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Besessener der Darstellungskunst#

Theater als Wahrheitssuche mit Mitteln der Illusion - das war die Leitidee von Max Reinhardt. Vor 75 Jahren starb der Bühnenmagier in New York.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 27. Oktober 2018

Von

Oliver vom Hove


Max Reinhardt, Carl Moll, Alfred Roller (ganz links), Alma Mahler, Gustav Klimt, Anna Moll und Josef Hoffmann im Garten der Villa Carl Moll. Hohe Warte. Photographie von Moritz Nähr. Österreich. Wien. 1905
Max Reinhardt, Carl Moll, Alfred Roller (ganz links), Alma Mahler, Gustav Klimt, Anna Moll und Josef Hoffmann im Garten der Villa Carl Moll. Hohe Warte. Photographie von Moritz Nähr. Österreich. Wien. 1905
Foto: © IMAGNO/Österreichisches Theatermuseum

Der Herbst 1943, an dem Max Reinhardt, gerade erst 70 Jahre alt geworden, in New York das Leben verlor, verlockte zu ausgedehnten Spaziergängen. Der Emigrant unternahm sie mit Hund. Doch das Tier erwies sich als unberechenbar. Irgendwann biss es seinen Herrn, und der Regiemeister vermochte die (körperliche wie seelische) Verletzung nicht mehr zu verwinden. Reinhardt starb, nach mehreren Schlaganfällen und einer Lungenentzündung, in der Nacht des 31. Oktober in jenem Hotel, in dem er, krank und verarmt, sein letztes Lebensjahr verbracht hatte.

So unspektakulär endete ein Leben, das nach unerhörten Aufschwüngen und einzigartigen Höhenzügen zuletzt, auf der Flucht vor Hitlers Rassenpolitik, durch den Verlust nicht nur des Arbeitsmittels Sprache und Kultur einen unverschuldeten Niedergang erlitten hatte. Über seine Verbannung in die USA meinte ein Kritiker: "Reinhardt passte in diese Welt wie ein Troubadour an ein Buchhalterpult."

Verzauberungstheater#

Dass das Theater Verzauberung sein müsse, sorgsam dosiertes und geistvoll angereichertes Reizmittel der menschlichen Fantasie, war kaum einem Bühnenmagier je so bewusst gewesen wie ihm. Und kaum einer hat dieses Bewusstsein jahrzehntelang so überlegen und vielseitig in Taten umgesetzt wie dieser Besessene der Darstellungskunst. Er wusste sich zu engagieren für dieses Wissen, mehr noch: sich buchstäblich mit allen Mitteln auf seine Vision von umfassender Theaterkunst einzulassen.

Er war der Erfinder und Festiger des modernen Regietheaters. Damit setzte er sich in großem Zeitsprung von einer lange vorherrschenden Klassizität des Theaters ab, die sich in einer sterilen Verkümmerung der Darstellungsmittel und einer falsch verstandenen Literarisierung der Bühne erschöpft hatte. Mit Reinhardt nahm zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Spielleiter eine grundlegende Theaterreform in Angriff, der vom Schauspielertum ausging und dessen schöpferische Kräfte sich daher stark in den Dienst der mimischen Interpretation der literarischen Vorlagen stellten.

Schon den Knaben hatte die Theaterleidenschaft wie eine Infektion überfallen. Am 9. September 1873 in der elterlichen Sommerfrische in Baden geboren, besuchte der Sohn des jüdischen Baumwollhändlers Wilhelm Goldmann bereits als 15-Jähriger unentwegt die Wiener Bühnen, allen voran das Burgtheater. Seine Karriere als Schauspieler begann Maximilian Goldmann, der sich fortan Max Reinhardt nannte, nach kurzen Lehrjahren in Wien und Salzburg 1894 am Berliner Deutschen Theater bei dem Naturalisten Otto Brahm. Hier spielte er die nächsten Jahre viel, hauptsächlich die neue Milieudramatik - und, als gerade über 20-Jähriger, mit Vorliebe alte Männer.

Indes, das naturalistische Theater, dem Otto Brahms ganze Hingabe galt, hatte sich um die Jahrhundertwende merklich überlebt. Von Wedekind wurde es drastisch als spießbürgerlich und engherzig charakterisiert. Auch dem jungen Max Reinhardt war Brahms Theaterauffassung innerlich bald fremd geworden. 1903 trennte er sich von dessen Theater. Gemäß der Zeitströmung der Sezession bildete er mit Gleichgesinnten ein eigenes Ensemble, das sich anschickte, die in der Luft liegende Erweiterung des Menschenbilds mit einer spielfreudigen Hinwendung zu den literarischen Stückvorlagen und einer Vertiefung der psychologischen Darstellung zu erreichen.

Aus der zunächst gegründeten Kleinkunstbühne "Schall und Rauch" wurde das "Kleine Theater" Unter den Linden, dessen Leitung Reinhardt 1903 zusammen mit der des Neuen Theaters am Schiffbauerdamm übernahm. 1905 wurde er Direktor des Deutschen Theaters, der führenden Traditionsbühne Berlins, der er den "Kammerspiel"-Neubau für neue Dramatik hinzufügte.

Gleich mit seiner ersten Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" im Neuen Theater hatte Reinhardt im Frühjahr 1905 einen Sensationserfolg erreicht. Bald hatte sich, nicht nur in Berlin, das metropolitane Gesamtkunstwerk-Konzept dieses bildertrunkenen Theaterwerkers durchgesetzt. Durch das gezielte Zusammenwirken von Bühnenbild, Sprache, Licht, Musik und Tanz rang Reinhardt dem Theater Aufsehen erregend neue Wirkungsmöglichkeiten ab.

Diese atmosphärische Verdichtung bezog den Zuschauer wohlkalkuliert in ein synästhetisches Wechselspiel von Ruhe und Bewegung, Einzel- und Massenszenen, wuchtiger Wirkungsabsicht und seelischer Feinabstimmung ein. In solchen Großinszenierungen wurde die Szene vielfach zu einem Zauberreich, das auf der Bühne mit wechselnden Mitteln der optischen und akustischen Verführung das urtheatralische Versprechen des Illusionstheaters einlöste. Stets aufs Neue wusste die Kritik - wie Siegfried Jacobsohn schon 1902 nach Oscar Wildes "Salome" - "die Harmonie von Worten, Tönen, Gesten, Farben und Formen" hervorzuheben, "die in Berlin noch nicht erlebt worden ist und unvergesslich bleibt".

Autor als Mitgestalter#

Hinzu kam die Hochschätzung der Dichtung. In Max Reinhardts Theater war der Autor, auch der Klassiker, ein ebenbürtiger Mitgestalter. Er war auch posthum der lebendige Einflüsterer jener alles tragenden Botschaft, die es mit den einfallsreichsten Mitteln sinnfällig zu entschlüsseln galt.

Schon in frühen Briefen hatte Reinhardt sich immer wieder als "im Bann der Dichtung" erklärt, die ihm etwa bei Ibsens "Gespenstern" "gleich einem eisernen Reifen Hirn, Herz und Nerven einpresste". Dazu bedurfte es einer aufgewerteten Dramaturgie, die Reinhardt in die Regie einbezog: vor allem sein Hauptmitarbeiter Arthur Kahane zeichnete dafür verantwortlich, zeitweilig unterstützt etwa von Brecht oder Zuckmayer.

Kühn war der unermüdliche Theatermann Reinhardt auch bei der technischen Erneuerung jener Bühnen, deren Leitung er nach und nach übernahm. "Meine schrecklichsten Erinnerungen noch vom ‚Kleinen Theater‘ hängen mit dem Schnürboden zusammen. Da lauern tausend Gefahren", bekannte er. "Eine große Drehbühne, auf der womöglich das ganze Stück vorher sorgsam und sicher plastisch aufgestellt ist, mit Plafonds (plastischen dann natürlich) mit Baumkronen auf den Bäumen und einer Himmelskuppel darüber - das ist mein Ideal." Im Deutschen Theater setzte er es mit beträchtlichem Aufwand in die Tat um, zunehmend finanziert auf eigenes Risiko (sein Bruder Edmund diente als Impresario) und auf jenes wohlhabender Mäzene.

Mit seinem theatralischen Gesamtkonzept, das er rastlos erweiterte, drängte Reinhardt bald hinaus ins Freie, nicht nur aus dem Guckkasten, sondern aus den angestammten Theaterräumen, in Kirchen, auf Plätze, Gärten, Parks, in Säle, in den Zirkus. Das Vorbild der großen Arena des antiken Theaters wirkte mächtig auf seinen hellwachen Traum eines "Theaters der Fünftausend". 1919 eröffnete er nach Plänen von Hans Poelzig im ehemaligen Zirkus Schumann das Große Schauspielhaus (später Friedrichstadtpalast), immerhin mit 3200 Plätzen. Schon die 1915 für drei Spielzeiten übernommene Volksbühne hatte über 2000 Sitze verfügt, konnte aber mit ihrer Guckkastenbühne Reinhardts drängendem Wunsch nach Aufhebung der Distanz von Bühne und Zuschauerraum nicht entsprechen.

Der fulminante Aufstieg des Regisseurs und Theaterleiters in Berlin erhielt nach dem Ersten Weltkrieg einen Knick, als sich jüngere Autoren und Regisseure (Brecht, Viertel, Jessner, Piscator) vehement der Bühne als Tribunal der Politik zuwandten. Diese Tendenz widerstrebte ihm. In Christiania hatte Reinhardt 1915, mitten im Weltkrieg, kosmopolitisch bekundet: "Die Kunst ist ein wahrhaft neutrales Land und ihre Güter sollten jederzeit ohne Rücksicht auf Nationalität ein- und ausgeführt werden."

In seiner Heimat Österreich fand Reinhardt ein Refugium für seine Theaterpläne. "Immer dann, wenn man spürt, dass sich Routine einschleicht, sollte man etwas Neues machen", war seine Maxime. Die enge Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal, die früh einsetzte, hatte 1911 im Zirkus Schumann zur Uraufführung des "Jedermann" geführt. Nun wurde das Mysterienspiel 1920 auf dem Domplatz zum Eröffnungsstück der Salzburger Festspiele, die Reinhardt zusammen mit Hofmannsthal, Richard Strauss, dem Bühnenbildner Alfred Roller und dem Wiener Hofoperndirektor Franz Schalk begründete. Ohnehin gehörte das barocke Konzept des festlichen Welttheaters wesenhaft zu Reinhardts Theaterbemühen.

Im halbverfallenen Barockschloss Leopoldskron, das er 1918 erwarb und aufwendig restaurierte, führte er sowohl im Innern wie im Garten kleine Festspiele auf, während das große Festival der Stadt bald um exzellente Konzerte, Ballett- und Opernproduktionen erweitert wurde.

Reinhardts Vermächtnis#

In Wien, wo er im Sommer 1922 zunächst den Redoutensaal der Hofburg bespielt hatte, erwarb der "Theatersammler" Reinhardt 1924 mit Hilfe des Finanzjongleurs Castiglioni das Theater in der Josefstadt und ließ es nach dem Vorbild des venezianischen Teatro La Fenice umbauen. Es wurde sein Meisterstück. Zusammen mit dem wieder übernommenen Deutschen Theater in Berlin leitete er es bis 1933, dem Beginn der Barbarei, die ihn schließlich, Ende 1937, auch aus Österreich vertrieb.

Theater ist Wahrheitssuche mit Mitteln der Illusion. Dies mit allen Kräften seines unerschöpflichen Ingeniums wieder belebt zu haben, ist, neben seinen vielerorts gegründeten Schauspiel-Schulen, Reinhardts Vermächtnis. Er hinterließ keine "Theorie", nur Briefe, Reden, Regiebücher, Zeitzeugenberichte. Es gibt keinen "Reinhardt-Stil", nur Schönheit der Darstellung und Ehrlichkeit der Menschenerkundung. Dieser Theatermagier war einzigartig, und so ist es nur selbstverständlich, dass er keine Nachahmer fand, ja dass eine Nachahmung für das heutige Theater weder fruchtbar noch angemessen sein kann.

Das Theater beweist sich als transitorische Gattung: Was für die Vergangenheit galt, kann für die Gegenwart keine Endgültigkeit beanspruchen. Die skeptische Frage zur künftigen Bedeutung des Theaters allerdings, die Reinhardt in seinem letzten Lebensjahr 1943 hinterließ, trifft heute mehr denn je den Wesenskern unserer Theaterkunst: "Die Menschen dieser Zeit . . . wappnen sich mit einer gewissen Unempfindlichkeit gegen alles, was sie nicht persönlich betrifft. Werden sie sich ein erdichtetes Schicksal wirklich zu Herzen gehen lassen?"

Oliver vom Hove lebt als Dramaturg, Literaturwissenschafter und Publizist in Wien.

Wiener Zeitung, 27. Oktober 2018