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Puch. Ein Mythos.#

(Der Auftakt einer Erkundung)#

von Martin Krusche

Wir trafen uns auf einer Anhöhe über dem oststeirischen Ilz, um einige Fragen zur Technologie- und Mobilitätsgeschichte der Steiermark zu erörtern. Nestelberg steht namentlich im Kontrast zum darunter liegenden Nestelbach. Die ganze Gegend ist noch erkennbar von der alten agrarischen Welt geprägt.

Kameramann Fritz Erjautz. (Foto: Martin Krusche)
Kameramann Fritz Erjautz. (Foto: Martin Krusche)

Fitz Erjautz hat als versierter Kameramann die Welt gesehen und jene technischen Veränderungsschübe sehr greifbar miterlebt, in denen viele unserer mechanischen Werkzeuge sich in digitale Tools gewandelt haben. Jene Digitale Revolution, die sich in den 1970er Jahren vollzog, da EDV-gestützte Systeme in unser aller Alltag eindrangen, schob Mitte der 1980er die Personal Computers vor sich her, deren Kürzel PC uns längst gut vertraut ist.

Inzwischen benutzten wir mobile Telefone, die ein Vielfaches der Rechenkapazität haben, mit welcher die Männer in der ersten Mondlandefähre auskommen mußten. Außerdem sind wir alle bevorzugte Kinder einer speziellen Ära.

Erst hatte nach dem Zweiten Weltkrieg die Mechanisierung der Landwirtschaft gegriffen, dann folgte Anfang der 1960er eine Volksmotorisierung mit völlig neuen Dimensionen. Begleiterscheinungen eines aufkommenden Wohlstandes, den es in solcher Breite davor nie gegeben hatte.

Der Radler ist als Erfrischungsgetränkt von Radfahrern nach über hundert Jahren immer noch gefragt. (Foto: Martin Krusche)
Der Radler ist als Erfrischungsgetränkt von Radfahrern nach über hundert Jahren immer noch gefragt. (Foto: Martin Krusche)

Das bot uns allen ein Maß an individueller Mobilität, wie es bis dahin unbekannt gewesen ist. Dabei hatten schon Ende des 19. Jahrhunderts Fahrräder in der Form der sogenannten Niederräder (Safeties) für eine soziale Revolution gesorgt. Aus jenen Tagen und Zusammenhängen, da die Velozipedisten begeistert zu Landpartien und Überlandfahrten ausströmten, stammt übrigens ein Erfrischungsgetränk, das wir bis heute kennen: der oder das Radler, eine Mischung aus Bier und Limonade.

Es gibt ein paar gute Gründe, daß unser Gespräch nahe Ilz stattfand. Dort trafen wir uns in einem Anwesen, welches vormals eine Betriebsstätte der Firma Graf Carello war. Ein renommierter Produzent von kleinen Elektrofahrzeugen. Wo heute ein Kulturverein seine Veranstaltungsreihen realisiert, stand zuletzt noch eine riesige Presse. Nein, keine Obstpresse, was in der Gegend naheliegend wäre. Eine Stahlpresse zum Fertigen von Karosserieteilen.

Eines der seltenen Janisch-Räder von zirka 1910. (Foto: Martin Krusche)
Eines der seltenen Janisch-Räder von zirka 1910. (Foto: Martin Krusche)

Richard Graf, der zu jener Unternehmerfamilie gehört, betreibt dort mit seinem Team außerdem ein Beisl, eine Brauerei und ein Biermuseum. Damit erschöpfen sich die Querbezüge zur heimischen Mobilitätsgeschichte keineswegs. Die Graf’sche „Bierwerkstatt“ eignet sich als Ausflugsziel für bewegungshungrige Velozipedisten und Fußkutscher wie schon genau solche Stätten vor über hundert Jahren. Und wer unten in Ilz an der Apotheke vorbeikommt, passiert einen Ort von besonderer Bedeutung.

Richard Graf. (Foto: Martin Krusche)
Richard Graf. (Foto: Martin Krusche)

Dort wirkte einst der „Radelmacher Janisch“. Er hatte die „Erste oststeiermärkische Fahrraderzeugung“ gegründet und höchstwahrscheinlich etliche Komponenten bei Johann Puch in Graz zugekauft.

Von erfahrenen Sammlern höre ich, daß vermutlich kaum mehr als etwa zehn originale Janisch-Radeln mit den markanten Vollscheiben-Kettenblättern erhalten sein dürften, die als hochkarätige Wertgegenstände gelten. Eine exemplarische Geschichte.

Janisch also der Kleinbetrieb im Kontrast zum Fabrikanten. Puch war ein äußerst erfolgreicher Produzent, dem sein einstiger Arbeitgeber Benedict Albl mit seinen hervorragenden Fahrrädern im Konkurrenzkampf schließlich unterlag. Es gab natürlich auch unzählige kleine Produzenten, wie den erwähnte Ferdinand Janisch in Ilz, von denen bei weitem nicht alle so geschäftstüchtig waren. Fahrräder, Motorräder, Automobile, da herrschte nach 1900 durchaus Goldgräberstimmung.

Eine der anschaulichsten steirischen Pleiten unter den kleinen Unternehmern jenes technischen Aufbruchs war in den 1920ern die von Rudolf Ditmar und Otto Urban. Das begann in einer kleinen Schlosserei in der Grazer Schönaugasse und ließ eine Menge Geld untergehen. Es ist gerade noch ein Exemplar des D&U-Wagen erhalten geblieben und jüngst restauriert worden.

Graf Carello im Garteneinsatz. (Foto: Martin Krusche)
Graf Carello im Garteneinsatz. (Foto: Martin Krusche)
Der letzte erhaltene D&U-Wagen. (Foto: Martin Krusche)
Der letzte erhaltene D&U-Wagen. (Foto: Martin Krusche)
Der einizige fahrbereite Albl Phönix. (Foto: Martin Krusche)
Der einizige fahrbereite Albl Phönix. (Foto: Martin Krusche)

Ähnlich verhält es sich mit dem Albl Phönix von 1902, dem ältesten noch fahrbereiten Automobil aus steirischer Produktion. Mehr an Automobilen blieb aus dieser Fabrik nicht übrig, neben etlichen Albl Fahrrädern wie dem gediegenen Graziosa chainless. Genau! Ein Fahrradtyp, der keine Kette, sondern eine Kardanwelle zur Kraftübertragung nützt.

Den Albl Phönix erwähne ich, weil weitgehend vergessen wurde, wie zart und klein frühe Automobile oft waren, die man mit einem französischen Wort Voiturette nannte, was Wägelchen bedeutet. Das schafft in der Dimension einen Bezug zu den kleinen Fahrzeugen, die Graf Carello heute baut.

Was nun mit Fritz Erjautz zu bereden war, drehte sich um die historische Steyr-Daimler-Puch AG und ihre Produkte. Der Mischkonzern wurde über Jahrzehnte zum österreichischen Erinnnerungsort. Das ist im übertragenen Sinn zu verstehen. Dieser Konzern ist ein Mnemotop, hat seinen fixen Platz im kollektiven Gedächtnis der Menschen.

Man kann es leicht überprüfen. Fragen Sie beliebige Menschen jenseits des 30 Geburtstages, ob es in ihrem Leben irgendeinen „Puch-Moment“ gibt, ob aus der eigenen Biographie oder aus der näheren Verwandtschaft, der Familiengeschichte irgendeine Episode erzählt werden kann, die mit einem Produkt der Marke Puch, Steyr oder Steyr-Puch zu tun hat. Sie werden staunen, wie hoch die Trefferquote ist.

Puch G Prototyp von 1978. (Foto: Archiv Krusche)
Puch G Prototyp von 1978. (Foto: Archiv Krusche)

Doch was ich mit Erjautz besprochen hab, geht viel tiefer. Das Puchwerk in Graz, amtlich Die Puchwerke AG, steht exemplarisch für einige sehr markante Aspekte des 20. Jahrhunderts. Die Veränderungen der Arbeitswelt, die Digitalisierung vieler Lebensbereiche, die Novität, daß Maschinen heute von Maschinen lernen, die vielfältigen sozialen Verschiebungen vor dem Hintergrund großer geschichtlicher Kräftespiele, all das läßt sich an diesen heimischen Marken festmachen.

Nehmen Sie nur jenes Beispiel, daß einer der besten Geländewagen der Welt an Nato-Partner Deutschlands als Mercedes Benz G-Klasse verkauft wurde und an andere Armeen als Puch G. Das verweist noch auf den Kalten Krieg, dessen pures Produkte der Steyr-Puch Haflinger war, ein legendäres Allrad-Fahrzeug, das 2019 seinen Sechziger feiert.

So alt ist übrigens auch die Blaue Zweisitzer von Puch, die DS 50, Daisy genannt. Sie war das Nachfolgemodell der bedeutenden Stangl-Puch, der MS 50 aus dem Jahr 1954. Außerdem feiert das Puch Maxi 2019 seinen Fünfziger. dieser Klassiker läuft heute noch im permanenten Alltagseinsatz auf unseren Straßen.

Und was hab ich gesehen, als ich die Veranstatungshalle der Graf’schen „Bierwerkstatt“ betrat? Eine Fünfzehner Steyr in sehr gepflegtem Zustand, aber nicht überrestauriert. Ein Traktor aus den 1950er Jahren, das zweite Modell, welches nach der Stupsnase von 1947 auf den Markt gekommen war. Eine Ikone der agrarischen Welt, erste Mechanisierungsstufe.

Der Fünfzehner Steyr in der „Bierwerkstatt“. (Foto: Martin Krusche)
Der Fünfzehner Steyr in der „Bierwerkstatt“. (Foto: Martin Krusche)

Wen wundert’s, daß dann noch Rudolf Nuster auf seiner 250er daher kam, eines der letzten großen Modelle der Grazer Motorradproduktion, bevor dieses Thema mit der schlanken Puch M 125 abgeschlossen wurde. Das alles bedeutet unter anderem, Geschichten zu diesem Erinnerungsort namens Steyr-Daimler-Puch AG entfalten sich auch abseits des Landeszentrums in relevanter Form. Es sind an vielen solchen Plätzen bemerkenswerte historische Spuren zu finden.

Das ergibt zugleich Geschichten, in dem das einstige Armenhaus der Monarchie, die Oststeiermark, sich völlig verändert hat. Durch Handwerk und kleinindustrielle Entwicklungen verschoben sich die Einkommensverhältnisse, kamen Kaufkraft und der Bedarf nach Gütern wie Dienstleistungen auf, die davor für die Menschen der meist kleinen Selbstversorger-Wirtschaften völlig unerschwinglich waren.

Das ist mehrheitlich Stoff der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und es ist überwiegend Teil unserer eigenen Lebensgeschichten. In eben jenem Zusammenhang sind ein paar Rückblicke interessant: Was hat uns an die heutige Stelle gebracht? Das meint nun eine Existenz mitten in der Vierten Industriellen Revolution. Wir haben fundamentale Gründe, die Koexistenz von Menschen und Maschinen neu zu klären.

Wir brauchen dazu taugliche Befunde vom Zustand der Welt. Die alten Denkmuster des Verhältnisses Zentrum-Provinz sind vollkommen hinfällig. Individuelle Mobilität plus Telekommunikation und Telepräsenz haben das alles völlig aufgebrochen. So auch: wir haben für einige Stunden auf den Hügeln über Ilz eine Arbeit geleistet, die man in Graz und Wien nicht besser machen könnte.

Fritz Erjautz an der langlebigen 250er Puch. (Foto: Martin Krusche)
Fritz Erjautz an der langlebigen 250er Puch. (Foto: Martin Krusche)

All das mit einem Blick auf die Steiermark, die nun seit 200 Jahren eine permanente technische Revolution erlebt. Das beginnt praktisch mit den wichtigen Englandreisen des Erzherzog Johann von Österreich, Bruder des Kaisers und ein für seine Zeit extrem untypischer Aristokrat. In den Jahren 1815/1816 besuchte er James Watt und ließ sich über die Innovationen des neuen Maschinenzeitalters informieren.

Das ist nur eines der Beispiele, wegen derer ich bezüglich der Steiermark gerne betone: Weltgeschichte berührt Regionalgeschichte. Wir hatten hier über Jahrhunderte genug inspirierte Leute, die entweder auf bedeutende Impulse von außen angemessen reagieren konnten oder ihrerseits zu Schöpfern und Impulsgebern wurden.

Ich nenne ein kleines Beispiel. Hinter dem Haus der „Bierwerkstatt“ hatte ich eine alten Wendepflug entdeckt, vor dessen zwei Pflugscharen je ein markanter Messer-Sech steckt. Eine Komponente zum leichteren Aufbrechen der Erde. Das geht auf den „Fernitzer Pflug“ zurück, seinerzeit eine Innovation von einem Schlosser aus Vasoldsberg, mit der die Effizienz der Pflüge wesentlich verbessert und das Umbauen erleichtert wurde. Erzherzog Johann griff das auf und sorgt für eine Verbreitung der Konstruktion eines lokalen Tüftlers.

Der Messer-Sech am Wendepflug. (Foto: Martin Krusche)
Der Messer-Sech am Wendepflug. (Foto: Martin Krusche)

So ist es bis heute und vieles davon wird allgemein gar nicht wahrgenommen. Oder wußten Sie etwa, daß ein Großteil der weltweit genutzten elektronischen Ausweiskartensysteme in der Steiermark entwickelt wurden? Auch der steirische Autocluster sorgt nach wie vor für Produkte von Weltrang.

Aber ich konzentriere mich mit Erjautz nun auf einige kulturelle Agenda, wo wir uns auf ein Stück Geschichtsbetrachtung jener letzten 200 Jahre konzentrieren. Das berührt dann auch die Frage, wie sich etwa Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst zueinander verhalten. Das streift überdies Fragen anch einer Volkskultur in der technischen Welt und nach den Entwicklungen und Kompetenzen unter der Begrifflichkeit „Altes Handwerk“.

Ja, das wirkt alles auf Anhieb sehr komplex und stellenweise verwirrend. Aber genau deshalb verlangt es ja nach einigen Anstrengungen, die in ihren Bezugspunkten freilich über regionale Zusammenhänge weit hinausreichen und in einigen Momenten globaler Natur sind. Die Steiermark bietet uns den Vorteil, daß sie viel davon abbildet, das auch gegenwärtig zeigt, und zwar auf der Höhe der Zeit. Mythos und Lebenspraxis sind seit jeher eng verknüpft…

Weiterführend#