unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Wo liegt das „Herz der Welt“? #

Schwungvoll und kenntnisreich zeichnet Peter Frankopan eine „neue“ Geschichte der Welt, schießt dabei aber ein wenig übers Ziel hinaus. Reich belohnt wird der Leser bei der Lektüre der Neuauflage von Wolfgang Reinhards „Unterwerfung der Welt“.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 1. Februar 2018

Von

Christian Jostmann


Jeden Versuch, der intellektuellen Einigelung der Europäer entgegenzuwirken, kann man nur begrüßen. Das Buch „Licht aus dem Osten“ des britischen Byzantinisten Peter Frankopan ist so ein Versuch. Wobei der deutsche Titel in die Irre führt, denkt man bei „Ex Oriente lux“ doch unweigerlich an das Christentum und den Ort seiner Entstehung oder an den neuzeitlichen Orientalismus: die europäische Faszination für Religion und Kultur Asiens. Aber um Religions- oder Geistesgeschichte geht es in diesem Werk nur am Rande. Es handelt hauptsächlich von globaler Geopolitik mit dem Fokus auf Zentralasien, jener Großregion zwischen Euphrat und Tien Shan, zwischen Aralsee und Iranischem Hochland, durch die seit Jahrtausenden die sogenannten Seidenstraßen verlaufen – so auch der englische (und treffendere) Titel des Buches: „The Silk Roads“.

In jener Region, so die These des Autors, schlage seit Urzeiten das „Herz der Welt“. Die großen Hochkulturen des fruchtbaren Halbmonds und an Nil und Indus bleiben bei ihm allerdings außen vor. Er beginnt seine Tour durch die Historie mit dem medisch-persischen Reich der Achämeniden, die sich im 6. Jahrhundert vor Christus zu einer Großmacht aufschwangen, deren Ausdehnung nach Westen aber von den Griechen gestoppt wurde. Dem modernen europäischen Gründungsmythos zufolge haben die Griechen ja in den Schlachten von Marathon und Salamis (480 bzw. 490 v. Chr.) die Freiheit des Abendlands gegen orientalische Despotie verteidigt.

Am Ende geht es um Ressourcen #

Als Kenner der antiken Geschichte weiß Frankopan, wie konstruiert dieser Gegensatz ist. Erstens gab es damals weder Asien noch Europa, sondern nur die Hochkulturen des Alten Orients auf der einen und den Urwald auf der anderen Seite des Hellesponts, an dessen Rand die Griechen ein paar zivilisatorische Brückenköpfe errichtet hatten. Und zweitens versuchten diese nie, sich vom Orient abzugrenzen, sondern im Gegenteil, sie zivilisierten sich, indem sie sich den Orient aneigneten, zuerst seine materiellen und geistigen Güter, wie etwa die Schrift der Phönizier und die Astronomie der Babylonier, schließlich auch das Land selbst: Im Jahr 334 überschritt der Makedonenkönig Alexander den Hellespont und unterwarf das Perserreich.

Mit diesem machtpolitischen Ausgreifen – nicht mit der geistigen Aneignung – lässt Frankopan die europäisch-orientalische Beziehungsgeschichte beginnen. Seine Darstellung ist ganz auf die großen Imperien, auf die politische Beherrschung großer Räume fokussiert. So liest sie sich wie eine säkularisierte Fortschreibung der mittelalterlichen Vier-Reiche-Lehre. Diese Lehre bezog sich auf den Traum Nebukadnezars im Buch Daniel und begriff die Weltgeschichte als eine Abfolge von großen Reichen: Babylon, Persien, Alexanderreich, Rom. Bei Frankopan kommen hinzu: die Perser unter den Sassaniden, Byzanz, die islamischen Kalifate der Umayyaden, Abbasiden und Osmanen, die Mongolen, schließlich die von Europa global ausgreifenden Übersee-Imperien der Spanier und Briten und deren nordamerikanische Erben sowie Russland.

Da es bei Geopolitik am Ende immer um Ressourcen geht, dürfen natürlich der Handel und seine Akteure nicht fehlen, etwa die in der Antike sehr aktiven Sogdier, die frühmittelalterlichen Sklavenhändler aus Skandinavien und später die Genuesen und Venezianer als wahre Profi teure der Kreuzzüge, die am Ende des Mittelalters die europäische Seite der Schnittstelle zwischen Ost und West beherrschten.

Bis zur Epochenschwelle der Neuzeit überzeugt Frankopans „Neue Geschichte der Welt“ – so der Untertitel – als schwungvolle und kenntnisreiche Darstellung nicht unbedingt neuer, aber im Geschichtsunterricht zumeist vernachlässigter historischer Zusammenhänge. Danach schießt sie übers Ziel hinaus. Frankopan will nämlich nachweisen, dass Zentralasien noch immer das „Herz der Welt“ sei. Zwar wurde die Region im Zuge des europäischen, später des westlichen und sowjetischen Imperialismus vom Subjekt zum Objekt der Geschichte degradiert, quasi vom Streithahn zum Zankapfel, aber letztlich habe sich die Welt – soll heißen: die Geopolitik – immer um dieses „wahre Zentrum“ gedreht, im 20. Jahrhundert dann vor allem im Zeichen des Erdöls. So stellt Frankopan auch die politische Desintegration dieser Region, die wir derzeit miterleben müssen, als Konsequenz äußerer Einmischung dar, vom Sykes-Picot-Abkommen 1916 über den Sturz Mossadeghs 1953 und den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 bis zum Krieg der USA gegen den Irak 2003.

„One Belt, One Road“ #

Falsch ist das alles nicht. Dennoch wird nicht ganz deutlich, wieso das anhaltende Interesse der Großmächte an Ressourcen aus Zentralasien diese Region zum Zentrum der globalen Gesellschaft machen soll. Wären Rohstoffe das entscheidende Kriterium, könnte man ebenso gut die Arktis oder Venezuela zum Mittelpunkt der Welt erklären. Woher nimmt der Autor seinen Optimismus, dass Zentralasien die historische Führungsrolle, die Europa und der Westen seit ein paar Jahrhunderten usurpiert haben, in Zukunft wieder einnimmt? Sicher sind die großen chinesischen Infrastrukturprojekte, die unter dem Label „One Belt, One Road“ die innerasiatischen Überlandrouten der Seidenstraße wieder beleben sollen, erfreuliche Signale. Aber ob die Eingeborenen von Chinas Investitionen mehr profitieren werden als zuvor von den Interventionen der Europäer, Amerikaner und Russen, bleibt fraglich. Ebenso wenig dürften die Paläste, die sich die Potentaten Turkmenistans oder Kasachstans mit dem Erlös aus ihren Gasverkäufen bauen lassen, brauchbare Indikatoren für einen nachhaltigen Aufschwung sein.

So richtig es ist, das Augenmerk auf die Geschichte und das Potenzial einer Weltgegend zu lenken, die hierzulande zumeist als perspektivlose Krisenregion wahrgenommen wird, so wenig überzeugt Frankopans Versuch, das Gegenteil zu beweisen. Dahinter scheint die – anhand der antiken Geschichte gewonnene – Theorie zu stehen, dass es die Imperien sind, die den Lauf der Welt bestimmen. Und weil sich Imperien nunmal dadurch definieren, dass sie ein Zentrum haben, muss nach dieser Theorie auch die Weltgesellschaft sich um eines gruppieren. Doch welches wäre das heute: Tokio? Jakarta? Shanghai? New York? Mumbai? Dass von den zehn größten Metropolen der Erde neun am Meer liegen und nicht irgendwo tief im Landesinnern, zeigt allein schon, dass in der Welt von heute weniger die Orte von Bedeutung sind als die Verbindungen zwischen ihnen. Und so wäre die globale Gesellschaft denn auch überzeugender als dezentrales Netzwerk beschrieben, das viele Knotenpunkte miteinander verbindet. Im Bereich der Politik erleben wir Europäer diese Dezentralisierung – weil sie das Ende westlicher Hegemonie bedeutet – fraglos als Krise.

„Unterwerfung der Welt“ #

Dabei hatte Europa an der Entstehung des globalen Netzes wesentlichen Anteil, der sich – anders als Frankopans Darstellung suggeriert – nicht auf den Imperialismus beschränkte. Wer sich über diesen Prozess gründlich informieren möchte, dem sei Wolfgang Reinhards „Unterwerfung der Welt“ ans Herz gelegt, die überarbeitete Neuauflage seiner vierbändigen „Geschichte der europäischen Expansion“. Die mehr als 1300 Textseiten dieses Meisterwerks, in dem der Autor die Summe eines Forscherlebens zieht, fordern dem Leser oder der Leserin einen langen Atem ab, doch der Lohn für diese Mühen fällt reich aus. Seite um Seite entsteht das Panorama einer Menschheit, die sich, angestoßen durch den Aufbruch Europas im Mittelalter, überhaupt erst als Menschheit erkennt. Und die sich zunehmend als globale Gesellschaft begreift, in deren Dynamik die Impulsgeber der Vergangenheit aufgehen werden – die Wiege der Zivilisation im Zweistromland nicht anders als Asiens, wie Nietzsche es spöttisch nannte, „vorgeschobnes Halbinselchen Europa“.

Buchcover
Buchcover

Licht aus dem Osten.

Von Peter Frankopan Übers. von Michael Bayer und Norbert Juraschitz

Rowohlt 2017

944 S., kart.,

€20,60


Buchcover
Buchcover

Unterwerfung der Welt

Von Wolfgang Reinhard Beck

2016

1648 S., geb.,

€59,70

DIE FURCHE, 1. Februar 2018