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Theodor Herzl (1860-1904)#


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus dem Buch: Große Österreicher. Thomas Chorherr (Hg). Verlag Carl Ueberreuter, Wien. 1985.


Auf dem Herzl-Berg, der sich über dem neuen Jerusalem erhebt, gingen am 2. Mai die Großen des Staates Israel zum Grabe jenes neuen Moses, der vor 100 Jahren geboren wurde, jenes Redakteurs der >Neuen Freien Presse<, der die Staatsidee des jüdischen Volkes formuliert hat. Ehrenkompanien präsentierten das Gewehr. Davon abgesehen, daß die israelische Garde Dschungelgrün trägt und nicht Silberharnisch über gelbem Koller, schien alles so zupaß gekommen, wie es Theodor Herzl sich vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert vorgestellt hat. Und doch, es ist so ganz anders gekommen ...«

Dies ist in einer nicht mehr existierenden Wiener Zeitschrift zum 100. Geburtstag eines Wiener Journalisten, der die Welt veränderte, geschrieben worden.

Theodor Herzl, in Budapest geboren, nach Wien zum Jusstudium geschickt und alsbald vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, die zu einem beachtlichen Prozentsatz aus restlos assimilierten Juden bestand, schrieb in Wien Feuilletons und Lustspiele und war drauf und dran, vollends zum Wiener Literaten zu werden, als ihn die damals tonangebende »Neue Freie Presse« zu ihrem Pariser Korrespondenten ernannte. 1891 ist er ein »gemachter Mann«. Und in Paris weitet sich nicht nur sein Horizont, sondern nebstbei auch sein Blick auf die großen Probleme: eine neue Art von Antisemitismus zieht herauf, der man nicht mehr mit Flucht aus dem Städtel entgehen kann. Sie ist international und subtil und setzt sich mit den assimilierten Juden auseinander. In Wien würde Herzl sie vielleicht um diese Zeit noch gar nicht bemerken. In Paris aber gibt es die Affäre Dreyfus, und diese erlebt Herzl hautnah als Korrespondent.

Seine erste Reaktion ist die eines Phantasten. Er will die Juden Wiens zur Massentaufe in die Stephanskirche rufen und sich dabei seiner Zeitung als Lautsprecher bedienen - die jüdischen Besitzer und Chefredakteure der NFP können die Idee rasch beiseite schieben, werden freilich auch beiseite stehen, wenn Herzl mit seiner zweiten Idee kommt. Diese ist schlicht und einfach der Aufruf zur Gründung eines Judenstaates und lag »in der Luft«. Wäre es nach Herzl gegangen, wäre sie zu einem folgenreichen Leitartikel der NFP geworden und dann erst Realität. Weil aber die Zeitung nicht nur nicht anbeißt, sondern sich ausdrücklich weigert, dem Gedanken Platz einzuräumen, muß Herzl seine Zeit und Kraft fortan der Arbeit für den kommenden Judenstaat nicht als Journalist, sondern als Amateurdiplomat im Nebenberuf widmen -und da bringt er, wie jeder Österreicher, der sein »Hobby« betreibt, sehr viel weiter.

Herzl schreibt eine Broschüre »Der Judenstaat« und läßt einen Roman »Altneuland« folgen und begleitet alle seine Aktivitäten mit einem anschwellenden Konvolut von immer noch aufregend zu lesenden Tagebuchnotizen. Er läßt es aber nicht dabei bewenden, sondern bringt es zustande, daß nach seinen Ideen in der Schweiz Zionistenkongresse von internationalem Zuschnitt abgehalten werden. Ihm ist das keineswegs genug, er verhandelt mit allen großen Bankiers über die notwendigen finanziellen Zuwendungen und treibt die Gründung einer zionistischen Bank voran. Auch das scheint ihm nicht genügend Arbeit, er reist zu offiziellen Verhandlungen mit dem Sultan, wird von Wilhelm II. empfangen, er sorgt für adelige Gönner seines Projektes und mobilisiert die einflußreichen Juden in aller Welt.

Während er seine Sache predigt und die Sache der Juden auf allerhöchster Ebene vorträgt, ist er freilich weiterhin Redakteur in Wien und stets darauf bedacht, dies auch zu bleiben - seine Kollegen klagen über den Chef des Feuilletons, der zwar Entdeckungen wie Stefan Zweig bringt und seine Freunde wie Arthur Schnitzler enger ans Blatt bindet, gleichzeitig aber die tägliche Arbeit vernachlässigt und Berge von eingesandten Feuilletons nicht durchliest, die von den Lesern so geschätzten eigenen Beiträge immer seltener liefert. Zur gleichen Zeit empfangen ihn die Großen der Welt stets ausdrücklich als den Redakteur der geschätzten »Neuen Freien Presse« und zögern aus den verschiedensten Gründen, der zionistischen Bewegung haltbare Zusagen zu geben ...

Und Herzl ist zerrissen, er denkt an Zeitungsgründungen, er sorgt sich um seine finanzielle Sicherheit, er will den neuen Judenstaat in Palästina, ist aber auch bereit, über eine Ansiedlung in Kenia zu diskutieren und dem Kongreß vorzuschlagen, die Heimat der Juden solle Ostafrika werden. Zwischendurch bringt er- wann eigentlich? - seine Vision des Staates zu Papier, bis heute ist sie niemals vollständig veröffentlicht worden, denn viel Phantasterei und seltsame Zusammenstellung aus den verschiedensten Welten paart sich da. Herzl schwebt ein Judenstaat vor, der in Palästina oder Ostafrika lagert wie eine Filiale des »Großwien« Luegers. Ein Parlament soll sein, doch auch an eine Krönung eines Königs der Juden ist ernsthaft gedacht. Der Feuilletonist macht da dem Politiker immer wieder sehr zu schaffen.

Kaum vorzustellen, wie das gewesen sein muß: Da erscheint bei einer Wiener Burgtheaterpremiere ein typisch »schöner« Herr im Publikum, und ringsum zischelt man: »Der König der Juden.« Karl Kraus hat Herzl mit der Broschüre »Eine Krone für Zion« zusätzliche Popularität verschafft und dem Gelächter ausgesetzt.

Als Herzl 1904 an einem nicht kurierten Herzleiden stirbt, kommen 6 000 Zionisten zu seinem Begräbnis und lassen Wien und die Welt erkennen, welch eine Idee und welch ein Propagandist dieser Idee Herzl in einem war. Sie setzen Herzls Arbeit fort, lassen freilich das Projekt Ostafrika rasch in der Versenkung verschwinden und warten, wie sehr die Balfour-Deklaration Siedler nach Palästina lockt: Es sind verzweifelt wenige, die der Idee Herzls folgen. Es werden Hunderttausende, als der Nationalsozialismus sozusagen Herzls Idee »aufgreift« und die Juden in den Tdc oder ins Gelobte Land treibt. »Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen«, schrieb Theodor Herzl, der Feuilletonist aus Wien. Jetzt ist ein Berg, eine Stadt, ein Museum nach ihm benannt, und sein Bild schmückte lange Zeit Banknoten des Staates Israel. Und junge Israelis staunen, daß man in Wien den Mann der für sie einer der Väter ihres Landes ist, als Journalisten zu kennen glaubt.