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150 Jahre Postkarte: Analoge Grüße bleiben aktuell#

Die Postkarte feiert Geburtstag. Als Massenmedium hat sie eine wechselvolle Geschichte - und Gegenwart.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 21. September 2019

Von

Walter Hömberg


Seit je ein beliebtes Motiv der topographischen Postkarte: der Wiener Prater (1907)
Seit je ein beliebtes Motiv der topographischen Postkarte: der Wiener Prater (1907).
Foto: © AKON/ÖNB

"Der reisende Teutone scheint es als seine feierliche Pflicht zu betrachten, von jeder Station seiner Reise eine Postkarte zu schicken, als befände er sich auf einer Schnitzeljagd. Seine erste Sorge, nachdem er ein einigermaßen bemerkenswertes Reiseziel erreicht hat, ist es, ein Gasthaus zu finden, wo er abwechselnd sein Bier trinkt und Postkarten adressiert."

Als die englische Zeitung "The Standard" im Jahre 1899 diese süffisante Beobachtung druckt, gibt es die Postkarte schon seit drei Jahrzehnten. Am 1. Oktober 1869 waren die damals noch so genannten "Correspondenzkarten" von der österreichisch-ungarischen Post zum Versand zugelassen worden. Der zuständige General-Post-und-Telegraphen-Direktor griff damit einen Vorschlag auf, den der Nationalökonom Emanuel Herrmann zu Beginn desselben Jahres in der Wiener "Neuen Freien Presse" gemacht hatte.

Bereits vier Jahre zuvor hatte der preußische Geheime Postrat Heinrich Stephan kritisiert, dass "die jetzige Briefform für eine erhebliche Anzahl von Mittheilungen nicht die genügende Einfachheit und Kürze" erlaube. Sein Argument war also die Kommunikationsrationalisierung - in einer Zeit, in der es das Telegramm als elektromagnetisch übertragende Nachricht schon gab.

Dort bestimmte die Länge der Nachricht die Höhe der Gebühr, weshalb sich ein bewusst knapp gehaltener "Telegrammstil" herausbildete. Diesem Vorbild folgend, hatte Herrmann vorgeschlagen, den Inhalt der Correspondenzkarte auf zwanzig Wörter zu begrenzen. Dazu kam es nicht - die Kontrolle der Texte wäre wohl zu aufwendig gewesen. Außerdem zwang schon das kleine Papierformat zur Kürze.

Drucktechnik#

Die frühen Correspondenzkarten wurden nur auf der Rückseite beschrieben. Die Vorderseite war für die Adresse des Empfängers und das eingedruckte Postwertzeichen reserviert. Da im Unterschied zum Brief der verhüllende Umschlag fehlte, verzichteten Absender und Empfänger gleichermaßen auf das Wahren des Postgeheimnisses. Dies wurde durch ein ermäßigtes Porto honoriert (am Beginn zwei Kreuzer - statt fünf Kreuzer für einen Brief). So entwickelte sich die Postkarte schnell zum Verkaufsschlager. In Österreich wurden bereits im ersten Monat 1,4 Millionen Postkarten verkauft; und innerhalb eines Jahrzehnts folgten mehr als zwanzig Länder in aller Welt dem österreichischen Beispiel.

Dieser bemerkenswerten Expansion folgte sehr bald eine Differenzierung des Angebots. Die Fortschritte der Drucktechnik erlaubten am Ende des 19. Jahrhunderts zunächst die Verwendung von Farbe, zum Beispiel bei der Farblithographie, und später auch den Fotodruck. Damit war die Ansichtskarte geboren. In der bis heute gültigen Form reserviert sie auf der Rückseite links Raum für Mitteilungen und rechts für die Anschrift des Empfängers.

Karl Valentins Sammlung 'Münchner Originale' (Detail/Buchcover)
Karl Valentins Sammlung "Münchner Originale" (Detail/Buchcover)

Das Zitat vom Beginn dieses Beitrags verweist auf jenen Typ von Ansichtskarten, der bis heute die größte Verbreitung hat und am beliebtesten ist: die topographischen Karten. Sie zeigen Abbildungen von Städten, Dörfern und Landschaften und definieren durch ihre Bildauswahl, was "sehenswert" ist. Markante Kirchen, Burgen und Schlösser, historische Plätze, Denkmäler und Paläste, idyllische Berge, Wälder und Seen - die Bildmotive bestätigen in Zeiten eines boomenden Tourismus häufig die Erwartungserwartungen der Empfänger. So sind in Wien klassische Motive wie der Stephansdom, das Riesenrad im Prater, Schloss Schönbrunn oder eines der prominenten Kaffeehäuser bei Reisenden besonders beliebt.

Erinnerungsstütze#

Im Kontrast dazu werden auch witzige Illustrationen, satirische Verfremdungen und persiflierende Darstellungen gerne gewählt. Solche Ansichtskarten sind nicht nur Erinnerungsstützen für den Einzelnen, sie sind auch kulturgeschichtliche Dokumente. Im Zeitvergleich dokumentieren sie den historischen Wandel: Dieselbe Straße, dieselbe Kirche, dieselbe Fabrik: wie haben sie, zum Beispiel, vor und nach dem Krieg ausgesehen? Was hat sich verändert, was ist gleichgeblieben?

Kein Wunder, dass sich auch Wissenschafter und Museumsleute mit diesem ersten globalen Bildmedium befassen. Die Sammlung des Wien Museums umfasst 16.000 topographische Karten aus der Zeit von 1900 bis zur Gegenwart. Darunter sind auch geschlossene Sammlungen wie jene von Else Erxleben: Verheiratet mit einem Angestellten der Reichsbahn, begleitete sie um 1900 herum ihren Mann häufig auf Fernreisen. Dabei hat sie insgesamt rund 3500 Postkarten in vielen Orten Europas gesammelt, diese dann anschließend in Alben geordnet und kommentiert. Teile davon sind nun im Internet zugänglich, und für 2021 ist eine Ausstellung geplant.

Was die Sammelleidenschaft betrifft, so gibt es also nicht nur Philatelisten, die Briefmarken horten, sondern auch Philokartisten, die es auf Ansichtskarten abgesehen haben. Bereits im Mai 1894 gründeten in Hamburg Liebhaber dieses Mediums den ersten "Sammlerverein für illustrierte Postkarten". In der Folge erschienen eigene Fachzeitschriften zum Thema, Auktionen wurden veranstaltet, eigene Läden eröffnet.

Viele Sammler spezialisierten sich, etwa auf topographische Karten aus bestimmten Regionen, auf Feldpostkarten, Glückwunschkarten, Werbekarten, Karten mit Künstler- und Prominentenporträts oder andere Motivkarten. Der Münchner Komiker Karl Valentin zum Beispiel hatte sich auf örtliche Ansichten und lokale Skurrilitäten spezialisiert - soeben erst ist ein Buch über "Münchner Originale" mit Kostproben aus seiner Sammlung erschienen.

Kunstpostkarte#

Und dann gibt es noch eine ganz besondere Sorte: die Kunstpostkarte. Gemeint sind nicht die Miniaturabbildungen von Kunstwerken, die man in Museumsshops und gut sortierten Buchläden erwerben kann, sondern Original-Kunstwerke auf Postkarten. Sie werden teilweise hoch gehandelt: So ersteigerte ein Sammler bei einer Kunstauktion im November 2017 drei Postkarten, die Franz Marc 1913 an seinen Kollegen Erich Heckel geschickt hatte, für insgesamt 925.000 Euro. Die Karten zeigten aquarellierte Tiermotive, für die Franz Marc berühmt ist.

Auch manche Schriftsteller haben sich dieses Mediums bedient: Jurek Beckers Buch "Am Strand von Bochum ist allerhand los" (Suhrkamp, 2018) besteht aus einer Sammlung von solchen Postkarten, und der Wiener Lyriker und Feuilletonist Peter Altenberg hat eine Reihe von Gedichten als "Ansichtskartentexte" bezeichnet.

Jurek Beckers Buch 'Am Strand von Bochum ist allerhand los'
Jurek Beckers Buch "Am Strand von Bochum ist allerhand los"

Ansichtskarten versendet man üblicherweise an sein persönliches Netzwerk von Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen. Eine spezielle Gruppe von Liebhabern dieses Mediums versucht inzwischen, das Organische, die persönliche Kommunikation, zu organisieren: die Postcrosser.

Postcrossing#

Seit 2005 können sich Interessenten auf einer Online-Plattform registrieren lassen (www.postcrossing.com). Sie senden dann eine Postkarte an eine von dort angeforderte Adresse. Der Empfänger gibt die Identifikationsnummer des Absenders auf der Website ein und erhält eine neue Adresse, an die er dann seinerseits eine Postkarte schickt.

Das weltweite Netzwerk umfasst inzwischen schon fast 800.000 Mitglieder, die insgesamt bereits mehr als 50 Millionen Postkarten verschickt haben. Wer schickt, dem wird geschickt - die einfache Regel funktioniert offenbar gut. So können durch Postkarten über Sprach- und Ländergrenzen hinweg Brieffreundschaften entstehen.

Die Selfie-Gesellschaft hat inzwischen neue Wege der Short-Message-Kommunikation gefunden. Whatsapp, Twitter, Facebook und Instagram ermöglichen es dem Smartphone-Besitzer, ohne Zeitverzug Nachrichten und Bilder von sich und seiner Umwelt an einen oder mehrere oder gleichzeitig an viele Adressaten zu senden.

Einen ganz neuen Medienverbund zwischen der analogen und der digitalen Welt bietet die Mobile App My Postcard: Hier kann man digital Ansichtskarten selbst gestalten, sei es mit eigenen Fotos oder mit vorgegebenen Motiven. Zusammen mit dem individuell eingegebenen Text wird die Ansichtskarte dann in Berlin gedruckt, frankiert und weltweit verschickt, übrigens zu einem sehr günstigen Preis. Der Empfänger findet sie schon nach wenigen Tagen im Briefkasten vor - die langen Laufzeiten aus fernen Ländern lassen sich so erheblich verkürzen.

Freilich: auch der Klassiker, die handbeschriebene Ansichtskarte, bleibt aktuell. Bedenkenswert ist allerdings auch eine Bemerkung von Robert Musil: "Manche Menschen reisen hauptsächlich in den Urlaub, um Ansichtskarten zu kaufen, obwohl es doch vernünftiger wäre, sich diese Karten kommen zu lassen."

Walter Hömberg, Kommunikationswissenschafter und Publizist, war Professor für Journalistik an den Universitäten Bamberg und Eichstätt und lehrt als Gastprofessor an der Universität Wien. Er schreibt und bekommt gern Ansichtskarten aus aller Welt.

Wiener Zeitung, 21. September 2019

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