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Zur Stabilität digitaler Informationen#

von H. Maurer, August 2017

Die Problematik#

Durch die Digitalisierung und Computernetze ist es sehr viel einfacher geworden, an wichtige Informationen heranzukommen, aus diesen große Datenmengen zu extrahieren und zu analysiern, oder selbst Informationen zur Verfügung zu stellen.

Diesen enormen Vorteilen stehen auch eine Reihe von Nachteilen gegenüber, die oft nicht deutlich genug gesehen werden.

Zu den negativen Punkten, von denen noch oft gesprochen wird gehören:

  • Der Verlust der Privatsphäre durch das Internet und andere Netze, der durch das IoT noch viel stärker werden wird
  • Dass wir von Medien und Konzernen manipuliert, wenn nicht sogar gesteuert werden
  • Dass wir mit Fakenews, Werbung oder aufgebauschten Berichten bombadiert werden
  • Dass für viele Medien nicht mehr die Wahrheit von Fakten ausschlaggebend ist, sondern ob etwas Aufsehen erregt, ganz unabhängig vom Wahrheitsgehalt.

Schon weniger bewusst wird uns gemacht:

  • Dass unsere Gesellschaft durch Viren oder Cyberattacken enorm gefährdet ist
  • Dass ein langfristiger Zusammenbruch der Netze katastrophale Auswirkungen haben würde
  • Dass sich das Zusammenleben durch Netze und Smartphones dramatisch geändert hat
  • Dass die ständige Verfügbarkeit von elektronischen Hilfen auch mit akustischer Ein- und Ausgabe die Lese-, die Lern- und die Merkfähigkeit von Benutzern verringert und damit vielleicht auch deren Kreativität.

Noch weniger bewusst ist aber, dass wegen der Digitalisierung die Zeit ab 1980 in der Zukunft vielleicht als eine besonders schlecht dokumentierte Periode der Menschheitsgeschichte gelten wird.

Der Grund dafür ist die schlechte Stabilität digitaler Informationen. Nicht nur sind alle gängigen Datenträger viel weniger langlebig als Papier. Noch schlimmer ist, dass sich die Formate und Codierungen, in denen Informationen gespeichert werden, immer wieder ändern, ja die dafür notwendige Hardware und Software oft nicht mehr zur Verfügung stehen wird. Man stelle sich nur vor, dass eines Tages das PDF Fileformat nicht mehr aktiv von Firmen unterstützt wird. Tatsächlich gibt es Bestrebungen, alternative Fileformate zu forcieren, um die Macht von Adobe PDF zu brechen. Nur, wenn das geschieht, dann wird es noch einige Zeit mit "public domain" Software möglich sein PDF zu lesen, aber die Möglichkeiten werden immer mehr eingeschränkt werden, sodass eines Tages PDF noch mehr verschwindet als das mit Adobe Flash bereits geschehen ist. Wie real solche Situationen sind erkläre ich an Hand eines Beispiels im zweiten Teil dieses Beitrags. Zuvor sei aber noch auf ein Faktum aufmerksam gemacht, das kaum Beachtung findet:

Wir verwenden heute zum Teil sehr ausgeklügelte interaktive Syseme mit 3D Animationen für Spiele, für den Unterricht, für Architektur, Maschinenbau usw. Keine dieser aufwendigen Entwicklungen wird in 60 Jahren noch benutzt werden können: Alles, die Hardware, die Software, die Grafik- und Interaktionsstandards, die haptischen Interaktionsgeräte usw. werden einfach nicht mehr existieren, weil sie durch sehr viel bessere ersetzt sein werden.

Das Schlimme dabei ist: Ein Bild oder einen Textfile kann man zumindest noch in gedruckter Form aufheben; bei Video- und Audiomaterial ist das schon schwieriger; aber die angesprochenen interaktiven Programme kann man nur auf bestimmten Geräten mit bestimmter Software verwenden: Es gibt dafür keine anderen Archivierungsmöglichkeiten und es werden auch keine entwickelt!

Ein Beispiel #

MUPID
MUPID mit Grafik. Foto: H. Maurer
Vor der Verbreitung des WWW gab es als Vorläufer andere Systeme, z.B. das Bildschirmtextsystem (kurz BTX) und Varianten davon, wie das französische Teletel mit am Höhepunkt ca. 10 Millionen Benutzern.

Schon damals hatte man viele der Möglichkeiten, die heute das WWW bietet, wobei die Möglichkeiten durch einen Kleincomputer MUPID, der in Österreich entwickelt wurde, besonders zahlreich waren, darunter das Angebot hochwertiger Grafik und interaktiver Spiele, siehe die getrennten Beiträge BTX und MUPID oder auch den Bericht von mir über persönliche Erfahrungen mit der IT.

Nach 1990 wurden diese Bildschirmtextsysteme mit hunderttausenden Beiträgen, Bildern usw. geschlossen, die verwendeten Normen für den Datentransport, Datenverarbeitung und Datenwiedergabe wurden nicht weiter entwickelt, d.h. nicht auf neuere Hardware und Software portiert.

1987 verbrachte ein holländischer Künstler (damals gerade 18 Jahre alt), Daniel Rozenberg, Künstlername Dadara, einige Wochen an meinem Institut und entwarf mit MUPID für das BTX System eine Reihe amüsanter Cartoons. Inzwischen ist er ein angesehener Künstler. Während ich das schreibe ist er gerade wieder bei dem ungewöhnlichen Burning Man Festival in Nevada mit einer ganz neuen Installation.

Ich hatte das Vergnügen, nach langer Zeit Dadara im Juni 2017 wieder zu treffen. Da gerade eine Biographie über sein Leben als Künstler in Vorbereitung ist fragte er mich, ob wir noch von seinen Anfängen in Graz Beispiele hätten. Auf unserem Archivserver haben wir ein paar Beispiele aus der BTX Zeit gerettet, aber da waren die Cartoons leider nicht.

Tintenfisch
Versuch mit altem Monitor. Foto: H. Maurer, Bild © Dadara
Ich versprach in unserem Archiv zu stöbern. Es war klar, dass es dabei viele Probleme geben würde:

  • Hatten wir damals die Cartoons auf Disketten kopiert?
  • Wenn ja, wie würden wir die richtige aus dem Berg der Disketten finden?
  • Aber, auch wenn das gelang, wir benötigten dann einen funtionierenden MUPID.
  • Zur Simulation des BTX Systems mussten wir eine der uralt Diskettenstationen auftreiben, die sich schon seinerzeit durch ihre Unzuverlässlichkeit ausgezeichnet hatten.
  • Dann mussten wir einen passenden Monitor finden.
  • Das Abphotographieren würde wegen der geringen Wiederholungsrate der damaligen Monitore ein qualitativ schlechtes Ergebnis liefern.

Es ist ein unglaublicher Zufall, dass es uns gelang, alle Hürden zum umschiffen... es wäre sicher in 20 Jahren nicht mehr gelungen!

Freilich, die Qualität der Bilder, die wir erhielten, ließ sehr zu wünschen über.

Würde es uns gelingen ein modernes Gerät an die Schnittstellen des MUPID anzuschließen um eine bessere Schärfe zu erzielen? Es gelang. Hier ist die Gerätekombination, die letztendlich verwendet wurde.

Aufnahme
Endgültige Konfiguration für die Aufnahmen. Foto: H. Maurer
Aufnahme
Endgültige Konfiguration für die Aufnahmen. Foto: H. Maurer

Damit kann ich nun die Cartoons von damals hier wieder zum Leben erwecken. Die Aufnahmen stammen von mir, die Cartoons sind von Daniel Rozenberg, also Dadara, und dürfen ohne seine Zustimmung weder als Werk noch als Werkidee verwendet werden.

Cartoon
Tintenfisch. Als Metapher für einen Manager. Bild © Dadara
Cartoon
Guillotine: Netter Henker. Bild © Dadara
Cartoon
Nicht nach rechts abbiegen.Bild © Dadara
Cartoon
Friedenspfeife- Atompilz. Bild © Dadara
Cartoon
Sitz! Bild © Dadara
Cartoon
Big Mac. (Very Big) Bild © Dadara
Cartoon
Sonnenaufgang. Bild © Dadara
Cartoon
Sonne am Himmel: Es war eben nur eine halbe Sonne. Das war animiert dargestellt. Bild © Dadara
Cartoon
Hundekot. Bild © Dadara
Cartoon
Betreten verboten. Bild © Dadara
Cartoon
Spion. Bild © Dadara
Cartoon
NASA. Bild © Dadara
Cartoon
Plastische Chirugie. Bild © Dadara
Cartoon
Joker. Bild © Dadara
Cartoon
Harem. Bild © Dadara
Cartoon
Richtungshinweis. Bild © Dadara
Cartoon
Gefährlicher Ventilator. Bild © Dadara
Cartoon
Zahnersatz will auch atmen. Bild © Dadara
Cartoon
Fernseher. Bild © Dadara
Cartoon
Peepshow. Bild © Dadara
Cartoon
Die Hand winkte. Bild © Dadara
Cartoon
Die Hand winkte. Bild © Dadara

Schlussbemerkung#

In diesem einen Fall ist es gelungen, alte Daten zu retten. Sehr häufig wird das nicht gehen. Das sollte nachdenklich stimmen.
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