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Die ältesten Berufe der Menschen#

Erst kam die Kunst, dann erst der Markt#

von Martin Krusche

Der erste Teil des 2018er Kunstsymposions liegt hinter uns, den zweiten Part bereite ich gerade vor. Dabei wird es unter anderem um einen Dialog mit Maler Willy Rast gehen. Aktuelle Positionen der Kunst beleuchten. Bedingungen überprüfen. Wenn man die Eigenheiten des Kunstmarktes einmal kurz beiseite läßt, werden sehr fundamentale Zusammenhänge sichtbar.

Dialog zur Arbeit von Nikolaus Pessler. (Foto: Martin Krusche)
Dialog zur Arbeit von Nikolaus Pessler. (Foto: Martin Krusche)

Sieht man für Momente von Betriebsnudeln und Gschaftelhubern ab, fällt es gar nicht so schwer, die Bedeutung von vielfältiger Kunstpraxis zu entdecken. Was wäre bei all dem das Grundsätzliche, von dem wir ausgehen könnten? Woher beziehen wir Kriterien? Was hat das alles mit der Gesellschaft, fallweise mit der Menschheit zu tun?

Apropos! Wir sind auf diesem Planeten längst so viele Menschen, da können doch nicht alle an Altersschwäche sterben. Wenn es uns zwischendurch welche aus diesen oder jenen härteren Gründen raushaut, macht das der Spezies generell überhaupt nichts.

Oha!

Wir haben seit über zweitausend Jahren eine durchgängige Ideengeschichte, die davon handelt, daß menschliche Gemeinschaft nicht nur der Natur anvertraut ist, sondern daß wir ethische Prinzipien erprobt haben, von denen sich etliche sehr bewähren; und zwar gleichermaßen zugunsten des Individuums wie des Gemeinwesens.

Darum ist zum Beispiel unterlassene Hilfeleistung ein strafbarer Tatbestand und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gilt als Bestandteil unserer Verfassung. Das beruht auf menschlichen Ideen, ist nicht von Natur aus so. Wir üben uns freilich weit länger als 2.500 Jahre im symbolischen Denken. Daraus beziehen wir wichtige Anregungen, um die Gemeinschaft der Menschen qualitativ zu stärken.

Deshalb investiert die Gesellschaft einer Demokratie in eine Reihe von Bereichen, die entweder symbolischer Natur sind oder starke symbolische Anteile haben. Warum sollte sonst der Bereich Sicherheit budgetiert sein? Weshalb fließen Gelder in das Gesundheitswesen, statt es dem Markt zu überlassen, wer welche Hilfe bekommt? Muß denn Bildung unbedingt so viel kosten? Die Klugen werden sich das schon organisieren, zur Hölle mit den Deppen!

Nein, so läuft das bei uns zum Glück nicht, obwohl die Orientierung an den Fragen der Menschenwürde und des Gemeinwohls immer wieder auffallend schwächelt. Aber wodurch sind wir überhaupt befähigt, solche Dinge zu denken? Wir haben über Jahrtausende kulturelle und spirituelle Bedürfnisse entwickelt. Wir haben als Spezies darauf gesetzt, nicht bloß den Alltag zu bewältigen, sondern Kultur zu leben.

Dann steht aber wieder so ein verhaltensoriginelles Wesen vor mir, schüttelt zum Stichwort Gegenwartskunst den Kopf, raunt etwas von „elitär“ und „abgehoben“. Meine Antwort stammt aus einem kleinen und überschaubaren Katalog von Sätzen. Einer davon lautet: „Hätten wir uns in diesen Dingen nicht Jahrtausende geübt, wärst du verstandesmäßig kaum in die Lage, solche Ressentiments zu denken und solche Vorhaltungen zu äußern.“

In Handwerk und Vorstellung unerbittlich der Kunst gewidmet: Willy Rast. (Foto: Martin Krusche)
In Handwerk und Vorstellung unerbittlich der Kunst gewidmet: Willy Rast. (Foto: Martin Krusche)
Der Künstler als Forscher: Detail aus einer Arbeit von Niki Passath(Foto: Martin Krusche)
Der Künstler als Forscher: Detail aus einer Arbeit von Niki Passath(Foto: Martin Krusche)
Ein schlechter Witz des Marktes: die Trivialisierung von Werken. (Foto: Martin Krusche)
Ein schlechter Witz des Marktes: die Trivialisierung von Werken. (Foto: Martin Krusche)

Das ist nämlich genau der Punkt. Menschliche Kognition entwickelt sich ganz wesentlich durch Wahrnehmungserfahrungen und durch deren Reflexion. Das sind Akte des symbolischen Denkens, welche unsere Kompetenzen schärfen, von denen wir auch in der Alltagsbewältigung profitieren.

Ist Ihnen eigentlich klar, von welchen ältesten Berufen der Menschen wir verläßlich wissen, weil sie durch Artefakte belegt sind? Ich verrate es Ihnen: Jäger, Sammler und Künstler. Das läßt sich jenseits der 70tausend Jahre datieren. Von den Hirten und Ackerbauern war erst sehr viel später die Rede und alle übrigen Berufe sind augenscheinlich jünger. Nebenbei bemerkt, selbst die Architektur wurzelt nicht in der Wohnraumbeschaffung, sondern in kultischen Bauten. Die gab es schon, da lebten Menschen noch in Höhlen.

Wenn einen das nicht schert, auch gut. Man muß sich keinesfalls mit allen Belangen des Lebens und der Welt befassen. Aber halblustige Ansagen zum Thema Kunst, bei denen der Spott in die Richtung anderer Menschen bemänteln soll, daß man selbst zur Sache wenig bis nichts zu sagen hat, werden mit Vergnügen beantwortet…