um die Forderung, das Subsidiaritätsprinzip endlich konsequent umzusetzen. Die Desillusionierten hingegen wollen eine Reduktion der Verantwortung der Union auf den Binnenmarkt und den gemeinsamen Schutz der Außengrenzen. Sie sind bereit, dafür eine Grundfreiheit Europas, die Personenfreizügigkeit, zu opfern.

Wofür stehen wir Bürger Europas ein?#

Als europäisch denkende Bürger ist es an uns zu fragen, wofür wir bereit sind zu streiten und einzustehen; denn das haben wir verlernt. Wie angenehm ist es doch, einfach nur passiv-tolerant zu sein. Ohne zivilisiert ausgetragene Konflikte und Streit wird es nicht gehen, und wir werden Europa nicht gegen die inneren Feinde der Demokratie verteidigen können. Abkapseln voneinander wird uns nicht weiterbringen. Dass die virtuellen Netzwerke unsere gesellschaftlichen Abschottungstendenzen durch ihre algorithmengetriebenen Logiken auch noch befördern, ist fatal.

"Ändert sich das Medium, ändert sich auch die Gesellschaft", hat der Philosoph und Kulturhistoriker Walter Benjamin einmal gesagt. Gerade erleben wir die brutale Realität hinter diesem einfachen Satz. 2017 begehen wir übrigens den 500. Jahrestag des Thesenanschlags von Martin Luther in Wittenberg 65 Jahre nach Erfindung des Buchdrucks. Diese Innovation verhalf zu Beginn einigen wenigen zu einem enormen wirtschaftlichen Vorteil - und verbreiterte zugleich bald den Zugang zu Bildung.

Instinktiv wissen wir, dass die Zukunft anders sein wird, als wir sie uns vorstellen können. Und trotzdem dürfen wir nicht aufhören, uns über sie Gedanken zu machen, denn Gesellschaften sind nur so stark wie ihre kraftvollsten gemeinsamen Visionen. Aber wovon träumen Europäer in diesen Zeiten, in denen der Traum vom immerwährenden Wohlstand zu Ende ist? Das Entwerfen von Utopien scheint im Moment nur den Zerstörern des vereinten Europas, den selbsternannten Rettern des Abendlandes und vielleicht wenigen Technologieverliebten leicht zu fallen. Ihre Dystopien bewegen sich zwischen der Rückkehr zu einer nie da gewesenen, autochthonen Abschottung und einer Zukunft, in der intelligente Maschinen den Menschen in seinen Fähigkeiten übertrumpfen.

Philippe Narval
Philippe Narval ist Geschäftsführer des Europäischen Forums Alpbach, das sich von 16. August bis 1. September dem Generalthema "Konflikt & Kooperation" widmet
Foto: privat

Was haben wir noch anzubieten, wenn es darum geht, Zukunftsbilder für eine "reduktive Moderne" zu entwerfen? Befähigen uns die digitalen Werkzeuge dazu, dezentral und hierarchiefrei neue Kooperationsformen und Wertschöpfungsketten zu entwerfen? Oder sind die Plattformen, die in allen Sektoren als "Category Leads" eine Vormachtstellung halten, alternativlos und durch ihren Datenextraktivismus täglich mächtiger und uneinholbar?

Spannungsfeld Konflikt und Kooperation#

Die Gegenüberstellung von Konflikt und Kooperation heißt nicht, dass es sich bei den Begriffen um ein Gegensatzpaar - das eine böse, das andere gut - handelt. Transnationale Netzwerke wie die Mafia oder Wirtschaftskartelle funktionieren nur, weil sie auf erfolgreicher Kooperation basieren. Parallel dazu beweist die Organisationslehre, dass Konflikte notwendig sind, um Veränderungsprozesse voranzubringen, und wie sehr wir sie als Nährboden für Neues brauchen. Eine Gesellschaft, die Konflikte nicht mehr zivilisiert und offen austragen kann, verödet und gleitet ins Totalitäre. Dennoch stellt sich die Frage, wie große, gewaltvolle Konflikte entstehen - und wie sie enden. Welche Narrative befeuern sie, und mit welchen Instrumenten lassen sie sich im 21. Jahrhundert vermeiden? Welche Instrumente der Konfliktlösung setzen wir ein? Die Sicherung des Weltfriedens durch globale Kooperation - ist das nicht immer noch ein hehres Ziel? Wer spricht heute noch davon? Wer traut sich, so groß zu träumen? Diesen Fragen widmet sich heuer das Europäische Forum Alpbach unter dem Generalthema "Konflikt & Kooperation".

Der Evolutionsbiologe Martin Nowak, der das Forum in Alpbach heuer eröffnen wird, hat belegt, dass Systeme, die auf Kooperation aufbauen, langfristig überlebensfähiger sind. Wir werden die Herausforderungen der Zukunft auf diesem Planeten nur gemeinsam und in Kooperation lösen können, das steht fest. Doch welche Strukturen sind überhaupt dafür geeignet; welche post-nationalstaatlichen Modelle braucht es auf globaler Ebene, welche auf lokaler? Wie und wo erlernen wir das Kooperieren im komplexen Umfeld? Wie können wir im Zeitalter der Skepsis das Vertrauen zwischen Bürgern und demokratischen Institutionen wieder herstellen? Die Demokratie als hohe Schule der Kooperation und Friedenswerkzeug ist in ihre Jahre gekommen, aber was wäre, wenn wir für sie streiten und sie neu entdecken?

Wiener Zeitung, Freitag, 18. Mai 2017