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Bildschirmfrei ist das neue Bio#

Während hierzulande Schulen digitalisiert werden, geht der Trend im Silicon in die analoge Richtung.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 4. April 2019

Von

Adrian Lobe


Wien. Die Zeiten des Frontalunterrichts, in denen der Lehrer Dinge mit der Kreide an der Tafel erklärt, sollen bald der Vergangenheit angehören. Zumindest, wenn es nach dem Willen der Bildungsminister geht. In den Industrienationen werden Milliarden in die Digitalisierung von Bildung gesteckt. In Deutschland stellt der Bund im Rahmen des Digitalpakts fünf Milliarden Euro zur Verfügung, unter anderem für die Anschaffung mobiler Geräte.

In den Niederlanden sorgten die Steve-Jobs-Schulen für Aufsehen, wo Schüler statt mit Büchern mit dem iPad lernen. Google hat in den USA in den vergangenen Jahren heimlich das Klassenzimmer erobert - mit Low-Cost-Laptops wie dem Chromebook, das auf Googles Betriebssystem läuft. Apple unterstützt weltweit 400 Bildungseinrichtungen, sogenannte Apple Distinguished Schools, mit digitalen Lerntechnologien. Facebook hat indes eine eigene Lernplattform lanciert, auf der 75 kostenlose Online-Kurse angeboten werden. Und im erzkonservativen Mormonenstaat Utah hat eine staatliche geförderte "Online-Only"-Vorschule eröffnet, wo schon Vierjährige computergestützten Unterricht erhalten. Doch ausgerechnet im Silicon Valley, wo die digitalen Lernwerkzeuge entwickelt werden und die Bildungsrevolution ausgerufen wird, findet nun ein Umdenken statt.

Mitarbeiter großer Tech-Konzerne wie Google, Apple und Yahoo schicken ihre Kinder vermehrt an Schulen, die auf eine technologiefreie Lernumgebung setzen. Waldorf-Schulen erleben im Silicon Valley gerade einen Boom. Die Canterbury Christian School in Los Altos, der Nachbargemeinde von Moutain View, dem Sitz von Google, kann sich vor Anmeldungen kaum retten - nicht wegen der Bibelverse, die dort jeden Morgen zitiert werden, sondern weil Laptops, Tablets und Smartphones aus dem Klassenzimmer verbannt werden. Die gut verdienenden Programmierer und Entrepreneure haben die Sorge, dass digitale Technologien die Konzentrationsfähigkeit und Entwicklung ihrer Kinder nachhaltig beeinträchtigen.

Süchtig wie nach Crack#

Der ehemalige "Wired"-Chefredakteur Chris Anderson und heutige Chef des Drohnenherstellers 3D Robotics sagte, Bildschirme stünden auf einer Skala von Süßigkeiten bis Crack und Kokain eher bei Letzterem. Der Ex-Google-Ingenieur Tristan Harris warnt mit seiner Bewegung Time Well Spent vor den Suchtgefahren von Apps. Die Apps seien so designt, dass sie mit Belohnungsmechanismen an den Dopamin-Rezeptoren im Gehirn andocken und abhängig machen. Der deutsche Psychiater und Bildungsforscher Manfred Spitzer vertritt diese These schon seit Jahren - für seine selektive Studienauswahl wurde er häufig kritisiert.

Die neue Low-Tech-Bewegung im Silicon Valley kann sich auf durchaus prominente Vorreiter berufen. Microsoft-Gründer Bill Gates und Apple-Gründer Steve Jobs (beide Schulabbrecher) erzogen ihre Kinder technikfrei - zumindest, was die Nutzung von High-Tech-Geräten betraf. Die Töchter von Bill und Melinda Gates bekamen ihr erstes Handy erst mit 14 Jahren. Steve Jobs verbot seinen Kindern sogar, das iPad zu nutzen. "Wir setzen eine Grenze, wie viel Technologie unsere Kinder nutzen", sagte der 2011 verstorbene Apple-Gründer in einem seiner letzten Interviews der "New York Times".

Für eine zeitliche Begrenzung mobiler Endgeräte sprechen triftige Gründe: das blaue Bildschirmlicht, das die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin hemmt. Schäden für die Augen. Ablenkungsgefahr. Konzentrationsdefizite. Doch wenn ein Konzern ein Produkt an Schulen als Lernwerkzeug vermarktet, dessen Nutzung der Unternehmensgründer seinen eigenen Kindern verbietet - ist das nicht unglaubwürdig? Wissen die Entwickler um die Gefahren ihrer Produkte?

Je ärmer desto online#

Um die Langzeitfolgen des Smartphone-Konsums zu erforschen, führt das amerikanische National Institutes of Health (NIH) seit kurzem eine Langzeitstudie mit knapp 12.000 Jugendlichen im Alter zwischen neun und zehn Jahren im ganzen Land durch. Mit den Ergebnissen ist frühestens in ein paar Jahren zu rechnen. Was die digitalen Technologien mit den Köpfen der Kinder machen, ist noch nicht klar. Was sie mit der Gesellschaft machen, zeichnet sich dagegen schon ab. Laut einer Studie von Common Sense Media verbringen Teenager aus einkommensschwachen Familien in den USA durchschnittlich acht Stunden und sieben Minuten am Tag an Bildschirmen zur Unterhaltung, Jugendliche aus wohlhabenden Familien dagegen nur fünf Stunden und 42 Minuten. Das Mediennutzungsverhalten hängt also stark vom Einkommen der Eltern ab. Der digitale Graben verläuft somit nicht zwischen den "haves" und "have-nots", also zwischen den Gerätebesitzern und Nichtbesitzern, sondern zwischen den Viel- und Wenignutzern. Alternative (analoge) Beschäftigungen wie Klavierunterricht oder ein Sportverein muss man sich leisten können.

Das iPad als Fahrrad#

Politikwissenschafter Andre Wilkens beschrieb bereits in seinem 2015 erschienenen Buch "Analog ist das neue Bio" die Herausbildung einer neuen "Digitalen Schere" zwischen denen, die es sich leisten können, nicht immer digital zu sein, und den anderen, die dies nicht mehr können, weil analoge Alternativen zu teuer sind. Damit bekommt die Digitalisierung eine soziale Dimension - obwohl das Bildungsversprechen ja immer lautet, dass alle Menschen angeschlossen und ermächtigt werden. Die Zukunft könnte in den USA so aussehen, dass die Kinder der Google- und Facebook-Entwickler auf Privatschulen gehen, während das digitale Prekariat Online-Kurse belegt. Es ist also nicht damit getan, jedem Schüler ein iPad an die Hand zu geben, um Ungleichheiten in der Gesellschaft zu beseitigen.

Die Steve-Jobs-Schulen in den Niederlanden, die einst als Vorbild für das digitale Klassenzimmer herangezogen wurden, gelten mittlerweile als gescheitert. Die Stiftung O4NT ist pleite, von den geplanten 100 Schulen sind gerade einmal 20 übrig geblieben. Der visionäre Apple-Gründer hat gesagt, Computer seien "Fahrräder für den Geist". Es geht nicht darum, Fahrräder zu besitzen, sondern die (Kultur-)Technik zu vermitteln, wie man sie fährt.

Wiener Zeitung, 4. April 2019