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Fernsehen als erloschenes Lagerfeuer #

Einst ein gemeinsames Fenster zur Welt, ist es heute in unzählige Programme und Streamingdienste aufgesplittert - von einer Krise des Mediums kann dennoch nicht die Rede sein.#


Von der Wiener Zeitung (23. Jänner 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Georg Biron


Weihnachten ’68. Meine Großmutter wünschte sich einen Minerva-Fernseher. Sie lebte allein in der Linzer Straße, "in der Witwenburg", wie sie es nannte. Das war ein Zinshaus mit Fließwasser und Klo am Gang.

Und ausgerechnet die alte Frau Welser, die im Erdgeschoß auf Zimmer-Küche wohnte und mit meiner Großmutter schon lange verfeindet war, hatte von ihrem Schwiegersohn einen Fernsehapparat bekommen. Seither hatte die Welser an mehreren Abenden pro Woche, vor allem an Samstagen, Besuch von befreundeten lustigen Witwen aus dem ganzen Haus. Sie aßen Schmalzbrote, tranken Weißwein und lachten vor dem Fernseher. Deutsche Erfindung

Meine Großmutter wollte auch so fröhliche Geselligkeitsabende veranstalten. "Minerva", sagte sie, und mein Papa lachte: "Hahaha! Minerva, die Göttin der Weisheit, und ein Fernsehkastl, wie passt denn das zusammen?"

Aber er konnte seiner Mutter nichts abschlagen und meinte schließlich: "Na gut!" Ich war zehn Jahre alt und wunderte mich. Ich hätte auch gerne einen Fernsehapparat bei uns zu Hause gehabt, aber wir hatten nur Bücher. Bücher, Bücher, Bücher. Mein Papa verachtete "das Fernseh-Glotzen". Das war für ihn "eine typisch amerikanische Erfindung, so wie Kaugummi im Mund und Füße auf dem Tisch".

Heute weiß ich, dass er nicht recht hatte, denn die Braunsche Röhre, wie sie in den Bildröhren-Fernsehapparaten zum Einsatz kam, war eine deutsche Erfindung, und zwar des Elektrotechnikers Ferdinand Braun aus dem Jahr 1889. Max Dieckmann, ein deutscher Hochfrequenztechniker, hatte 1906 die Idee, die Röhre für den Bau eines Fernsehapparats zu nutzen, aber Braun war dagegen und nannte das Vorhaben einen "Unsinn wie das Perpetuum Mobile".

Doch 1926 war es so weit: Der 27-jährige Techniker Takayanagi Kenjiro präsentierte in der Universität Shizuoka auf Basis der Braunschen Röhre den ersten japanischen Schwarz-Weiß-Fernseher. Daraufhin nahm man auch in Deutschland die Sache ernst und sendete ab dem 8. März 1929 Fernsehbilder zu Testzwecken über den Berliner Funkturm.

Bei den Olympischen Spielen, 1936 in Berlin, erfährt das Fernsehen seine große deutsche Pre-miere. Die nationalsozialistischen Machthaber gewährleisten eine spektakuläre Übertragung der Ereignisse. In Berlin gibt es 30 "Fernsehstuben" und zwei "Großbildtheater", in denen das Publikum die Live-Berichte verfolgen kann. "Es war tatsächlich so etwas wie ‚Public Viewing‘, wie wir es heute kennen", sagt Joseph Hoppe vom Deutschen Technikmuseum in Berlin.

Und während in der Sowjetunion bereits 1935 zwei Fernsehsender im Einsatz waren, startete man in den USA erst ab 1938 mit regelmäßigen Ausstrahlungen. Übrigens: In Österreich begann das Fernsehen so richtig am 1. Jänner 1958. Schon davor gab es TV in Polen, in der DDR und der BRD, in der Tschechoslowakei und der Schweiz, in Italien, Belgien, Jugoslawien und Ungarn.

Zurück zu meiner Großmutter: Mein Papa kaufte einen Minerva Resident 59 cm. Aber den konnte man nicht einfach bei einem Händler abholen und mitnehmen, der wurde ins Haus geliefert - und das dauerte, wegen der Weihnachtsfeiertage und weil die Produktion mit der Nachfrage nicht Schritt halten konnte.

"Nur in Österreich haben wir Marktanteile von mehr als 30 Prozent erreicht. Trotz der beengten räumlichen Verhältnisse wurden jährlich 100.000 TV-Geräte in der Fabrik in der Zieglergasse erzeugt", erinnert sich der Minerva-Projektleiter Carl Sickenberg in einer Festschrift des Unternehmens. "Oft begleiteten die Kundendienst-Techniker die Geräte bis zum Kunden und stellten sie dort auf die örtlichen Gegebenheiten ein."

Heftiges Schneien#

So war es auch bei meiner Großmutter. Aufgeregt wartete ich mit ihr am Nachmittag des 16. Jänner 1969 auf den Schwarz-Weiß-Fernsehempfänger. Weil die Firma mit ihren Lieferungen in Verzug war, kamen sie an einem Sonntag. Zwei riesengroße Männer wuchteten den Resident 59 cm auf einen bereitgestellten Tisch im Wohnzimmer, schlossen das Gerät an den Strom an, stöpselten die Kabel der Libelle-Zimmerantenne ein und marschierten damit auf und ab, um eine Verbindung mit dem Sender Kahlenberg zu finden. Auf dem Bildschirm schneite und graupelte es heftig, und aus dem Lautsprecher schnurrte und kreischte es eine Weile, bis sich plötzlich ein Bild zeigte: Ich entdeckte einen Mann, der sich mit Benzin übergoss und bald lichterloh in Flammen stand, und einer der Techniker, sehr zufrieden mit der Bildqualität, sagte zu meiner geschockten Großmutter: "Ist des ned wunderbar, gnä’ Frau?"

Was wir an diesem Nachmittag sahen, war der Student Jan Palach, der sich auf dem Wenzelsplatz in Prag als Protest gegen die sowjetischen Panzer in der Tschechoslowakei selbst verbrannte.

"Bügelfernsehen"#

In Krisen übernehmen verlässliche Informationen eine Schlüsselrolle für das Funktionieren einer Gesellschaft. "Vertrauenswürdige Fernseh-, Radio- und Zeitungsnachrichten sind für die Menschen noch wichtiger als sonst", erklärt Andrea Fronaschütz, Geschäftsführerin des Gallup-Instituts, bei einer Präsentation aktueller Umfrageergebnisse. Neben einem Anstieg des Medienkonsums in der Corona-Krise zeichnet sich ein offenbar krisenbedingtes Phänomen ab: "Alte", totgesagte Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen sind die primären Informationsquellen. 88 Prozent der österreichischen Bevölkerung nutzen laut Gallup das Fernsehen, um sich zu informieren. Dabei wird der ORF von 81 Prozent als Informationsquelle verwendet.

Braucht also das Fernsehen, wie wir es seit Jahrzehnten kennen, eine Krise, um wieder richtig wichtig zu sein? Seit Jahren wird das lineare Leitmedium mit schöner Regelmäßigkeit zu Grabe getragen.

"Was einst die liebste Freizeitbeschäftigung der Menschen war, mutiert zum Auslaufmodell", notiert Prof. Stephan Weichert von der Uni Hamburg auf vocer.org: "Der homo televisionis hat sich ins Web 2.0 verabschiedet. Wir hängen heute nicht nur ganztags im Büro, sondern häufig auch in unserer Freizeit am unablässigen Erlebnisstrom im Internet. Junge Menschen schauen kaum fern. Und wenn sie fernsehen, dann natürlich lieber via Internet-Zugang, indem sie die Mediatheken der Sender anwählen oder Videoschnipsel bei Youtube streamen - zeitsouverän und mobil. So oder so ähnlich lauten gängige Vorurteile gegenüber einer Generation, aus der angeblich immer mehr Angehörige dem Fernsehen Lebewohl sagen - und sich ins rebellisch-interaktive Netz verabschieden."

Das liegt natürlich auch am Angebot der Fernsehsender. Der Drehbuchautor Oliver Schütte schrieb 2016 in der "Wirtschaftswoche": "Schon seit Jahren gibt es für das Fernsehen, das vor 19.00 Uhr ausgestrahlt wird, die wenig schmeichelhafte Bezeichnung ‚Bügelfernsehen‘. Der Zuschauer (meist: die Zuschauerin) soll nebenher auch noch andere Arbeiten erledigen können. Dies führt zu Sendungen, die auch verstanden werden, wenn nur der Audiospur Aufmerksamkeit geschenkt wird. Emotionen und Handlungen müssen möglichst einfach verständlich und immer auch zusätzlich im Dialog ausgedrückt werden. Diese Filme und Serien werden billig produziert und sind vom Niveau den Groschenromanen ähnlich. Was bisher dem Vorabend vorbehalten war, wird in den nächsten Jahren auch das Abendprogramm bestimmen. Klassisches Fernsehen wird dann grundsätzlich zum Bügelfernsehen."

Ich kann mich noch gut an eine Begegnung mit dem berühmten Schauspieler und TV-Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff Anfang der neunziger Jahre erinnern, der mir erzählte: "Als es mit dem Fernsehen losging, habe ich total begeistert zu meinen Freunden gesagt: ‚Es ist ein Wunder! Alle Menschen in Deutschland werden in 20 Jahren wissen, wer Heinrich von Kleist gewesen ist!‘ Heute denke ich: Nicht einmal die Regisseure wissen, wer Kleist gewesen ist."

Ohne Illusionen zeigte sich auch der Autor und Fernseh-Moderator Roger Willemsen: "Wir machen ‚Bauer sucht Schwein‘ zu einem Massenerfolg, und wenn zwei Männer mit ihren Penissen Klavier spielen, dann sitzt jeder vierte Zuschauer davor."

"Nullmedium"#

Es sei blöd, "mit Kulturkritik punkten zu wollen", meint der Feuilletonist Hans-Dieter Schütt - vor allem bei einem Publikum, das sich seine "geliebte Verblödung" nicht nehmen lassen will. Schütt hat Bücher über Reinhold Messner, Alfred Hrdlicka, Frank Castorf und Sahra Wagenknecht herausgegeben und hält nur wenig von der Flimmerkiste: "Fernsehen ist kulturlos geworden, so, wie ein Hund herrenlos wird. Das Programm bellt. Das beißt niemanden mehr. Also ist Fernsehkritik ein Punchingball für traurige Existenzen, die sich immer noch in der Illusion wähnen, sie würden als Boxer gebraucht."

Schon 1988 schrieb der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger einen legendären Essay für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" und nannte das Fernsehen ein "Nullmedium", das, "unabhängig von gesellschaftlichen Voraussetzungen, die gleiche Anziehungskraft in Lüdenscheid, Hongkong und Mogadischu" entwickle: "Man schaltet ein, um abzuschalten. Der Zuschauer ist sich völlig darüber im klaren, dass er es nicht mit einem Kommunikationsmittel zu tun hat, sondern mit einem Mittel zur Verweigerung von Kommunikation."

Jahrzehntelang war das abendliche Fernsehen eine Art Lagerfeuer im Wohnzimmer, vor dem sich um 20 Uhr 15 die Familie versammelte, um durch ein gemeinsames Fenster in die große weite Welt hinauszuschauen. Ich habe die Bilder der Mondlandung von Apollo 11 gesehen und den tödlichen Unfall von Jochen Rindt beim Training für den Grand Prix in Monza, die aufsehenerregende 17-jährige Leonie Stöhr, die in "Wünsch dir was" in einer Transparentbluse auftrat, und "Die Straßen von San Francisco".

Nachdem meine Großmutter gestorben war, adoptierten wir den Minerva Resident 59 cm, und mein Vater stapelte gemeinsam mit meiner Mutter dutzende Bücher übereinander, um die Libelle-Zimmerantenne oben draufzustellen, weil wir dann das beste Bild hatten. Gemeinsam schauten wir uns mitten in der Nacht Boxkämpfe von Muhammad Ali an, und selbstverständlich waren wir im Jahr 1978 auch beim Fußballwunder von Córdoba live dabei.

Das Fernsehen war Gesprächsstoff für die folgenden Tage und ein kommunikativer Mörtel, der die Gesellschaft zusammenhielt. Das funktioniert in Zeiten der Streaming-Angebote immer seltener. Unterschiedliche Interessen bestimmen das Schauen. Viele Haushalte verfügen über mehrere Fernsehapparate, auf denen vielleicht gleichzeitig Eurosport, Cartoon Network und Romance TV laufen. Die bewegten Bilder werden häufig im Alleingang konsumiert. Das gemeinsame Lagerfeuer ist erloschen.

Doch von einer Krise des Fernsehens kann, zumindest in Österreich, trotzdem keine Rede sein. Im Jahr 2019, also vor Corona, erreichte der TV-Konsum laut Teletest-Monitoring/IFES historische Höchstwerte. 2019 waren annähernd alle österreichischen Haushalte mit einem TV-Gerät ausgestattet. Fast fünf Millionen Österreicherinnen und Österreicher waren 196 Minuten pro Tag vor den Fernsehgeräten zu finden. Im Langzeitvergleich wurde 2019 um 48 Minuten pro Tag länger ferngesehen als im Jahr 2000 bzw. um 69 Minuten länger als 1991 (dem Beginn der elektronischen Zuschauermessung). Aufgeschlüsselt nach Wochentagen ist der Sonntag der stärkste Fernsehtag.

Vom TV zum Streaming#

"Der Fernsehkonsum entspricht nur selten einem beständigen Verweilen bei einem einzigen Sender. Durch das Zappen schweift der Zuschauer mal mehr und mal weniger zielorientiert zwischen den Kanälen umher. So entwickeln sich eigene, neue Arten des Fernsehens", schreibt Oliver Strecker in seinem Buch "TV im Internetzeitalter". "An der Frage, ob man Fernseh- oder Videoangebote nutzen will, werden sich vermutlich noch lange die Geister scheiden."

Die Studie "Quo Vadis, deutsche Medien?" von der Unternehmensberatung Roland Berger dokumentiert den Trend: Immer mehr Zuschauer wandern vom TV zum Streaming. Die Sender sind auf die neuen Konkurrenten nur unzureichend vorbereitet. Dazu Niko Herborg vom Roland Berger Frankfurt Office: "Ein Investment in diesem Bereich würde voraussetzen, dass die TV-Anbieter genau wissen, was die Zuschauer tatsächlich sehen möchten. Aber das wissen sie nicht. Dieses Wissen haben die Konkurrenten aus der digitalen Branche mit ihren Werkzeugen aber sehr wohl generiert. Dank profunder Datenanalyse wissen die Streaming-Anbieter, was der Zuschauer gerne sieht - und können so punktgenaue Empfehlungen abgeben. Bei Netflix gehen mehr als sechs von zehn Sehstunden auf eine personalisierte Empfehlung zurück."

Genau damit habe ich ein grundsätzliches Problem. Werden Entscheidungen für mich getroffen, so tragen sie zur Entmündigung bei, weil mir eigene Entscheidungen abgenommen und der Blick für die Welt außerhalb meiner Interessen versperrt wird. Die Streaming-Dienste wollen bestimmen, was ich sehe. Und dadurch bestimmen sie vermutlich auch schon bald, was ich weiß. Wenn ich nicht mehr wirklich selbst entscheide, was ich sehe, weil mir nur ein Bruchteil des Angebots gezeigt wird, bin ich nur noch eingeschränkt ein mündiger Bürger.

Betreutes Leben#

Für Prof. Marcus S. Kleiner von der SRH Berlin University of Applied Sciences vertreten Netflix, Amazon Prime & Co. die Idee "eines betreuten Lebens. Wenn Sie Netflix nutzen, unterliegen Sie einer permanenten Marktforschung. Netflix schaut genau, was Sie sehen, und wie lange Sie welche Medien nutzen."

Kleiners Buch "Streamland" ist genau diesem Thema gewidmet. Im Interview mit dem deutschen Wochenmagazin "Forum" stellt er fest: "Amazon Prime und Co. stehen nicht für eine politische Ideologie, sondern für einen Ultra-Neoliberalismus, der sagt: konsumieren, konsumieren und weiter konsumieren. Beim Streaming ist der Trick zu sagen: Es geht nur um dich. Algorithmen werten das aus, was du tust, um dir dann ein möglichst perfektes Angebot zu machen. Die On-Demand-Gesellschaft wird sich verstärken. Du kannst 24 Stunden am Tag alles haben. Das verstärkt den Individualismus, weil man immer mehr erwartet, dass sich die Welt mir anpasst und nicht ich mich der Welt. Wir nutzen zwar alle die gleichen Services, aber wir leben in verschiedenen Welten."

Zur Vermutung, dass das Fernsehen dem Tod geweiht ist, gibt es jedoch wenig Anlass, vermutet der Kölner Zukunftsforscher An-dreas Neef, der die Trendstudie "TV 2020" publiziert hat: "TV wird zum Super-Medium. Das Fernsehen der Zukunft ist vernetzt mit dem Web, mit den Freunden und mit der Heimelek-tronik des Smart Home. Es findet überall statt - wo und wann man will. Das Mediencenter bietet Zugriff auf Live-Videoströme und ein Archiv von Spielfilmen, Serien, Event-Aufzeichnungen und Lehrvideos. Das Kamera-Auge ermöglicht die Erkennung von Gesten, macht damit die Fernbedienung überflüssig und verwandelt das Wohnzimmer in einen virtuellen Spiel- und Sportplatz."

Also: Bügelfernsehen auf höchstem technischen Niveau? Oder wie meine Großmutter nach dem Abebben der ersten Begeisterung einmal sagte: "Na gut, das Fernsehen ist erfunden, aber ein gutes Programm noch nicht..."

Georg Biron, geboren 1958, lebt als Schriftsteller, Reporter, Regisseur und Schauspieler in Wien.

Wiener Zeitung, 23. Jänner 2021