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Klimawandel bedroht unser Kulturerbe#

Mehr Wärme, mehr Regen, mehr Feuchtigkeit: Der Klimawandel beschädigt historische Bausubstanz.#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 22. November 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Eva Stanzl


Stift Dürnstein
Auch das Unesco-Welterbe Wachau (im Bild Stift Dürnstein) ist in Gefahr.
Foto: © Alexander Klein/afp

Wien. Heißere, trockene Sommer, wärmere Winter und stärkere Regenfälle, die unsere Flüsse über die Ufer treten lassen: Der Klimawandel gefährdet denkmalgeschützte Bauwerke in Österreich bis in die Fundamente. Von historischen Fassaden und Fresken an den Ufern der Donau über Privathäuser auf Stadtplätzen bis hin zu Gemälden, Skulpturen und Textilien in Museumsdepots könnte das heimische Kulturerbe der Erderwärmung zum Opfer fallen.

Diese Ergebnisse präsentiert Katja Sterflinger, Expertin für Baudenkmalpflege am Institut für Biotechnologie der Universität für Bodenkultur in Wien, bei den "Heritage Science Days". Die Konferenz zu zahlreichen Aspekten der Erhaltung von Kulturerbe findet bis Freitag im Kunsthistorischen Museum (KHM), in der Technischen Universität (TU) und an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien statt.

"In Österreich wird die Zahl der Überflutungen steigen", sagt Katja Sterflinger, Expertin für Baudenkmalpflege am Institut für Biotechnologie der Universität für Bodenkultur in Wien. Gleichzeitig sei mit heißeren Sommern und milderen, feuchteren Wintern zu rechnen. "Häufiges Hochwasser durchnässt die Bausubstanz. Trocknen die Mauern nicht aus, gibt es biologische Schäden", sagt Sterflinger zur "Wiener Zeitung".

Stellen in der Denkmalpflege nicht nachbesetzt#

Feuchte Holz-Zwischendecken werden von Insekten und Hausschwamm befallen, der die Konstruktionen zerfrisst. Mehr Wasser und Wärme bewirken eine höhere Luftfeuchtigkeit, in der Schimmelpilze gedeihen. Bei Durchfeuchtung und weniger Frost im Winter sterben zudem weniger Insekten. Schädlingspopulationen wachsen. "Ob es der Brotkäfer ist, der Bücherleim frisst, oder die Wandspinne, die sich im Putz einnistet und dort schwarze Punkte hinterlässt, oder der Rüsselkäfer, der die Särge in der Michaelergruft zerfrisst - von Bibliotheken mit großen Beständen bis hin zu den Fassaden sind zahlreiche Bestände bedroht", warnt Sterflinger.

Wasser mobilisiert auch Salze im Ziegelgemäuer. Sie kristallisieren und schaden den Bauwerken. Ein Beispiel ist die Virgilkapelle - eine unterirdische Gruft neben dem Stephansdom in Wien. Das Wasser dringt vom Stephansplatz ein und trocknet an dem Gemäuer wieder aus. Dabei sprengt die Kristallbildung die mittelalterliche Wandmalerei. "Mit der Salzbelastung kommen Bakterien, die rosa Verfärbungen machen", erklärt die Expertin.

Eine Bestandsaufnahme der betroffenen Kulturdenkmäler stünde aus. Auch professionelles Risikomanagement fehle. Das Gegenteil zeichne sich ab. "Forschungsstellen in der Denkmalpflege werden eher abgebaut als aufgestockt. Positionen im geologischen, technisch-chemischen und mikrobiellen Bereich, die neue Methoden der Steinpflege erfinden, proben und testen, werden nicht nachbesetzt und sie verlieren an Stellenwert", schlägt Sterflinger Alarm. Seitens der geldgebenden Stellen sieht sie "eine Orientierung in Richtung Return of Investment, obwohl Kulturgut, das von Touristen besucht wird, nicht in Zahlen zu fassen ist."

"Die Denkmalpflege ist im politischen Denken zu wenig beachtet. Das schlägt sich auch in Förderungen nieder. Es wird in Zahlen gedacht - naturwissenschaftliche Institute, die neue Formen der Konservierung zur Erhaltung von Baudenkmälern erforschen, werden ausgehungert", sagt Astrid Huber von der Kartause Mauerbach. Das ehemalige Kloster in Niederösterreich ist heute ein Ausbildungszentrum für Denkmalpflege.

Insbesondere das Institut für Ingenieurgeologie der TU Wien sei von Kürzungen betroffen. Es erforscht die Witterungsbeständigkeit von Naturstein und Maßnahmen zu deren Schutz. "Wir können doch nicht mit den Zeugnissen unserer Kultur werben, wenn wir sie nicht mehr haben", sagt Huber.

Im Juni 2013 war Melk überflutet. Die Stadt am rechten Ufer der Donau wird als "Tor zur Wachau" bezeichnet. Ihre Bausubstanz ist Teil dieses Unesco-Weltkulturerbes. "Nicht nur Stift Melk oder Dürnstein, sondern auch viele Privathäuser tragen zum Charakter des Gebiets bei", so die Expertin. "Das Zusammenspiel von Gebäuden, Kulturlandschaft mit Wein- und Obstbau und Natur zeigt die Kulturgeschichte. Wenn man die Häuser nicht erhält, verliert die Wachau ihren Gesamtcharakter."

Es zählen Einnahmen und Besucherzahlen#

Doch auch Museumsbestände sind betroffen. Denn nicht immer können in den Depots Luftfeuchtigkeit oder Schädlingsbefall mit kostspieligen Geräten überwacht werden. Und Martina Griesser, Abteilungsleiterin des Naturwissenschaftlichen Labors im KHM, sieht noch ein weiteres Problem: "Für uns sind die Erhaltung der Sammlungen, die Depotbedingungen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Kunstwerken ein Thema", sagt sie: "Aus dem Druck, dass sich die Bundesmuseen immer mehr Gedanken über Einnahmen und Besucherzahlen machen müssen, verschiebt sich der Fokus jedoch zunehmend hin zu einer intensiven Ausstellungs- und Leihtätigkeit der Objekte."

Konkret: Jedes Objekt müsse gut dokumentiert und manchmal restauriert werden, bevor es digitalisiert, präsentiert und der Öffentlichkeit vermittelt werden kann. "Wir beobachten wenig Verständnis dafür, dass die wissenschaftliche Bearbeitung heute aufwendiger ist, und Vernetzung mit Geistes-, Natur- und Materialwissenschaft, Medizin, Forensik, digitalen Medien und Computerwissenschaften bis hin zur 3D-Simulation erfordert", sagt Griesser.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 22. November 2017