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Müssen wir noch Fremdsprachen lernen?#

H. Maurer, Mai 2017

Wir alle wissen, wie man darunter leidet, in einem Land unterwegs zu sein, wenn man sich nicht mit dort lebenden Menschen verständigen kann. So ist es nicht überraschend, dass der Fremdsprachunterricht eine wichtige Komponente der schulischen Ausbildung darstellt, bzw. dass Sprachkurse auch von Erwachsenen fallweise mit Begeisterung konsumiert werden.

Eine erste Stufe ist es wohl, Englisch (in der Diplomatie: Französisch, für manche Teile der Welt: Spanisch) zu lernen und hoffen zu können, wenn schon nicht in der Landessprache, dann doch mit einigen Menschen ein bisschen kommunizieren zu können, um einfache Fragen zu stellen und die Antworten zu verstehen.

Ich selbst bin mit meinen Englischkenntnissen in vielen Teilen der Welt ganz gut "durchgekommen", bzw. hat mich fallweise mein Latein und rudimentäres Italienisch doch so weit gebracht, dass ich mich in der in spanischen Welt, ja auch in Brasilien nach einer Eingewöhnungsphase nicht mehr ganz fremd gefühlt habe. Und hundert Worte Russisch und ein Flasche Wodka erlaubten mir auch in der transsibirischen Eisenbahn und in Kamtschatka umständlich aber doch das eine oder andere zu fragen, zu sagen, zu verstehen; in Finnland oder Griechenland ist es ähnlich. Freilich stößt man bald an Grenzen: Tiefe Gespräche sind ohenhin unmöglich, und in Gegenden wie Kyuschu (der südwestlichsten der großen Inseln Japans) trifft man kaum Menschen, die mehr als japanisch sprechen, von exotischen Gegenden wie Neu Guinea oder so gar nicht zu reden.

Die Kultur des Lernens einer Sprache um international auftreten oder lesen oder Fernsehsendungen verstehen zu können ist sicher ein wichtiger Teil unserer Ausbildung gewesen, und die Motivation war klar: mögliche Kommunikation in anderen Weltgegenden.

Darum wurden neben normalen Kursen auch komplexe Sprachlabors aufgebaut (auch um die Aussprache zu üben und verstehen zu lernen), und es ist das Sprachenlernen ein eigenes Gebiet des E-Learnings, des Technologieunterstützten Lehrens und Lernens, geworden.

Diese Situation ist im Begriff sich dramatisch zu ändern.

Nicht nur gibt es im WWW ausgezeichnete Wörterbücher, etwa das Wörterbuch, oder SW zu kaufen, siehe eine kleine Übersicht auf sondern ich kann mit meinem Smartphone problemlos jedes Wort von fast jeder Sprache in jede andere übersetzen lassen, ja sogar die Eingabe sprechen (nicht tippen), und die Aussprache der Übersetzung hören. Sondern es gibt auch im WWW Programme, die ganze Dokumente leidlich gut übersetzen, wenn die Sätze und Themen nicht zu kompliziert sind. In erster Linie ist da wohl Google translate zu nennen, aber auch andere, wie das schon länger existierende Babelfisch sind nicht schlecht.

Aber mehr noch, es werden smartphone-große Geräte (und daher auch bald Apps für Smartphones) angeboten, in die man in der eigenen Sprache hineinspricht, und das Übersetzte in guter Aussprache wiedergegeben wird. Man kann fallweise sogar weibliche oder männliche Stimme als Ausgabe wählen. Wenn der Gesprächpartner kein ähnliches Gerät hat, tippt er die Antwort ein (weil das Gerät nicht an seine Stimme trainiert ist). Die übersetzte Ausgabe erfolgt aber wieder akustisch.

Eine Übersicht zeigt einige solcher Geräte, wobei z.B. die von Vasco schon einen sehr hohen Komfort bieten. Es ist damit klar: In wenigen Jarhen kann ich überall in der Welt technisch unterstützt mit Einheimischen über zunehmend komplexe Themen sprechen.

Damit ist die Hauptmotivation für das Erlernen von Fremdsprachen verschwunden. Ein junges Kind heute mit dem Erlernen einer Fremdspache für Trivialgespräche zu plagen ist so, als würden wir vor fünf Jarhen noch Rechenschieber oder Logarithmentafeln unterrichtet haben: Bis das Kind auf Reisen geht kann es mit technischer Unterstützung besser kommunizieren als mit den oberflächlichen Kenntnissen, die so nebenbei erworben (und bald zum Großteil wieder vergessen) wurden.

Sage ich damit, dass damit die Motivation für den Sprachunterricht verschwunden ist? Nein, das sage ich NICHT. Die Motivation ändert sich dadurch nur dramatisch. Für einfache Kommunikation muss ich keine Fremdsprache mehr erlernen, für das tiefe Verstehen einer anderen Kultur aber durchaus. Altgriechisch und Latein wurden nicht unterrichtet, um diese Sprachen zu sprechen, sondern um in die Kultur der betreffenden Zivilisationen eindringen zu können.

Provokant formuliert: Ich glaube nicht, dass man z.B. Japan wirklich verstehen kann ohne Japanisch sehr gut zu beherrschen. Und das gilt für jede Sprache. Freilich machen wir in Europa einen Fehler: Wir konzentrieren uns zu sehr auf indogermanische Sprachen und können dadurch in gewisse mentale Welten wie die zeitlose der Hopi Indianer, die hauptwortlose der Navutkas, die Tantren tibetanischer Mönche etc. kaum eindringen.

Ich plädiere also nicht für das Ende des Sprachunterrichts, sondern für eine neue Ausrichtung, ein vollständiges Umdenken: Über dieses muss man sich aber für einen sinnvollen Unterricht sofort vorbereiten!