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E-Caring: Adaption#

(Wenn man sich für schlauer hält…)#

von Martin Krusche

Ein halbwegs ordnungsliebender Mensch würde vermutlich das Handbuch lesen, bevor er ein völlig neues Gerät in Betrieb nimmt. Der Vollelektriker ist zwar ein Auto, aber doch ein ziemlich anderes als der herkömmliche Verbrenner. Wer aber, wie ich, in den frühen 1980er Jahren seinen ersten Computer kaufte, erinnert sich gewiß an die fetten Handbücher, die der Betriebssoftware beigelegt waren, weil es das Gesetz so vorschrieb. Hätte man die lesen wollen, wäre der PC vermutlich erst ein Jahr nach dem Kauf in Betrieb genommen worden.

Im Fall eines Unfalls ist man besser ein wenig isoliert. (Photo: Martin Krusche)
Im Fall eines Unfalls ist man besser ein wenig isoliert. (Photo: Martin Krusche)

Also hab ich den Elektriker ohne vorbereitende Lektüre gefahren. Also muß man sich so nach und nach mit den Details vertraut machen. Momente der Täuschung: „Oh! Die Schweinwerfer schalten sich doch nicht von selbst ein. Und ich dachte schon, die Leute grüßen mich mit ihrem Geblinke. Man sieht so ein Auto ja nicht alle Tage.“

Klar, wir sollten im Straßenverkehr nicht unbedingt im Modus „Versuch und Irrtum“ unterwegs sein. Aber da wir Männer die technische Vernunft gepachtet haben und einen Mangel an Intuition niemals zugeben würden… Jaaaaa! Das Ladekabel läßt sich erst dann abziehen, wenn man es im Wageninneren per Knopfdruck entriegelt hat. Ich werd mir das schon noch merken.

Und lassen wir ruhig beiseite, daß mein unter Fachleuten heute noch nicht gar so genau weiß, was sich im Inneren von Batterie-Paketen abspielt, wenn irgendwie fest draufgeschlagen wird. Feuerwehrleute haben dicke Handschuhe mit hohen Stulpen dabei, falls sie bei einem Elektriker-Unfall zu Bergearbeiten schreiten sollen.

Wir wußten das natürlich alle schon längst, fühlten uns stets schlauer, denn irgendwie hatte sich über die Jahre jene Faustregel der alten Mechaniker herumgesprochen: „Wenn es sich mit einem Hammer nicht lösen läßt, hast du ein Elektrik-Problem.“ Die meisten Menschen des motorisierten Volkes wissen freilich nimmer, daß man in den frühen Jahren des Automobils das Benzin in der Apotheke kaufen mußte. Es dauerte seine Zeit, bis es landesweite Tankstellennetze gab.

Zu mehr Ladestationen für E-Fahrzeuge wird es nun wohl nicht Jahrzehnte brauchen; falls sich die Elektriker im Massenverkehr überhaupt durchsetzen. Ich halte das nämlich keineswegs für eine ausgemachte Sache.

Aber nach über vierzig Jahren motorisierter Teilnahme am Straßenverkehr schätze ich den komfortablen Umgang und das entspannte Fahrgefühl im Elektroauto. Natürlich kann jedes komplexe System Mucken entwickeln. Ich hab mir daher jede Art von auftauchendem Warnsignal notiert, weil ich es nicht gleichermaßen deuten kann wie so manches Scheppern, Klopfen oder Ruckeln bei den guten alten Verbrennern.

Es ist gesellig, auf einen Elektriker umzusteigen. Ich hatte öfter launige Korrespondenz mit der Administratorin, um Dinge zu erfahren wie „Die Batterie hat aber nix und auch die Warnung war dann weg.“ Oder: „Hast du den Schuko-Stecker verwendet oder die Ladestation? Bei letzterer gibt es immer wieder Probleme bzw. Aussetzer, daher die Empfehlung den Schuko-Stecker zu nutzen.“ Fein, wenn man wählen kann!

Ich sehe via Internet, in welchem Ladezustand die Karre auf mich wartet. Wenn etwa am Wochenende permanent 61 Prozent Ladung aufscheinen und ich hab den Wagen für Dienstag gebucht, werde ich also am Montag emsig korrespondieren. Womöglich lädt die Ladestation nicht? Die Administratorin: „Habs gerade umgesteckt. Sollte passen.“ Nichts rührt sich. Ich schreib: „heute, samstag mittag, ist der batteriestand immer noch auf 61% herunten, was heißt, die karre kriegt keinen saft. und wenn der mit BEIDEN kabeln keinen strom saugt: gibts im HAUS eventuell eine sicherung, die die beiden stromquellen verbindet/sperrt?“

Auf ersten Blick alles wie gewohnt. – (Foto: Martin Krusche)
Auf ersten Blick alles wie gewohnt. – (Foto: Martin Krusche)
Der Begriff Motorraum hat eventuell ausgedient. – (Foto: Martin Krusche)
Der Begriff Motorraum hat eventuell ausgedient. – (Foto: Martin Krusche)
Gleisdorfs Bürgermeister Christoph Stark pendelt zwischen Verbrenner und Elektriker. – (Foto: Martin Krusche)
Gleisdorfs Bürgermeister Christoph Stark pendelt zwischen Verbrenner und Elektriker. – (Foto: Martin Krusche)

Bingo! Die Administratorin: „Selbst ist die Frau. Bin gerade in den Raum mit dem Sicherungskasten und - siehe da - die Sicherung für den TAMi-Stecker ist geflogen. Hab den Hebel also umgelegt und es zeigt jetzt zumindest wieder Power am Auto an.“ Fazit: „ich hab mir das gedacht, denn daß ZWEI kreise defekt sind, wäre doch recht unwahrscheinlich.“

So viel zum Thema Redundanz. Damit möchte ich auch ausdrücken, daß Gemeingut ein kommunikatives Verhalten nahelegt. Mir hilft genau das außerdem, meine Kompetenzen voranzubringen, weil ja niemand alleine schlau ist. Aus der Schrauber- und Sammlerszene ist mir das sehr vertraut. Man pflegt das Netzwerk, weil die Community immer mehr weiß als der einzelne Mensch. Eh klar!

Derlei bedingt übrigens auch, daß sich keiner über andere erhaben zu fühlen braucht, was eine sehr praktische Übung ist. Das Gesellige zeigt sich dann im Alltag. Es steht so groß auf der Karre, daß es sich um ein Elektroauto handelt, da wollte jemand anscheinend einen Jumbo Jet beschriften. Aber selbst ohne diese markanten Hinweise fällt der Zoe-Auftritt aus dem Rahmen.

So eine Aufmachung bringt einem öfter kleine Plaudereien ein. Und sei es bloß, daß der Bürgermeister grade vorbeikommt, mindestens kurz Hallo! sagt. Aber womöglich liegt das auch an der angenehmen Überschaubarkeit einer Kleinstadt. Der Grazer Bürgermeister hätte im Vorbeirollen sicher nicht den Kopf aus dem Fenster gesteckt.

Was, bitte, ist das ELEC-System? Es geht doch nicht ganz ohne Handbuch. – (Foto: Martin Krusche)
Was, bitte, ist das ELEC-System? Es geht doch nicht ganz ohne Handbuch. – (Foto: Martin Krusche)
Nur mehr wenige können ein Hochrad fahren. Kommt es mit dem herkömmlichen Auto auch so? – (Foto: Martin Krusche)
Nur mehr wenige können ein Hochrad fahren. Kommt es mit dem herkömmlichen Auto auch so? – (Foto: Martin Krusche)
Derzeit muß man Stromtankstellen noch konzentriert suchen und hoffen, daß ein Steckplatz frei ist. – (Foto: Martin Krusche)
Derzeit muß man Stromtankstellen noch konzentriert suchen und hoffen, daß ein Steckplatz frei ist. – (Foto: Martin Krusche)

Nun sollte ich über all den gemütlichen Aspekten nicht die Konzentration auf die Adaptionsphase unter den Tisch fallen lassen. Natürlich fährt sich der Elektriker in mancher Hinsicht wie ein herkömmlich Verbrenner. Dann kommen aber doch allerhand Details ins Spiel, die eine Neuorientierung verlangen.

Wer vor allem, wie ich, über Jahrzehnte immer mit älteren Gebrauchtwagen unterwegs war, ist eventuell bei konventionellen Autos noch nicht in die Komfortzone umfassender elektronischer Assistenzsystem vorgedrungen.

Die Ära der dicken Kabel wird wohl auch noch zu Ende gehen. (Photo: Martin Krusche)
Die Ära der dicken Kabel wird wohl auch noch zu Ende gehen. (Photo: Martin Krusche)

Ich finde es zum Beispiel gewöhnungsbedürftig, daß man zum Bedienen des Bord-Radios nicht mehr die Hand vom Lenkrad nehmen muß, dafür die Knöpfe nun vom Lenkrad verdeckt werden. Und ich kann mich ärgern, wenn ich nicht weiß, wie man das Navi abstellt, weshalb mich die Maschine eine halbe Stunde lang belabert. Ich gehöre auch noch zu jenen, die eine Rückfahrkamera mit Spurmarkierung auf dem Monitor für einen Scherzartikel halten und die genervt reagieren, wenn eine enge Passage an den Seiten alarmierendes Piepsen auslösen.

Natürlich führen technische Innovationen dazu, daß wir alte Fertigkeiten verlieren. Seit über hundert Jahren wird das Beherrschen eines Automobils von Legionen stürmischer Piloten dem Kapitel Mannesstolz zugerechnet. So als hätte uns die Natur zu Automobilisten gemacht.

Deshalb führen aktuelle Komfortgewinne zu so manchen Wunden im Ego und allein die Idee von autonom fahrenden Autos treibt so manchen Leserbriefschreiber die Palme hoch. Wo bleibt der Mannesstolz, wenn man nicht mehr selbst steuert? Nebenbei bemerkt: Glauben Sie, durchschnittliche Linienpiloten könnten große Flugzeuge noch von Hand fliegen? Ich glaub das nicht. Oder versuchen Sie einmal, falls sich die Gelegenheit bietet, ein klassisches Hochrad (Highwheeler) zu besteigen, um damit eine Runde zu drehen.

Sie werden vielleicht bei so einem historischen Fahrrad schon an der Startphase scheitern. Ganz zu schweigen davon, daß die wenigstens von uns noch in der Lage wären, auf einem Pferd von Gleisdorf wenigstens nach St. Ruprecht zu kommen. Da wir seit rund 200 Jahren in einer permanenten technischen Revolution leben, befinden wir uns in einer andauernden Adaptionsphase, verlieren alte Fertigkeiten, um neue erringen zu können. (Fortsetzung folgt!)