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Die Ehre des Handwerks#

(Ein Blick auf die nächsten Umbrüche des Metiers)#

von Martin Krusche

Prolog#

1) Die Auge-Hand-Koordination gilt als wichtige Grundlage unseres Lebens. Man spricht von visuomotorischen Leistungen, welche zu den wesentlichen Aspekten unserer kognitiven Entwicklung gehören. Gewöhnlich entwickelt ein Baby gleich in den ersten Lebensmonaten die Fähigkeit zur Hand-Mund-Koordination und zur Auge-Hand-Koordination. Im Zeitraum von zwei bis fünf Monaten sollte es ihm dann gelingen, nach einem Objekt zu greifen, das hingehalten wird, die folgenden zwei Monate übt ein Baby das Greifen nach einem Objekt außer Reichweite. Innerhalb des ersten Lebensjahres sollte ein Kind fähig sein, ein Objekt mit seinen Händen sicher zu manipulieren.

Vor allem Ungeübte finden schnell heraus: Je weniger das Werkzeug leistet, desto mehr müssen die Hände zuwege bringen – (Foto: Martin Krusche)
Vor allem Ungeübte finden schnell heraus: Je weniger das Werkzeug leistet, desto mehr müssen die Hände zuwege bringen – (Foto: Martin Krusche)

2) Vom 26. bis 30. März 1979 war der amerikanische Künstler Chris Burden damit beschäftigt, in Vancouver (Kanada) mit Schaufel und Krampen eine Künette auszuheben. Burden hatte sich für diesen Graben „keine bestimmte Länge als Ziel gesetzt und auch kein anderes Ergebnis ins Auge gefaßt, sondern wollte nur in den Stunden, die ich bestimmt hatte, vor mich hin graben“. Burden nannte das Projekt „Honest Labor“, ehrliche Arbeit. Damit markierte Burden demonstrativ zwei Optionen. Es kann für jemanden wohltuend sein, zur Entspannung eine Weile körperliche Arbeit zu tun, die keiner komplexeren Aufgabe gewidmet ist. Solche Tätigkeit kann aber auch als sinnentleerte körperliche Strapaze eingesetzt werden, um jemanden zu brechen.

3) Im Ersten Buch Mose 3:19 (Genesis) finden wir die Worte: „Im Schweiße deines Angesichts / sollst du dein Brot essen, / bis du zurückkehrst zum Ackerboden; / von ihm bist du ja genommen. / Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.“ Die Erfahrung zeigt, daß wir gewöhnlich kein Problem mit dem Schweiß im Angesicht haben, wenn uns mühsame Arbeit sinnvoll erscheint, womöglich Vergnügen bereitet, weil sie uns einem gewünschten Ergebnis näherbringt. Dabei spielt auch Selbstbestimmung eine große Rolle. Wird einem Menschen beides genommen, Sinn und Selbstbestimmung, sind Probleme vorprogrammiert.

4) Im Februar 2018 berichtete Jan Dönges im Magazin Spektrum der Wissenschaft über „ein vielköpfiges internationales Forscherteam um Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, das von einem Fund fasziniert wurde. Vorerst galt: „Höhlenmalerei schien bislang unseren direkten Ahnen vorbehalten, dem anatomisch modernen Menschen. Das ergab sich allein schon aus der Tatsache, dass die ältesten bekannten Darstellungen aus einer Zeit vor wenig mehr als 40.000 Jahren stammten – just also aus dem Zeitraum, als unsere Vorfahren mit moderner Werkzeugtechnologie im Gepäck aus Afrika kommend in Europa eintrafen.“

Man nahm bis vor kurzem noch an, die Neandertaler seien diesem Homo sapiens kulturell und geistig unterlegen gewesen. „Und nun gleich drei quer über ganz Spanien verteilte Höhlen mit Malereien“ ,mit einem Mindestalter zwischen 64.800 und 66.700 Jahren. Dazu noch eine Notiz bezüglich perforierter und gefärbter Muschelschalen aus der Cueva de los Aviones: „Vor rund 115.000 Jahren nutzten Neandertaler die (womöglich natürlich durchlöcherten) Schalen – vielleicht als Anhänger für eine schmückende Halskette.“

Diese Zeilen mögen einen Eindruck verschaffen, über welchen Zeitraum der Mensch sich darin übt, Dinge herzustellen, die nicht bloß praktischen Anwendungen gewidmet sind, sondern auch symbolischen Zwecken. Im heutigen Sprachgebrauch wäre das eine Verteilung der Talente auf Handwerk und Kunsthandwerk, um schließlich in jene Bereiche zu münden, die wir der Kunst zuschreiben.

Auf der Schwelle#

„Was ich kann, wird heute nicht mehr gebraucht. Das wird mit mir sterben.“ Der Spengler Walter Pillich sagte das völlig unaufgeregt, denn es schien ihm hinreichend zu sein, daß er es in seinem Metier zu bemerkenswerter Meisterschaft gebracht hatte. An jenem Abend war er mit dem restaurierten Motorradtank einer seltenen Grindlay Peerless angekommen. Sigi Cmyral, Sohn eines in den 1920er und 1930er Jahren im Motorsport höchst erfolgreichen Werksfahrers bei Puch, nahm das Stück vergnügt entgegen und sagte: "Bei uns kann das ja keiner mehr. Ich hätte noch einen in Ungarn gewußt, da fahr ich 300 Kilometer." Pillich grinste und erwiderte: "Da werd ich dir noch das Kilometergeld auf den Preis aufschlagen."

Benzinreste nach Jahrzehnten in einem vergessenen Werkstück – (Foto: Martin Krusche)
Benzinreste nach Jahrzehnten in einem vergessenen Werkstück – (Foto: Martin Krusche)
Handwerksqualität zur Rettung des Motorrad-Tanks einer alten Grindlay Peerless – (Foto: Martin Krusche)
Handwerksqualität zur Rettung des Motorrad-Tanks einer alten Grindlay Peerless – (Foto: Martin Krusche)

Der Tank hatte gut ein halbes Jahrhundert an einer Schuppewand gehangen, mit Benzin gefüllt, was jemand mitunter tut, um das Rosten zu verhindern. Vermutlich wurde der Tank dann vergessen. So bildete sich eine Ablagerung, die aussieht wie trübes Glas. Pillich brachte die Substanz zutage, als er den Tank zerlegte. Ein merkwürdiger Stoff, von dem ich ein Stück mitnehmen durfte. Ein kleiner Klumpen, der in der Hand liegt und aussieht, als wäre es ein Stück Gummi Arabicum, woraus man einen Klebstoff machen kann, den mein Vater einst beim Anlegen von Fotoalben verwendet hat.

Von der erwähnten Grindlay Peerless wurden einst 40 Einheiten gebaut. Jene von Cmyral ist mit einem Rudge-Motor versehen. Diese Betriebe – Rudge und Grindlay Peerless – waren seinerzeit Nachbarn in Coventry, einem britischen Industriezentrum, dem Österreich das Steyr/Puch Waffenrad verdankt. Dieses Waffenrad ist ursprünglich ein Lizenzprodukt gewesen, das die Waffenschmiede in Steyr Ende des 19. Jahrhunderts von der Firma Swift aus Coventry übernommen hat.

Das ist erwähnenswert, weil eben dieses Fahrrad in seiner alten Bauweise etwas repräsentiert, worüber wir schon öfter Debatten geführt haben. Es wurde auf hohem handwerklichem Niveau gefertigt, wodurch es zu einem Inbegriff für Qualität avancierte. An jenem Abend saßen wir rund um den Tisch von Ferdinand „Fredi“ Thaler, der genau das verkörpert, was auch Cmyral und Pillich ausmacht. Selbst Manfred „Hasi“ Haslinger, der ursprünglich aus der Versuchsabteilung kommt, also Ingenieur ist und mit Entwicklung befaßt war, wischt seinen Titel heute eher beiseite, zeigt in Thalers Werkstatt, wovon ich zu erzählen hab. Die Ehre des Handwerks.

Was unterscheidet den Industriearbeiter vom Handwerker? Am Beispiel dieser Männer kann einem davon etwas deutlich werden. Sie haben allesamt ihr Brot im Grazer Puchwerk verdient, in den Hallen des Einserwerkes (Puchstraße) und im Zweierwerk (Thondorf), also zu ihrer Zeit im Dienst der Steyr-Daimler-Puch AG. Das heißt, sie waren für die Massenproduktion von Großserien tätig. Aber darin pflegten sie jene Eigenschaften, mit denen sie sich heute noch, längst nach der Pensionierung, laufend neue Aufgaben suchen. Das ist kein Herunterstanzen von Komponenten in einem einzelnen Abschnitt des Produktionsverlaufes, wo Aufgaben und Arbeitstempo vorgegeben sind. Es ist ein selbstbestimmten Arbeiten am Ganzen, heute müßte man sogar sagen: eine Arbeit am ganzen Leben.

Das handelt von sehr weitreichenden Kompetenzen, die noch nicht an die EDV abgegeben wurden. Materialkenntnis, Handfertigkeit, die Fähigkeit, individuelle Lösungen zu finden. Dabei kann man bei ihnen auch eine Art Handwerks-Ethos feststellen. In der Sache hab ich da zwei wesentliche Bereiche kennengelernt. 1) Man sagt nur, was man kann, denn man kann, was man sagt. 2) Man glänzt nicht vor der Welt, sondern macht einen guten Job. Es läßt sich nicht verallgemeinern, aber da ist ein Kreis von Handwerkern, die es mit diesen Dingen so halten. Dabei zeigen sie sich stets mit ihren aktuellen und nächsten Aufgaben beschäftigt, was sie nicht als Broterwerb tun, sondern aus Leidenschaft für solche Arbeiten.

Die Altmeister als Gewährsleute einer versinkenden Welt des Handwerks: Fredi Thaler (links) und Erwin Ortner (†) – (Foto: Martin Krusche)
Die Altmeister als Gewährsleute einer versinkenden Welt des Handwerks: Fredi Thaler (links) und Erwin Ortner (†) – (Foto: Martin Krusche)

Derlei kam beispielsweise zum Tragen, als „Getriebe-Papst“ Erwin Ortner zu verabschieden war. Ausgerechnet am 1. Mai, dem traditionellen „Tag der Arbeit“, starb der Puchianer nach beeindruckenden 90 Jahren, von denen er (zwischen 1927 und 2017) den größten Teil seiner Arbeit gewidmet hatte. Beim gemeinsamen Totenmahl in einem Grazer Brauhaus dauerte es nicht lange und all die Handwerker besprachen ihre aktuellen Projekte, auch so manche technische Frage, die dabei gerade offen war. Es ging um ihre Arbeit, um ihre Aufgaben, um knifflige Momente und versierte Ratschläge. Dabei war dann schon auch ab und zu vom Toten die Rede und es bestand weitgehend Konsens, daß es im Brauhaus genau richtig zuging, daß es die passende Art war, Erwin Ortner abschließend zu würdigen; im Gespräch über die Angelegenheiten, denen auch er sich verschrieben hatte.

An diesen Männern finde ich viel, was sehr plausibel erscheint, wenn wir darüber nachdenken, was jemand können und leisten mußte, um etwa dort sein Brot zu verdienen, wo das Geld allerweil knapp war. Also nicht unter den Hoflieferanten, die ganz anderen Anforderungen ausgesetzt blieben, sondern in jenem sozialen Umfeld, wo alle Menschen einem harten Leben ausgesetzt sind, bei dem Mangel zum Alltag gehört. Die subalternen Schichten hatten es in der „guten alten Zeit“ ja nicht gar so gut.

Freude am Maschinenbau#

Seit die Menschen im Neolithikum seßhaft wurden und den Ackerbau entwickelten, ist von einer endlosen Plackerei zu reden, die bis in unsere Zeit heraufreicht. Die umfassende Maschinisierung der Landwirtschaft fand erst nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Die enorme Produktivitätssteigerung, wie sie durch technische Innovationen, durch neues Saatgut, Kunstdünger, Kraftfutter, Pestizide etc. erreicht werden konnte, ist ein geschichtlich sehr junges Phänomen. Vorher war der Ackerbau mit ständigen Mühen verbunden, die Gefahr von Mißernten permanent gegeben.

Das erfuhr Europa besonders radikal, als im Jahr 1815 der Vulkan Tambora auf der Insel ‎Sumbawa‎ (Indonesien) ausbrach und so viel Material in die Atmosphäre schleuderte, daß unsere Leute eine enorme Klimakatastrophe erlebten, die Mißernten verursachte, Hungersnöte und vor allem auch ein erhebliches Pferdesterben. Damit entfiel der Wirtschaft ein bedeutendes Maß an Traktionskraft, denn die Pferde waren als Zugtiere bis zum Zweiten Weltkrieg herauf eine unverzichtbare Kraftquelle, die durch ihr höheres Tempo den an und für sich stärkeren Ochsen überlegen waren.

Im Kielwasser dieser Probleme entfaltete sich nach dem Tambora-Ausbruch ein Schub technischer Innovationen, vor allem über die Verbreitung der Dampfmaschinen. Es tauchte auch das Fahrrad auf. 1817 präsentierte Karl Drais sein Laufrad. Das Handwerk erschloß sich neue Betätigungsfelder. Aber eigentlich kann man seit dem Neolithikum sagen: Keine technische Revolution ohne agrarische Revolution. (Das illustriert zum Beispiel die Geschichte des Pfluges sehr anschaulich.)

Fredi Thaler (links) und Walter Pillich – (Foto: Martin Krusche)
Fredi Thaler (links) und Walter Pillich – (Foto: Martin Krusche)
Sigi Cmyral – (Foto: Martin Krusche)
Sigi Cmyral – (Foto: Martin Krusche)
Manfred Haslinger – (Foto: Martin Krusche)
Manfred Haslinger – (Foto: Martin Krusche)

Für unsere Kultur und für Europa gilt, daß die Mühlen in der Tiefe der Geschichte zu einem wichtigen Anlaß wurden, handwerkliches Geschick und technisches Verständnis voranzubringen. Windmühlen, aber vor allem Wassermühlen. Heinrich Bortis meint darauf bezogen: „Die West- und Zentraleuropäer bekamen mit der Zeit Freude am Maschinenbau!“

Er weist in seinen „Schriften zur Politischen Ökonomie“ darauf hin, daß bereits das Mittelalter eine überraschend starke ökonomische und technische Dynamik aufwies, in der Mühlen als Energiequelle genutzt wurden und eine Maschinenbautradition anregten, „die schon im Frühmittelalter einsetzte“.

Bortis: „Die mittelalterlichen Institutionen regeln das Wirtschaftsleben bis zur industriellen Revolution (z.B. die Zünfte; das Handwerk ist Ausgangspunkt für die Entwicklung über die Manufaktur zur Fabrik).“ Er führt weiter aus, daß im Mittelalter „auch die sozialen Voraussetzungen für den Handelskapitalismus (etwa 1500-1750) und das Industriezeitalter (ab 1770-80)“ entstehen. „…in den west- und zentraleuropäischen Städten entsteht nämlich das europäische Wirtschaftsbürgertum.“

Bortis erwähnt überdies den österreichischem Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael Mitterauer, der noch weiter ginge: „Nach ihm hat bereits das frühe Mittelalter die allgemeinen Grundlagen für die moderne europäische Entwicklung gelegt; im Hochmittelalter haben dann die Versammlungen der Stände – Adel, Geistlichkeit und später das Bürgertum – die Grundlagen zur Herausbildung des europäischen Parlamentarismus und der Demokratie gelegt.“

Interessant ist im Nachdenken über die Geschichte des Handwerks, was erst ein recht junger Fund uns aufdeckte: Im antiken Griechenland war nicht nur allerhand Wissen über mechanische Themen vorhanden, es gab auch spezielle Kompetenzen im Bereich der Feinmechanik, die man gegenwärtig gar nicht für möglich gehalten hatte. Das ist durch den Mechanismus von Antikythera belegt, dessen Zahnräder und Zifferblätter zur Zeit des Fundes (im Jahr 1900) nicht erkannt und gedeutet werden konnten. Erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts legten Fachkräfte mit neuen Untersuchungsmethoden nach und nach offen, welche handwerkliche Meisterleistung in diesen Überresten steckt.

Ich hole nur kurz so weit aus, um einen Eindruck zu geben, welche lange Tradition wir Menschen haben, auf daß einige unter uns ihre Hände trainieren, damit sie schwierige Werkstoffe bearbeiten zu können. Zugleich setzen auch ihren Verstand und alle anderen Gaben ein, damit das Handwerk bedeutende Momente hat. Die Betonung liegt hier, gemäß dem oben erwähnten Ethos, auf den bedeutenden Momenten des Handwerks, nicht der Handwerker. Das darf keinesfalls generalisiert werden, es ist bloß so ein Gedankenspiel, mit dem wir den Intentionen einiger Menschen von auffallendem Geschick auf die Spur kommen können. Es gibt übrigens auch keinen Grund, das Handwerk zu idealisieren.

Hermann Bausinger schreibt in seinem Aufsatz „Arbeit und Freizeit“ zum Beispiel: „Die Hausweber saßen auch noch nach der Jahrhundertwende oft wochenlang 16 bis 18 Stunden täglich an ihrer Arbeit, wenn sie Aufträge vorliegen hatten und wenn sie die Anstrengung durchstanden. Und auch in der Landwirtschaft hatte die Mechanisierung die Arbeit für viele noch intensiver und schwerer gemacht.“

Ein anderes Beispiel Bausingers ist im Bereich der Feinmechanik angesiedelt, wonach in der Uhrenindustrie. Da reichte „die Arbeitszeit bis um 1850 herum »sommers von 4 Uhr, winters von 5 Uhr frühmorgens bis abends zwischen 8 und 10 Uhr«; am Samstag wurde gleich lang wie an anderen Werktagen gearbeitet, und selbst der Sonntag mußte manchmal noch zur Erledigung der Aufträge genutzt werden. Das ergibt eine durchschnittliche Arbeitszeit von etwa 15 Stunden täglich, eine wöchentliche Arbeitszeit von 90 Stunden.“

Solche Werke der Schnitzerei kommen natürlich auch ohne Maschinen aus – (Foto: Martin Krusche)
Solche Werke der Schnitzerei kommen natürlich auch ohne Maschinen aus – (Foto: Martin Krusche)
Das Flechten und Binden erledigen längst Maschinen – (Foto: Martin Krusche)
Das Flechten und Binden erledigen längst Maschinen – (Foto: Martin Krusche)
Der Maßschuh markiert anschaulich die Grenze zwischen Handwerk und Nicht-Handwerk – (Foto: Martin Krusche)
Der Maßschuh markiert anschaulich die Grenze zwischen Handwerk und Nicht-Handwerk – (Foto: Martin Krusche)

Darin liegt übrigens ein Querverweis zur Bedeutung des Brauchtums, denn die Menschen hatten keine gesicherte Freizeit, um sich von der Arbeit zu erholen. Meist waren es nur kirchliche Feiertage und Feste, die einem Verschnaufpausen eröffneten. Bausinger bietet in seinem Text eine interessante kleine Übersicht, die uns bei der Orientierung in der Zeit und den Entwicklungen hilft, zumal sich derzeit in der Vierten Industriellen Revolution die Arbeitswelten und die anfallenden Arbeitszeiten erneut radikal verändern werden:

„Aufgrund der verschiedensten Angaben aus der Industrie kam man zu den folgenden Mittelwerten: 1850: 85 Arbeitsstunden wöchentlich, 1870: 78 Arbeitsstunden, 1890: 66 Arbeitsstunden, 1910: 59 Arbeitsstunden, 1940: 49 Arbeitsstunden in der Woche. 1960 sind es durchschnittlich 46 Arbeitsstunden, 1975 noch 40,5. Je weniger Arbeitsstunden, desto mehr Freizeit. Zählt man alles außer den Schlafstunden zur Freizeit, dann kann man sagen, daß sich schon um 1940 Arbeitszeit und Freizeit die Waage hielten. Nimmt man als Freizeit nur die Stunden, in denen jemand weithin frei über seine Zeit verfügen kann, dann verschiebt sich das Verhältnis. Aber auch dann sind wir heute fast an dem Punkt angelangt, in dem sich die Schere überkreuzt, von dem an also die Freizeit umfangreicher sein wird als die Arbeitszeit.“

Aus eigener Anstrengung etwas schaffen#

Beachten wir diesen Punkt, in dem sich die Schere überkreuzt, von dem an also die Freizeit umfangreicher sein wird als die Arbeitszeit. Das scheint interessant, weil sich hier etwas auftut, was zukünftig im Privatleben Teile jenes Handwerks bedeutend machen könnte, die aktuell in der Wirtschaft nicht mehr gebraucht werden. Es ist ja so, daß viele Menschen eine tiefe Befriedigung daraus beziehen, wenn ihnen etwas aus eigener Anstrengung gelingt. Dabei spielt Handfertigkeit allgemein oft eine wichtige Rolle.

Wenn wir also aus verschiedenen Gründen in Verhältnisse kommen, wo technische Innovationen die Arbeitswelt verändern und eine Verschiebung im Verhältnis von Arbeitszeit (zum Broterwerb) und Freizeit bewirken, wird die Frage nach sinnvollem, weil sinnstiftendem Tun für Menschen auf neue Art brisant. Was wir bisher seitens der Freizeitindustrie kennengelernt haben, steht teilweise in hartem Kontrast zu dem, was man erleben kann, wenn man Meisterinnen und Meister in ihren Werkstätten besuchen darf. Das verweist auf Bruchstellen im Unterschied zwischen Konsumation und Partizipation, zwischen befriedigendem Tun, womöglich als schöpferischer Akt, und dem Unterhaltenwerden.

Es ist ganz normal und nicht zu verhindern, daß so mancher Beruf aus der Arbeitswelt verschwindet, weil neue Technologien Platz gegriffen haben. Damit gehen auch diverse menschliche Fertigkeiten völlig verloren. Das Buch „Verschwundene Arbeit“ von Rudi Palla nennt etliche Tätigkeiten, die wir ohne Erläuterung gar nicht mehr identifizieren könnten. Zum Beispiel: Bartenhauer, Buntmacher, Posamentierer, Säumer etc. Andrerseits sind in all diesen vom Verschwinden bedrohten Bereichen zahlreiche Kompetenzen, ein reiches Fachwissen präsent. Das könnten wir als kulturellen Schatz begreifen, den eine Gesellschaft nicht aufgeben sollte. Überdies werden wir uns zum Thema sinnstiftende Tätigkeiten ganz neuen Fragen stellen müssen, wo gerade ein Ende der Massenbeschäftigung, wie wir sie heute kennen, am Horizont erscheint.

Das mag man beunruhigend finden, aber die jetzigen Modi dar Arbeitswelt sind ja geschichtlich auch bloß Episoden. Von der Taschenuhr (15. Jahrhundert) über das (Lokomotiven-) Rennen von Rainhill (1829) und die Verbreitung der Eisenbahn zur vollen Industrialisierung vieler Teile der Welt sind nur ein paar Jahrhunderte vergangen. Unsere 40 Stunden-Woche ist nicht in Stein gehauen, sondern bildet eine konkrete soziokulturelle und politische Entwicklung einer bestimmten Epoche ab. Arbeitsbegriffe und Arbeitsethos folgen den wirtschaftlichen Veränderungen.

Aktuell wissen wir von manchen Handwerksbereichen, die in Österreichs Ökonomie noch eine Rolle spielen. Andere sind schon Geschichte und tauchen zum Teil bloß noch in musealen Zusammenhängen und in Büchern auf. Manche sind an einer Kippe, die uns derzeit im Unklaren läßt, wohin da Entwicklungen ausschlagen werden, wobei allerhand Kompetenzen nur mehr von Menschen repräsentiert werden, die jetzt zwischen Mitte 70 und Anfang 90 sind. Vieles davon ist nicht dokumentiert, sondern bloß noch in diesen - so könnte man sagen - lebenden Kulturdenkmälern präsent.

Arbeit um ihrer selbst willen gut machen#

Richard Sennett verweist in seinem Buch über das Handwerk auf Denis Diderot und die epochale „Enzyklopädie“. Diese „Enzyklopädie oder ein durchdachtes Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke“, zwischen 1751 und 1780 in 35 Bänden erschienen, ist ein bedeutendes Werk der Aufklärung. Sennett: „Sie feierte jene Menschen, die sich bemühten, die Arbeit um ihrer selbst willen gut zu tun und der Handwerker galt ihr als Symbolgestalt der Aufklärung.“

Das Kratzerl: Peter Mosers Lehrberuf des Bürsten- und Pinselmachers wird von der Wirtschaft nicht mehr gebraucht – (Foto: Martin Krusche)
Das Kratzerl: Peter Mosers Lehrberuf des Bürsten- und Pinselmachers wird von der Wirtschaft nicht mehr gebraucht – (Foto: Martin Krusche)
Stoff und Leder: Bernhard Laglers Hendwerks-Kompetenzen werden etwa für die Innenaustattungen von Luxusautos beansprucht.– (Foto: Martin Krusche)
Stoff und Leder: Bernhard Laglers Hendwerks-Kompetenzen werden etwa für die Innenaustattungen von Luxusautos beansprucht.– (Foto: Martin Krusche)
Buchbinder Johann Kober wurde von maschinellen Fertigungsstraßen bis heute nicht vom Markt verdrängt – (Foto: Martin Krusche)
Buchbinder Johann Kober wurde von maschinellen Fertigungsstraßen bis heute nicht vom Markt verdrängt – (Foto: Martin Krusche)

Die Popkultur hat uns in den 1970er Jahren erstaunlichen Bucherfolg erlebt, den der Autor mit einer kleinen Referenz an Platon eingeleitet hat: „Was aber gut ist, Phaidros, und was nicht – müssen wir danach erst andere fragen?“ Robert M. Pirsig hat in „Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten“ ein kurioses Pendeln zwischen Handfertigkeit, Reparaturarbeiten, Lebensfreude und Philosophie beschrieben.

Es ist ein markantes Werk, das diese Querverbindungen zwischen körperlicher Arbeit und Denken im Ausleben kultureller und spiritueller Bedürfnisse illustriert, auch wenn sich Pirsig dabei etwas Pathos leistet, wie ihn die eingangs erwähnten Handwerker eher nicht aufgreifen würden. Zitat: „Wir aber, sagt Kant, sind nicht wie dieser junge Mann. Wir haben eine sehr reale Vorstellung von einem Motorrad a priori, dessen Existenz zu bezweifeln wir keinen Grund haben und dessen Realität sich jederzeit verifizieren läßt. Dieses Motorrad a priori wurde im Laufe vieler Jahre in unserer Vorstellung aus ungeheuren Mengen von Sinneseindrücken zusammengesetzt und ändert sich laufend mit dem Empfang neuer Sinneseindrücke. Manche der Veränderungen an diesem besonderen apriorischen Motorrad, das ich fahre, vollziehen sich sehr rasch und sind nur von kurzer Dauer, beispielsweise sein Verhältnis zur Straße.“

Im Jahr 2016 haben Heidrun Bichler-Ripfel, Roman Sandgruber und Maria Walcher eine Studie verfaßt, die uns in solchen Dingen auf ein nüchterneres Terrain zurückbringt: „Traditionelles Handwerk als immaterielles Kulturerbe und Wirtschaftsfaktor in Österreich“. Darin heißt es an einer Stelle: „Der Einsatz von Maschinen und modernster Technologie ist im Handwerk gestiegen. Daraus resultieren Effizienzsteigerung und Arbeitserleichterung.“ Das hilft dann auch ein wenig, jene Volkskultur in der technischen Welt zu beachten, die seit dem späten 18. Jahrhundert Realität ist, aber in unseren kulturellen Erörterungen kaum vorkommt. Diverse Kulturreferate und Kulturinitiativen lassen bei diesem Thema lieber auf vormoderne Erscheinungsformen blicken, bei denen Maschinen nur eine marginale Rolle spielen, wie etwa Korbflechten, Töpfern, Schnitzen, Kerzerlziehen etc.

Die Studie betont: „Wo es durch ein überwiegendes Maß an maschineller Fertigung zu geringerer handwerklicher KönnerInnenschaft kommt, sehen ExpertInnen den fließenden Übergang zwischen Handwerk und Nicht-Handwerk.“ Das hilft bei den Überlegungen, wo denn nun Grenzen zwischen Handwerk und Industriearbeit verlaufen, also zwischen Handwerk und Nicht-Handwerk. Damit ist zusätzlich verdeutlicht, was die Männer auszeichnet, von denen ich hier eingangs erzählt habe.

Es finden sich in der Studie einige Kriterien und Orientierungshilfen. Zum, Beispiel: „Die Herstellung, Installation, Wartung, Pflege und Reparatur von Sachleistungen erfolgt zumindest teilweise mit manueller Führung. Die Unterstützung von Maschinen ist kein Ausschlusskriterium, doch die Bedeutung und der Schwerpunkt der traditionell handwerklichen Arbeitsweise liegen bei der menschlichen anstelle der maschinellen Arbeitsleistung.“

In Nischen wird benötigt, was die Industrie verabschiedet hat: Handwerker Roman Hold, ein Maschinist von subkulturellen Sonderfällen – (Foto: Martin Krusche)
In Nischen wird benötigt, was die Industrie verabschiedet hat: Handwerker Roman Hold, ein Maschinist von subkulturellen Sonderfällen – (Foto: Martin Krusche)
Umfassende Materialkenntnisse plus Handfertigkeit, um beim Bau von Unikaten Stahl, Glas, Leder, Gummi und Lackschichten zu bewältigen – (Foto: Martin Krusche)
Umfassende Materialkenntnisse plus Handfertigkeit, um beim Bau von Unikaten Stahl, Glas, Leder, Gummi und Lackschichten zu bewältigen – (Foto: Martin Krusche)

Das mag uns nützen, da wir gerade einen nächsten Modernisierungsschub erleben, wo nun EDV-gestützte Maschinensysteme in immer mehr Tätigkeitsbereiche vordringen, die ursprünglich nur von Menschen belebt waren: „Die Leitfigur des traditionellen Handwerksbetriebs steht an vorderster Front und ist für die Kundschaft erreichbar. Sie ist zumindest noch teilweise in den Arbeitsprozess eingebunden und imstande, die wertschöpfenden Arbeitsschritte selbst auszuführen.“ Das unterstreicht, worin sich Handwerksbetriebe schon die letzten 200 Jahre von Industriebetrieben unterschieden haben.

Und hier finden wir in der Studie dann die inhaltlichen Schnittstellen zur Volkskultur, sogar zur Gegenwartskunst: „Der Begriff »Hand-Werk« ist weiters nicht rein buchstäblich auf manuelle Tätigkeiten beschränkt auszulegen, sondern weiter zu fassen. Einerseits bedeutet der körperliche Einsatz nicht ausschließlich die Arbeit mit den Händen. Es ist die physische Kraft ebenso gefragt wie haptisches, sinnliches Verständnis für Material und klimatische Bedingungen. Andererseits erfordert hochqualitatives traditionelles Handwerk Bildung sowie geistige, ideelle, philosophische, künstlerische, ethische und soziale Kompetenzen, die in der Persönlichkeit, im Wesen, im Charakter und im Geist der TrägerInnen traditionellen Handwerks verankert sind.“

Als vorläufiges Schlußwort zitiere ich Landesrat Anton Pelzmann, vormals Vizepräsident der Kammer der gewerblichen Wirtschaft für Steiermark. Er verfaßte 1970 eine kleine Reflexion für das Handbuch zur 5. Landesausstellung „Das steirische Handwerk“. Diese Episode liegt also fast schon ein halbes Jahrhundert zurück und stammt aus jener Zeit, da die Dritte Industrielle Revolution als die Digitale Revolution unser aller Leben gerade weitreichend durchdrang. Pelzmann schrieb: „Die Zeit, in der das Sprichwort ‚Handwerk hat goldenen Boden’ noch seine Berechtigung hatte, gehört der Vergangenheit an. Gerade im Handwerk wie in keinem anderen Bereich der Wirtschaft fallen die überholten Strukturen und neue Erwerbszweige tauchen auf, die mit Mut und Initiative bewältigt werden müssen.“


seit jahrhunderten, bis 1970, sieb-boden-weberei -> http://regiowiki.at/wiki/Emmerich_Gamauf

-- gamauf gerald antal, Montag, 19. März 2018, 11:43