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Revolution in der Wissenschaft durch Computer und Internet#

Von Dr. Max Haller, em. Univ.- Prof.für Soziologie, Institut für Soziologie der Karl Franzens-Universität Graz

Durch den Aufstieg des Computers und die moderne Informatik wurde das wissenschaftliche Arbeiten revolutioniert und insbesondere auch für Studierende und junge Nachwuchswissenschaftler enorm erleichtert.

Zu der Zeit, als ich in Wien Soziologie studierte (1966-1974), gab es noch kein Internet. Man konnte sich wissenschaftliche Literatur ausschließlich durch eigene Recherchen in Bibliotheken, physisches Ausheben von Büchern und Zeitschriften und ggf. Kopieren wichtiger Kapitel und Artikel beschaffen. Damit ging ein enormer Zeitaufwand einher – oft waren Bücher und Zeitschriften ja nur in unterschiedlichen, über ganz Wien verstreuten Bibliotheken verfügbar. Was noch frustrierender war: ein großer Teil der gesuchten Literatur war nirgends verfügbar oder – was besonders ärgerlich war – in den jeweiligen Bibliotheken nicht greifbar, weil auf Dauer entlehnt oder einfach nicht mehr vorhanden. Da ich ein fleißiger Leser und Sammler von Literatur war, häuften sich im Laufe der Zeit Dutzende von Ordnern mit abgehefteten Kopien wissenschaftlicher Literatur in meinem Arbeitszimmer und zuhause; ich besitze und nutze diese auch noch heute. Im Laufe der Zeit entstand dadurch jedoch ein veritables Regal- und Raumproblem; es wurde immer schwieriger, die notwendigen Ablageflächen bereitzustellen.

Heute kann man sich wissenschaftliche Literatur in ungleich leichterer und effizienterer Weise über Internet besorgen. Erste Recherchen über wikipedia und elektronisch verfügbare Abstracts-Zeitschriften ermöglichen bereits einen ersten, meist schon recht umfassenden Überblick über die Literatur. Viele der gesuchten Arbeiten kann man sich dann im Internet selbst direkt oder über entsprechende Dienste (z.B. JSTOR) beschaffen. Auch die Lagerung stellt im Prinzip kein Problem mehr dar, kann man doch alles meist auch elektronisch abspeichern. Ich bin allerdings noch weitgehend beim gewohnten Ausdrucken der Papers geblieben – ebenso wie beim eigenen Kaufen von Büchern – geblieben, weil ich dadurch während des Lesen beliebig unterstreichen, markieren und Notizen einfügen kann. Dies erleichtert es dann ungemein, wenn man ein Buch oder einen Artikel für eine eigene Arbeit zitieren will, da man nicht mehr das Ganze nochmals lesen muss. (Technisch ist dies heute allerdings auch schon elektronisch möglich). Dass von dieser Revolution vor allem Studierende und junge Forscher, die oft nur eingeschränkten Zugang zu Bibliotheken und begrenzte Kopiermöglichkeiten haben, profitieren, liegt auf der Hand. Darüber hinaus kann man sagen, dass dadurch auch der Literaturzugang von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an wissenschaftlichen Einrichtungen in Ländern des globalen Südens enorm verbessert wird; in diesen Ländern ist für die neuen Universitäten die Anschaffung umfangreicher Bibliotheken bzw. das Abonnement teurer gedruckter Zeitschriften vielfach unmöglich. Dies konnte ich selbst im Rahmen meiner Lehrtätigkeit an der St. Augustine University of Tanzania in den Jahre 1009 und 2010 feststellen.

Nicht nur erleichtert, sondern auf eine ganz neue Dimension gehoben wurde auch die statistische Auswertung von quantitativen und qualitativen Daten in der empirischen Sozialforschung. Für meine Dissertation verwendete ich einen Datensatz aus einer Umfrage unter 1300 berufstätigen Frauen in Wien und Niederösterreich, wie wir unter Leitung des seinerzeitigen Soziologieprofessors Leopold Rosenmayr durchgeführt hatten. Es ist heute kaum mehr vorstellbar, dass wir allein für einfache statistische Auswertungen (Erstellung von Tabellen, Berechnung einfacher Korrelations- und Signifkanzkoeffizienten) 1969-70 den Hauptrechner der Universität Wien für eine ganze Nacht benötigten. Heute könnten solche Analysen innerhalb von Minuten von jedem PC durchgeführt werden. Darüber hinaus wurden inzwischen umfangreiche statistische Programmpakete (z.B. SPSS) entwickelt, die den Einsatz weit komplexerer multivariater statistischer Analyemethoden erlauben. Ich war selbst 1984/85 Mitbegründer des International Social Survey Programme (ISSP), in dessen Rahmen jedes Jahr in 30 bis 40 Ländern die gleiche Umfrage durchgeführt wird; das ergibt dann jedes Jahr Datensätze von 30.000 bis 50.000 Personen. Damit hat auch die international vergleichende empirische Sozialforschung einen Quantensprung vollzogen; die Theorien klassischer Soziologen, wie etwa von Max Weber und anderen, können damit heute erstmals auch empirisch systematisch getestet werden. Es liegt auf der Hand, dass eine Nutzung all dieser neuen Chancen durch Studierende und Forscher nur möglich sein wird, wenn diese in ihrer Schulbildung früh genug mit den Grundprinzipien des Arbeitens mit Computern und Internet vertraut gemacht werden. Ebenso ist evident und hier zumindest anzumerken, dass auch neue Regeln für verantwortungsvolles wissenschaftliches Arbeiten (vor allem: Vermeidung von Plagiat durch Kopieren von Texten) erstellt und durchgesetzt werden müssen.